«Mit E-Zigis kam ein gefährliches Produkt auf den Markt»

Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Suchtfragen, ist alarmiert: Wenn Kinder bereits so früh Nikotin konsumierten, habe dies gravierende Folgen.

«Alle Substanzen, die bei Kindern und Jugendlichen aufs Gehirn wirken, sind grundsätzlich mit grosser Vorsicht zu konsumieren», sagt Suchtexperte Toni Berthel. Foto: Manuela Matt

«Alle Substanzen, die bei Kindern und Jugendlichen aufs Gehirn wirken, sind grundsätzlich mit grosser Vorsicht zu konsumieren», sagt Suchtexperte Toni Berthel. Foto: Manuela Matt

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Jugendliche ziehen häufiger an einer E-Zigarette als an einem herkömmlichen Glimmstengel. Erstaunt Sie diese Erkenntnis der jüngsten Suchtstudie?
Man darf nicht vergessen, dass es sich dabei um Kinder handelt, 15-jährig und noch voll im Wachstum. Offensichtlich sind sich die Buben und Mädchen nicht bewusst, welche Gefahr vom Nikotinkonsum ausgeht.

Zumindest rauchen sie ein bisschen weniger?
Das ist zwar erfreulich, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit den E-Zigaretten in den letzten Jahren ein gefährliches und in seinen Langzeitfolgen noch unbekanntes Produkt auf den Markt gekommen ist. Insbesondere für Kinder, die durch den Konsum von Nikotin süchtig werden können. Im Jugendalter werden im Gehirn viele Verschaltungen neu gebildet. Alle Substanzen, die bei Kindern und Jugendlichen aufs Gehirn wirken, sind grundsätzlich mit grosser Vorsicht zu konsumieren.

«Kinder gewöhnen sich daran, bei Stress oder Langeweile zur E-Zigarette zu greifen.»Toni Berthel

Wie gefährlich ist Nikotin?
Es macht sehr schnell sehr stark abhängig. Das Perfide am Nikotin ist, dass es sehr unterschiedliche Wirkungen in sich vereint: einerseits entspannend und andererseits euphorisierend. Zudem wirkt die Abhängigkeit, sei dies nun von einer E-Zigarette oder einer herkömmlichen Zigarette, stark auf die Psyche ein, gerade bei Kindern.

Inwiefern?
Kinder entwickeln dadurch schon sehr früh ein Suchtverhalten und gewöhnen sich daran, bei Stress oder Langeweile zur E-Zigarette zu greifen. Das führt dazu, dass sie eher geneigt sind, ihre innere Befindlichkeit mit äusseren, passiven Faktoren zu stabilisieren.

Also eine klassische Einstiegsdroge?
Dieser Ausdruck ist durch die Diskussion um Cannabis als angebliche Einstiegsdroge sehr stark belastet, und ich verwende ihn auch in diesem Zusammenhang nicht. Aber es ist eine Tatsache, dass Süchtige dazu neigen, auch weitere abhängig machende Substanzen einzunehmen. Sogenannter Monokonsum ist selten.


Artikel: Mehr psychisch Kranke wegen Cannabis Eine grosse Studie in zehn europäischen Städten zeigt: Täglicher Konsum und hohe THC-Mengen dürften die Zahl der psychischen Erkrankungen deutlich erhöhen. (Abo+)


Haben Sie eine Erklärung, weshalb E-Zigaretten bei den Buben und Mädchen so gut ankommen?
Weil sie sich nicht bewusst sind, wie gefährlich E-Zigaretten sind, ist die Hemmschwelle natürlich kleiner, eine solche einmal auszuprobieren. Sie sind cool und erinnern mit ihren vielfältigen Geschmacksrichtungen von Erdbeer bis Vanille nicht an Tabak. Zudem dürfte der Markteintritt von Juul zu einem weiteren Anstieg des Konsums bei Kindern und Jugendlichen führen.

Was kann man gegen diesen Boom machen?
Noch fallen E-Zigaretten in den Geltungsbereich des Lebensmittelrechts und werden als Gebrauchsgegenstände behandelt. Es braucht möglichst schnell eine eidgenössische Regelung, welche den Verkauf von E-Zigaretten an Minderjährige verbietet und dank der entsprechend sanktioniert werden kann. Hilfreich wäre auch ein rigoroses Werbeverbot für diese Produkte. Schliesslich sind auch die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder auf die Gefahren hinzuweisen. Bei Substanzen, die abhängig machen, müssen wir als Gesellschaft die Verantwortung übernehmen und Kinder und Jugendliche schützen.

Erstellt: 28.03.2019, 12:20 Uhr

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