Mit dem 4-jährigen Sohn zum IS

Für ihre mutmasslichen Reiseversuche in den Jihad kommt eine 31-jährige Winterthurerin in zwei Wochen vor das Bundesstrafgericht.

F. S. lernte Arabisch, um islamistische Schriften zu verstehen: Eine Frau in der Al-Azhar-Moschee in Kairo. Foto: Amr Dalsh (Reuters)

F. S. lernte Arabisch, um islamistische Schriften zu verstehen: Eine Frau in der Al-Azhar-Moschee in Kairo. Foto: Amr Dalsh (Reuters)

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«Egypt we are coming», schreibt der ­Vater des 4-jährigen Buben am 8. Januar 2016 auf Facebook. Dazu stellt er ein Bild, das die beiden in einer Maschine der Fluggesellschaft Egypt Air zeigt. Links der Bub, braune Locken, schwarz-weisser Wollpullover, er lächelt. Sein Vater grinst breit, auch er trägt einen Wollpullover, grau, sein Haar hat er mit Gel zurückgekämmt. Beide wirken entspannt, erleichtert auch.

Vorausgegangen sind dem Bild bange Tage – zumindest für den Vater, einen Ägypter. Am 28. Dezember 2015 hatte seine 29-jährige Frau, mit der er in Trennung lebt, in Begleitung des gemeinsamen Sohnes heimlich Kairo verlassen. Mit Zug und Bus gelangen sie ins ägyptische Matrouh am Mittelmeer und von dort illegal mit einem Schlepper für 12'000 Franken auf die griechische Insel Kreta. Per Flugzeug reisen sie weiter nach Athen. Die Frau will via Türkei ins syrische Raqqa gelangen, um sich mutmasslich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschliessen. Doch in Griechenland wird sie gestoppt und anschliessend in die Schweiz geschickt; dort wird sie bei der Einreise am Flughafen Zürich am 11. Januar 2016 verhaftet.

Der Vater ist da mit dem Sohn bereits zurück in seiner Heimat. Er hatte die griechische Polizei alarmiert und war Frau und Sohn hinterhergereist. Via Facebook meldet er sich in jenen Tagen mehrmals. «My son was kidnapped», schreibt er am 29. Dezember 2015. Am 3. Januar 2016 postet er ein Bild einer griechischen Polizeistation. Vor dem Gebäude stehen zwei weisse Polizeiautos, es liegt Schnee, eine EU-Fahne weht. Am 9. Januar dankt er seinem Anwalt – «der beste Anwalt, den ich je hatte».

Parallelen zum Fall A. J.

Die Frau, von der diese Geschichte handelt, heisst F. S. und stammt aus Winterthur. Am 15. Dezember 2017 muss sie sich vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona für die mutmassliche Reise in den Jihad verantworten. Die Bundesanwaltschaft (BA) wirft der heute 31-jährigen Schweizerin vor, gegen das Al-Qaida- und IS-Gesetz verstossen zu haben. Sie habe etwa seit dem Sommer 2014 bis zu ihrer Festnahme wissentlich und willentlich die Aktivitäten des Islamischen Staates gefördert. Welche Strafe die BA fordert, gibt sie erst am Prozess bekannt. Bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Gerichtsurteils gilt für F. S. die Unschuldsvermutung.

Schon jetzt ist klar: Die BA sieht den Fall der Winterthurerin im Kontext der bisherigen Strafverfolgung von sogenannten Jihad-Reisenden. In einer Mitteilung verweist sie explizit auf den Fall von A. J., der ebenfalls aus Winterthur stammt und im Sommer 2016 vom Bundesstrafgericht zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt wurde. Das Bundesgericht bestätigte das Urteil acht Monate später.

Wie F. S. wurde auch der damals knapp 25-Jährige am Flughafen Zürich verhaftet, im April 2015. Er wollte nach Istanbul fliegen, um von dort zu seinen Winterthurer Freunden zu gelangen; sie weilten beim IS in Syrien. Mit ihm kam zum ersten Mal ein Beschuldigter wegen Verstosses gegen das erst Ende 2014 erlassene IS-Gesetz vor Gericht – ein Präzedenzfall für die Schweizer Justiz. Er ermöglicht es, künftige Jihad-Reisende, die es nicht bis ins Kriegsgebiet schaffen, zur Rechenschaft zu ziehen.

Sie hiesse es gut, wenn hier ein Anschlag verübt würde, denn die Schweiz unterstütze Frankreich im Kampf gegen den IS.

