Mein Gott, ist das langweilig!

Fluch und Segen des Systems: Zwei Tage nach Didier Burkhalters Rücktritt ist schon alles klar.

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Wie gross die Verzweiflung der Bundeshausjournalisten heute bereits ist, gefühlte zwei Stunden nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter, lässt sich in der «Basler Zeitung» vom Freitag schön dokumentieren. Auf Seite 4 darf Thomas Matter, ein SVPler mit Wurzeln im Baselbiet, Daniela Schneeberger, eine Freisinnige aus dem gleichen Kanton, zur nächsten Bundesrätin ausrufen.

Frau Schneeberger wird in ihrem Leben vielleicht noch vieles. Schweizer Meisterin im Paartanzen (sie nennt sich ein «Tanzfüdle»), Ehrenpräsidentin der lokalen Treuhänder-Vereinigung, eventuell auch Lottogewinnerin. Aber ganz GANZ sicher nicht Bundesrätin.

SP-Präsident Christian Levrat nennt die Phase vor einer Bundesratswahl die «Zeit der Hinterbänkler», und diese Saison hat nun begonnen. Ab sofort darf man sich auf allerlei verrückte Theorien und «Geheimpläne» in den Sonntagsmedien (und leider nicht nur da) freuen. So spannend ist die Bundesratswahl!

Wir wissen fast alles

Nur: Das ist leider eine Lüge. Selten war es für Hinterbänkler derart schwierig, eine auch nur halbwegs plausible Verschwörungstheorie in die Welt zu setzen. Zwei Tage nach dem Rücktritt von Didier Burkhalter zeigt sich Segen und Fluch des Schweizer Politsystems in aller Deutlichkeit: Es ist unglaublich stabil. Und unendlich langweilig.

Zwei Tage nach dem Rücktritt des Aussenministers wissen wir eigentlich schon alles. Der Sitzanspruch der FDP ist unbestritten, und wenn die SP das Gegenteil behauptet, dann ist das höchstens ritueller Natur. Der Sitz wird ins Tessin gehen. An einen Mann. Ungefragt und unaufgefordert haben die FDP-Frauen ihren Anspruch auf eine Frauenkandidatur zurückgestellt. Weil sie auch alles wissen. Johann Schneider-Ammann wird die Legislatur abschliessen (nun besteht keine Eile mehr), seine Nachfolgerin wird aus der Ostschweiz kommen und eine Frau sein (mit Namen Karin Keller-Sutter).

Dass FDP-Fraktionschef Ignazio Cassis den Sitz von Burkhalter so gut wie auf sicher hat, sollte nicht noch irgendwo eine schwarze Kasse auftauchen (dass er als Präsident des Gesundheitskommission unendlich viel Geld von den Krankenkassen erhält, das ist für seine Mitparlamentarier schon in Ordnung), ist eben auch ein Merkmal unseres Systems. Wer soll es denn sonst werden? Irgendein unbekannter Regierungsrat? Cassis ist ein berechenbares Risiko, man kennt ihn im Bundeshaus, er ist so durchschnittlich, wie ein Bundesrat durchschnittlich zu sein hat. Ignazio Cassis ist Bundesratsmaterial. Im guten wie im schlechten Sinne.

Der Journalist darf klagen

Die Vorhersehbarkeit und Langeweile sind der Preis für unser System. Als Journalist darf man das gerne beklagen. Drei Monate dauert es noch bis zur Bundesratswahl. Drei Monate voller «fiebriger» Geschichten, von denen man selber weiss, dass sie oft einfach nur Quatsch sind. Dann endlich die «Nacht der langen Messer», von der man live tickern und nichts erfahren wird (ausser den zunehmenden Grad der Betrunkenheit der Parlamentarier und Journalisten). Und dann, endlich, die Wahl. Der hohe Feiertag der Schweizer Politik, der ähnlich ereignislos wie sonst ablaufen wird.

Wie war das bei den letzten paar Bundesratswahlen? Berset gegen Maillard: Gut vernetzter Ständerat gegen linksauslegenden und unbekannten Regierungsrat. Sommaruga gegen Fehr: Gut vernetzte Ständerätin gegen Nationalrätin, die sich in ihrem Leben mit zu vielen Parlamentariern angelegt hatte. Schneider-Ammann gegen Keller-Sutter: Gut vernetzter Patron aus dem Parlament gegen zu dynamische, zu forsche und zu unbekannte Regierungsrätin. Das waren keine Duelle, das waren Unvermeidbarkeiten.

Was man als Journalist bedauert, sollte man als Bürger schätzen. Konsens, Durchschnittlichkeit, Vorhersehbarkeit und gepflegte Langeweile sind nun mal die besten Bedingungen für Stabilität. Für Kontinuität. Und damit für Erfolg. Dass man deswegen manchmal von der Welt ignoriert wird: Man muss damit leben können. Als die Schweiz-Korrespondentin einer grossen deutschen Zeitung ihrer Zentrale eine kurze Meldung über den Rücktritt von Didier Burkhalter vorschlug, da schüttelte der zuständige Redaktor nur den Kopf. Es sei gerade sehr viel Wichtiges los in der Welt, sagte er.

Burkhalter schaffte es nicht in die Zeitung. Und das war wahrscheinlich auch genau richtig so.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2017, 00:09 Uhr

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