Minus 400'000 Camions über die Alpen

Will die Schweiz ihre Klimaziele erreichen, muss die Zahl der alpenquerenden Lastwagen von heute einer Million Lastwagen drastisch reduziert werden. Das zeigt eine neue Studie.

Wie viele Lastwagen verkraftet die Schweiz? (Bild: Axenstrasse zwischen Brunnen und Flüelen). Foto: Sigi Tischler/Keystone

Wie viele Lastwagen verkraftet die Schweiz? (Bild: Axenstrasse zwischen Brunnen und Flüelen). Foto: Sigi Tischler/Keystone

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Verkehrsministerin Doris Leuthard reist mit ehrgeizigen Zielen im Gepäck zum bevorstehenden Klimagipfel in Paris. So will die CVP-Magistratin und mit ihr der Gesamtbundesrat den Ausstoss an klimaschädlichen Treibhausgasen zwischen 2020 und 2030 um 50 Prozent verringern, davon mindestens 30 Prozent im Inland. Ob diese Absenkung gelingt, hängt nicht zuletzt vom alpenquerenden Güterverkehr ab – so sieht es zumindest der Umweltverein Alpen-Initiative. Die Klimabilanz betrage derzeit rund 0,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, wovon mehr als 95 Prozent der Schwerverkehr auf der Strasse verursache, rechnen die Alpenschützer vor.

Am Montagmorgen haben sie in Bern eine neue Studie präsentiert, die sie bei Städteplaner und Verkehrswirtschaftsexperte François Périllon in Auftrag gegeben haben. Die Arbeit zeigt auf, welche Konsequenzen sich für den Güterverkehr aus den skizzierten Klimazielen ergeben. Demnach muss die Zahl alpenquerender Lastwagen auf der Strasse markant sinken, von heute 1 Million auf unter 600'000. Zur Einordnung: Das Verlagerungsziel, welches das Parlament nach dem Ja des Schweizer Stimmvolks 1994 zum Alpenschutz-Artikel festgesetzt hat, muss bis 2018 erreicht sein, also zwei Jahre nach Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels. Ab dann dürfen maximal 650'000 Lastwagen pro Jahr die Alpen auf Schweizer Gebiet durchqueren. Dieses Ziel, sagt Jon Pult, Präsident der Alpen-Initiative, müsse angesichts der Klimaziele der Schweiz noch restriktiver werden. Will die Schweiz bis 2050 ihren Treibhausgasausstoss gar um 70 Prozent reduzieren, muss die Lastwagenzahl laut Studie weiter sinken, je nach Entwicklung der Technik respektive des CO2-Ausstosses der Fahrzeuge auf zwischen 585'000 und 279'000.

Bundesrat gibt Gegensteuer

Aus der Studie leitet die Alpen-Initiative eine Reihe von Forderungen ab. So soll der Bundesrat die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) auf das erlaubte Maximum von 325 Franken anheben – also rund 50 Franken mehr, als ein Transit-Lastwagen heute bezahle. Zudem muss die Schweiz nach Ansicht der Alpenschützer zwingend am Fahrtenziel von 650'000 Lastwagen festhalten. Doch die Zeichen dafür stehen nicht eben gut. Bereits vor zwei Jahren hat der Bundesrat klargemacht, das Fahrtenziel sei nicht sakrosankt. Da die Technik stetig Fortschritte mache, würden die Fahrzeuge abgasärmer. Er wolle deshalb die Verlagerungspolitik in Zukunft «stärker umwelt- und klimapolitisch» einbetten. Letztes Jahr hiess er zudem ein Postulat der FDP-Fraktion gut, das die quantitative Zielsetzung faktisch abschwächen will.

Aufschlussreich ist schliesslich eine Antwort, die der Bundesrat letzte Woche auf einen Vorstoss von Nationalrat Jürg Grossen (GLP) gegeben hat. Die Landesregierung macht darin klar, dass sie keine engere Anbindung der Verlagerungspolitik mit der Klimapolitik anstrebe. Dies, weil der Anteil des alpenquerenden Güterverkehrs an den gesamten Treibhausgasemissionen vergleichsweise klein sei. Werde das Verlagerungsziel erreicht, so lassen sich laut Bundesrat die CO2-Emissionen um 0,4 Tonnen pro Jahr reduzieren, davon knapp 0,2 in der Schweiz. Dies entspräche, bezogen auf die gesamten CO2-Emissionen der Schweiz von 43,3 Millionen Tonnen, jedoch bloss einer Verringerung um 0,4 Prozent, argumentiert der Bundesrat – und erntet dafür Kritik. Regula Rytz, Co-Präsidentin der Grünen, sagt, der Bundesrat verliere seine klimapolitische Glaubwürdigkeit, «wenn er bei den konkreten Massnahmen auf die Bremse steht».

Hoffen dürfen die Alpenschützer, was ihre letzte Forderung betrifft: die Einführung von CO2-Vorschriften für Lastwagen. Der Bundesrat stellt in seiner Antwort auf Grossens Vorstoss in Aussicht, diese Option im Rahmen der geplanten Revision des CO2-Gesetzes zu prüfen.

Erstellt: 23.11.2015, 17:30 Uhr

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