Der Winterthurer mit libanesischen Wurzeln hatte – genau wie andere spätere Jihad-Reisende – die mittlerweile geschlossene An’Nur-Moschee besucht. Vier Tage vor seiner geplanten Abreise verabschiedete er sich dort von zahlreichen Moscheegängern. Das Bundesgericht sah es deshalb als erwiesen an, dass diese über die Reise im Bilde waren. Er habe «nicht nur Bewunderung bei Gleichgesinnten ausgelöst, eine mögliche Nachahmung begünstigt und der Anziehungskraft der terroristischen Organisation Vorschub geleistet», heisst es im Urteil. Vielmehr habe er «aktive Werbung für diese Ziele» betrieben.

Die Geschichte der Konvertitin F. S. verlief anders. Zwar frequentierte auch sie die An’Nur-Moschee, jedoch erst nach ihrer unfreiwilligen Rückkehr in die Schweiz. Über ihre Radikalisierung ist noch nicht viel bekannt, sie soll hauptsächlich in Ägypten erfolgt sein – über das Internet, wie es in der Anklageschrift heisst. Sie liegt dieser Zeitung vor. Konkreter wird der Ex-Mann: F. S. sei über Twitter von Extremisten kontaktiert und angeworben worden, sagte er der NZZ im Januar 2016. Er habe Hinweise auf ihrem Computer gefunden.

Aufgewachsen ist die Beschuldigte mit zwei Geschwistern in Winterthur-Töss. Die Tochter eines ehemaligen CVP-Politikers hat eine Lehre bei den SBB absolviert und dort anschliessend rund drei Jahre lang als Betriebssekretärin gearbeitet. Parallel dazu erwarb sie ein Diplom als Tourismusfachfrau sowie später einen Bachelor in Betriebswirtschaft an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Dies geht aus einem Lebenslauf hervor, den sie in den sozialen Medien veröffentlicht hat. Ebenfalls aus dem Internet bekannt ist, dass F. S. mehrere Sprachen spricht. Einst gab sie Reisen, andere Kulturen, Diskutieren, Freunde, Politik und Aerobic als ihre Hobbys an. Den Vater ihres Sohnes lernte sie offenbar in Paris kennen, wo beide zu Studienzwecken weilten. Zusammen zogen sie nach Ägypten und heirateten. Ende Dezember 2011 kommt A. zur Welt. Da ist sie bereits seit rund zwei Jahren Muslimin.

Sie «liebt» den Islamischen Staat

Dann beginnt sie sich zu radikalisieren. Sie sieht sich Videos des deutschen Islampredigers Pierre Vogel an, bis er ihr nicht mehr radikal genug ist. Lernt Arabisch, um unter anderem Schriften des islamistischen Extremisten Anwar al-Awlaki zu verstehen, er war als Anwerber der Terrororganisation al-Qaida tätig. Sie legt den Nikab an. Wirft den Rasierapparat ihres Mannes weg. Will ihn in knöchellangen Männergewändern sehen. So erzählte er es der NZZ. «Ich dachte, es sei nur eine kurze Phase, die bald vorbei sein würde.» Doch sie sei «immer radikaler» geworden. Mittlerweile will er sich Medien gegenüber nicht mehr äussern. Auch F. S. selbst sowie ihre Eltern lehnen Gespräche ab.

War ihr Mann der Grund, warum sie einst zum Islam konvertierte? Wieso entschied sie sich zur Reise, die ihr jetzt zur Last gelegt wird? Und wie denkt sie heute über den IS? Ein paar Antworten liefert die Anklageschrift: Die Beschuldigte «liebt» den IS, heisst es dort. Sie sei überzeugt, dass es am besten sei, nach den islamischen Gesetzen zu leben. Und dass es die Pflicht jedes Muslims sei, den IS zu unterstützen. Sie identifiziere sich mit dessen Ideologie, von westlichen Werten habe sie sich «losgesagt».

Sie würde einen Anschlag gutheissen

Das mag erklären, warum ein Projekt der Winterthurer Arbeitsintegration gescheitert ist – zumindest hinsichtlich einer Deradikalisierung. Die Behörden hatten ihr nach ihrer Rückkehr eine Stelle in der stadteigenen Papiermanufaktur vermittelt. Sie hielt an ihrer Überzeugung fest, schliesslich wurde das Projekt gestoppt.

Die 31-Jährige sieht laut der Anklage kein Leben für sich in der Schweiz. Sie würde es gutheissen, sollte hier ein Anschlag verübt werden, weil die Schweiz Frankreich im Kampf gegen den IS unterstütze. Auch «System, Recht und Regierung» der Schweiz lehne sie ab. Wohl auch deshalb wollte sie zum IS gelangen. Nach ihrer Festnahme in Griechenland am 2. Januar 2016 versuchte sie es «umgehend zwei weitere Male». Sie wurde wieder zurückgeschickt.

* Namen der Redaktion bekannt

Erstellt: 01.12.2017, 22:47 Uhr

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