«Mehr Schulaufgaben statt Hausaufgaben»

Der Schulleiterverband will die klassischen Hausaufgaben abschaffen. Was er konkret vorhat und wie die Ufzgi heute geregelt sind.

Sind bei Hausaufgaben oft überlastet: Eltern mit mehreren Kindern. (Bild: Argus / Mike Schroeder)

Sind bei Hausaufgaben oft überlastet: Eltern mit mehreren Kindern. (Bild: Argus / Mike Schroeder)

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Der Schweizer Schulleiterverband befeuert die Debatte um Hausaufgaben neu. Lisa Lehner, Vizepräsidentin des Verbands, beklagte sich in der Zeitung «Schweiz am Sonntag» über zunehmende Anrufe von Eltern, die mit ihren Kindern aneinandergeraten, weil sie keine Zeit haben, beim Stoff zu helfen. «Wir sollten die klassischen Hausaufgaben abschaffen», forderte sie deshalb. Auch Verbandspräsident Bernard Gertsch sprach sich für Änderungen aus. Schüler, die sich zu Hause an niemanden wenden könnten, seien benachteiligt und in ihrer Entwicklung gefährdet.

«Es trifft immer die Gleichen. Das darf einfach nicht sein.»Bernard Gertsch, Präsident Schulleiterverband

«Es geht nicht einfach darum, etwas abzuschaffen, sondern um die Minimierung der Konflikte, die mit den Hausaufgaben entstehen», erklärt Gertsch auf Nachfrage. Hausaufgaben sollten seiner Meinung nach abnehmen, «Schulaufgaben», wie er es nennt, dafür zunehmen. «Die Schulen müssen mehr Gefässe anbieten für Kinder, die zu Hause keine günstigen Bedingungen haben und Unterstützung benötigen», so Gertsch.

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Es gebe auch sinnvolle Hausaufgaben. Schlimm sei aber, wenn Schüler Übungen zu Hause weiter lösen müssten, mit denen sie im Unterricht nicht fertig geworden seien. «Es trifft dann immer die Gleichen, die langsamer sind. Das darf einfach nicht sein», findet Gertsch. Aus seiner Sicht müssen Kinder trotz der steigenden Anforderungen an die Schule genügend Freizeit erhalten. Um dies zu gewährleisten, brauche es Hausaufgabenstunden. Immer mehr Schulen würden solche anbieten, gleichzeitig aber könne man eine Zunahme der Hausaufgaben feststellen.

«Schüler sollten sich mit dem Stoff beschäftigen, ohne dass jemand immer alles erklärt.»Beat Zemp, Präsident Lehrerverband

Laut Gertsch gibt es immer mehr Fachlehrpersonen, also Lehrer, die nur ein Fach unterrichten, dafür gleich in mehreren Klassen. Im Gegensatz zu einem Klassenlehrer haben diese nicht den Überblick über den Umfang der Übungen, welche die Schüler schon erhalten haben. «Mit mehr Fachlehrpersonen steigt das Risiko, dass den Schülern zu viele Hausaufgaben zugemutet werden», sagt Gertsch. Dies sei vor allem auf Primarstufe ein Problem, wo die Kinder in der Regel mehr Unterstützung brauchten als in der Sekundarschule.

Auch Beat Zemp, Präsident des Lehrerverbandes, hat diese Problematik erkannt. Wie Gertsch befürwortet er Lösungen, welche die Erledigung von Hausaufgaben innerhalb des Schulareals ermöglichen. Gleichzeitig warnt er aber vor deren Abschaffung: «Es braucht eine Lernsequenz, in der sich die Schüler selbst mit dem Stoff beschäftigen, ohne dass jemand immer gleich alles erklärt.» Sonst seien sie in der Prüfungssituation überfordert, wo sie selbstständig einen Lösungsweg finden müssten. Gertsch hingegen glaubt, dass die Ziele des selbstständigen Arbeitens auch ohne Hausaufgaben erreicht werden können.

«Wir wollen nicht, dass der Kanton Empfehlungen gibt.»Bernard Gertsch, Präsident Schulleiterverband

Wie viele Hausaufgaben die Schülerinnen und Schüler erhalten, entscheiden die Lehrpersonen selbst. Zwar gibt es in einigen Kantonen Richtzeiten und Obergrenzen, aber das sind nur Empfehlungen. Im Kanton Zürich beispielsweise ist der zeitliche Umfang für Hausaufgaben gar nicht im Lehrplan vorgegeben. «Sie müssen einfach ohne fachliche Hilfe der Eltern lösbar sein und dürfen keine Überbelastung mit sich bringen», sagt Marion Völger, Chefin des Zürcher Volksschulamtes.

Auf Primarschulstufe gibt es laut Zemp Faustregeln. Zehn Minuten mehr Hausaufgaben pro Woche jedes Schuljahr sei so eine. Letztlich liege es aber an den Lehrern selbst, die Maximalwerte einzuhalten. Aus Sicht des Schulleiterverbandes soll das auch so bleiben. «Wir wollen nicht, dass der Kanton Empfehlungen gibt. Unser Ziel ist es, dass die Schulleitungen dieses Thema zusammen mit Lehrern und Eltern aufgreifen und gute Lösungen suchen», so Gertsch.

«Eltern wollen wissen, wo ihr Kind steht.»Bernard Gertsch, Präsident Schulleiterverband

Gerade vonseiten der Eltern gibt es allerdings traditionell Widerstand gegen eine Abschaffung von Hausaufgaben. Denn diese geben Auskunft darüber, was der Nachwuchs in der Schule gerade macht und wo er allenfalls Schwierigkeiten hat. Gertsch kann das nachvollziehen: «Es ist ein legitimes Bedürfnis der Eltern, wissen zu wollen, wo ihr Kind steht.» Dies sei aber auch in anderer Form möglich.

Anstatt über Hausaufgaben könnte die Lehrperson die Eltern beispielsweise auch mit einem Kontaktheft auf dem Laufenden halten, schlägt Gertsch vor. Die Schulen müssten sich einfach neue Kontaktformen überlegen. Deshalb diskutiere die Geschäftsleitung des Schulleiterverbands am Donnerstag, wie sie vorgehen wolle. Im Oktober steht dann eine Konferenz des Verbands an. Da solle mit den Schulleitungen aller Kantone folgende Frage diskutiert werden: Wie kann man auch mit weniger Hausaufgaben erfolgreich Schule geben?

Erstellt: 29.08.2016, 19:25 Uhr

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