«Mit mittleren Einkommen ist Bausparen kaum möglich»

Der liberale Ökonom Silvio Borner hält eine staatliche Förderung von Wohneigentum für falsch. Sie erhöhe den Landverschleiss und nütze Leuten mit hohem Einkommen.

«Mit mittlerem Einkommen ist Bausparen kaum möglich»: Hausbau im Kanton Zürich.

«Mit mittlerem Einkommen ist Bausparen kaum möglich»: Hausbau im Kanton Zürich. Bild: Keystone

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Die Schweiz hat eine tiefe Hauseigentümerquote. Was spricht für Sie als Ökonom gegen eine staatliche Förderung des Wohneigentums?
Es gibt bereits Fördermassnahmen. Man kann Gelder der zweiten und dritten Säule fürs Eigenheim einsetzen, Hypothekarzinsen abziehen, und der Eigenmietwert wird unter dem Marktwert des Wohneigentums festgelegt. Unter Ökonomen ist weitgehend unbestritten, dass von Bausparabzügen vor allem Leute mit hohem Einkommen profitieren, die sich sowieso Wohneigentum leisten können. Mit mittleren Einkommen ist Bausparen kaum möglich.

Dann müsste man den Steuerabzug für die Säule 3a abschaffen. Davon profitieren vor allem Besserverdienende.
Hier gibt es einen volkswirtschaftlichen Nutzen und ein öffentliches Interesse. Wer im Alter genügend Erspartes hat, fällt dem Steuerzahler nicht zur Last. Unschön daran ist höchstens, dass gewisse Seniorenorganisationen dazu raten, das gesparte Geld rechtzeitig zu verpulvern, sodass der Staat über Ergänzungsleistungen den Heimaufenthalt dann doch mitfinanzieren muss. Allerdings wird es nicht so viele Senioren geben, die ihr Erspartes locker ausgeben.

Die Initianten der Bausparinitiative wiesen in einer Studie nach: Die Hälfte der Baselbieter Bausparer hat ein steuerbares Einkommen unter 60'000 Franken.
Diese Studie ist bald zehn Jahre alt, zudem liegt das steuerbare Einkommen weit unter dem Bruttoeinkommen. Die Aussagekraft dieser Zahl ist begrenzt. Ein absoluter Hohn in der Studie ist aber die Aussage zum Multiplikatoreffekt: dass aus jedem nicht eingenommenen Steuerfranken Bauinvestitionen entstünden, die dem Kanton unter dem Strich mehr Einnahmen bescherten. Die Mieter wohnen auch irgendwo, nur tätigen andere die Bauinvestitionen für sie.

In der Schweiz haben 40 Prozent ein Eigenheim. Nirgends in Europa ist der Anteil so tief. Wieso?
Die tiefe Quote ist ein Zeichen unseres grossen Wohlstands und gut funktionierenden Mietmarktes. In vielen Ländern ist das Mietrecht so restriktiv, dass kaum mehr in Mietwohnungen investiert wird. Ein durchschnittlicher Franzose kommt zudem mit der kleinen Altersrente nur über die Runden, weil er im eigenen Häuschen lebt. Ausser dem Eigenheim und dem Auto ist kaum Vermögen da.

Viele Mieter träumen vom Eigenheim. Warum soll der Staat ihnen nicht unter die Arme greifen?
Der Staat sollte in einem derart dicht besiedelten Land die Eigentümerquote nicht noch erhöhen und die Zersiedelung fördern. Der Landverbrauch treibt die Bodenpreise weiter in die Höhe, was am Schluss auch die Mieter trifft. Die Schweizer Lösung, wonach Pensionskassen und Versicherungen in den Mietwohnungsbau investieren, hat sich bewährt. Wir verfügen über ein Mietwohnungsangebot von hoher Qualität.

Bürgerliche argumentieren, der Eigenheimbesitzer sei ein verantwortungsvollerer Staatsbürger. Glauben Sie das nicht?
Dazu gibt es eine viel zitierte Studie aus den USA. Demnach integrieren sich Hausbesitzer in der Gemeinde besser und tragen mehr Sorge zur Infrastruktur. Aber dem steht die geringere Mobilität der Hausbesitzer gegenüber, die oft lange Arbeitswege zurücklegen. Es gibt überdies Untersuchungen, wonach sich Mieter, die lange im gleichen Ort leben, ebenso integrieren und engagieren.

Sie halten Steuerabzüge aus liberaler Sicht für falsch. Nun kommt die Bauspar-Initiative ausgerechnet vom Freisinnigen Hans-Rudolf Gysin.
Leider werden liberale Prinzipien immer weniger beachtet. Aus meiner Sicht sind in erster Linie Gewinnungskosten berechtigte Steuerabzüge: Berufskosten und bis zu einem bestimmten Grad Pendler- oder Krippenkosten. Mit vielen Steuerabzügen wird aber reine Interessenpolitik betrieben. Wenn man einmal damit anfängt, kommen immer neue Gruppen, die profitieren wollen. Bei Steuerabzügen handelt es sich um Steueraufwendungen des Staates. Je mehr Abzugsmöglichkeiten es gibt, desto höher werden die Steuersätze. Das generiert ein Heer von Steuerberatern, die nach Steueroptimierungen suchen.

Erstellt: 07.02.2012, 10:35 Uhr

Umfrage

Soll Wohneigentum staatlich gefördert werden?

Ja

 
32.9%

Nein

 
67.1%

4203 Stimmen


Emeritierter Professor für Volkswirtschaft der Universität Basel: Silvio Borner (70).
(Bild: PD)

Bauspar-Initiative

Die Bauspar-Initiative, über die am 11. März abgestimmt wird, will das Baselbieter Modell auf eidgenössischer Ebene verankern. Den Kantonen soll erlaubt werden, den Steuerzahlern einen jährlichen Bausparabzug von maximal 15'000 Franken zu gewähren, Ehepaaren das Doppelte. Eigenheimbesitzer erhalten zudem die Möglichkeit, mit steuerbefreiten Bausparbeiträgen von jährlich 5000 Franken Energiespar- und Umweltmassnahmen für ihr Eigenheim zu finanzieren. Die Abzüge können während zehn Jahren geltend gemacht werden. Zudem befreit die Initiative die Zinsen auf dem Bausparkapital und staatliche Bausparprämien von der Einkommenssteuer.

Die Initianten um den früheren FDP-Nationalrat Hans-Rudolf Gysin führen ins Feld, dass im Kanton Baselland die Wohneigentumsquote dank Bausparen gestiegen sei. Die Gegner argumentieren, der Anstieg in Baselland sei nicht grösser als in anderen Kantonen. SVP, FDP, CVP und BDP befürworten die Initiative, jedoch sagen einige CVP-Kantonalparteien nein. SP, Grüne und Grünliberale sind gegen die Initiative, ebenso die Kantone, die Steuerausfälle befürchten. (br)

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