Düstere AHV-Prognosen

Neue Zahlen zeigen, wie gross das Defizit im Jahr 2045 sein dürfte. Demnach müssten wir bald bis 69 arbeiten.

Immer weniger Erwerbstätige werden für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Foto: Keystone

Immer weniger Erwerbstätige werden für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Foto: Keystone

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In den nächsten zwanzig Jahren wird sich die Zahl der Rentner in der Schweiz um eine Million auf 2,5 Millionen Rentner erhöhen. 2040, wenn die Babyboomer pensioniert sind, werden im Durchschnitt noch etwas mehr als zwei Erwerbstätige auf einen AHV-Rentner kommen. Gemäss der neusten Finanzperspektive des Bundes fehlen der AHV bereits 2030 rund 5 Milliarden Franken, um die Renten aus den laufenden Einnahmen zu finanzieren.

Die vom Bundesrat vorgeschlagene Reform (AHV 21) mit 0,7 Prozentpunkten zusätzlicher Mehrwertsteuer und der Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 verhilft der AHV zumindest bis 2027 zu schwarzen Zahlen, mit Einbezug der Vermögenserträge bis 2028. Danach verschlechtert sich die Finanzlage rasant.

Rentenalter 69 wäre nötig

Deshalb ist klar, dass nach der laufenden AHV-Reform bald die nächste folgen muss. Die Jungfreisinnigen lancieren im August eine Volksinitiative für Rentenalter 66. Geht es nach ihnen, steigt das Pensionsalter ab 2027 um zwei Monate pro Jahr und liegt 2032 für Männer und Frauen bei 66 Jahren. Danach würde das Rentenalter an die Lebenserwartung gekoppelt, was laut den Initianten zu einer jährlichen Erhöhung des Rentenalters um etwa 40 Tage führt. Die Jungfreisinnigen gehen davon aus, dass so die AHV ohne zusätzliche Einnahmen saniert werden kann.

Allerdings erscheint dies unrealistisch, wie Zahlen des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) zeigen. Eine Erhöhung des Rentenalters für Männer und Frauen von 65 auf 66 Jahre würde laut BSV die AHV um jährlich 3,2 Milliarden Franken entlasten (berechnet für 2030), weil die Rentenausgaben sinken und die Betroffenen ein Jahr länger AHV-Beiträge zahlen. Diese Entlastung resultiert allerdings nur, wenn die Erhöhung nicht mit Begleitmassnahmen finanziell abgefedert wird, wie dies nun bei der Erhöhung des Frauenrentenalters vorgesehen ist. Jede weitere Erhöhung um ein Jahr verbesserte dann die AHV-Rechnung um weitere 3,2 Milliarden.

Soll die AHV-Rechnung bis 2045 – so weit reichen die BSV-Finanzperspektiven – nur über das Rentenalter im Lot gehalten werden, müssten Männer und Frauen dannzumal bis 69 arbeiten. So weit wollen nicht einmal die Jungfreisinnigen mit ihrer Initiative gehen, mit der das Rentenalter 2045 bei etwa 67,5 Jahren liegen dürfte. Das BSV pro­gnostiziert der AHV im Jahr 2045 ein Defizit von 12,3 Milliarden, sofern die Reform AHV 21 gemäss dem Bundesratsvorschlag umgesetzt wird. Für eine ausgeglichene Rechnung müsste in diesem Fall das Rentenalter um vier Jahre angehoben werden, wollte man die Fehlbeträge allein mit Zusatzeinnahmen begleichen, müsste die Mehrwertsteuer um rund 3 Prozentpunkte erhöht werden.

Linke zweifelt Prognosen an

Auch der Arbeitgeberverband hält dies für politisch kaum umsetzbar und zeigt sich deshalb bei einer schrittweisen Rentenaltererhöhung zu zusätzlichen AHV-Einnahmen bereit. SP und Gewerkschaften hingegen lehnen sowohl ein höheres Frauenrentenalter wie auch eine generelle Erhöhung für Männer und Frauen ab.

«Solange wichtige gleichstellungspolitische Forderungen nicht umgesetzt sind, sind wir nicht bereit, über das Rentenalter zu diskutieren», sagt SP-Vizepräsidentin Barbara Gysi. Und jene, die ein Leben lang mit tiefen Löhnen gearbeitet hätten, dürften nicht mit einem höheren Rentenalter bestraft werden.

Zudem zweifeln sowohl der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) wie die SP an den langfristigen Finanzprognosen des BSV. In der Vergangenheit hätten sich die Prognosen zur AHV immer als zu pessimistisch erwiesen, sagt Gysi. Unbestritten sei, dass die AHV bis 2030 zusätzliche Mittel benötige. Aber es mache keinen Sinn, Voraussagen bis ins Jahr 2045 zu machen.

«Das Geld wollen wir bei den gut Verdienenden holen.»Barbara Gysi, SP-Vizepräsidentin

Die SP wird im Parlament ver­suchen, aus der bundesrätlichen Reform eine reine Finanzierungsvorlage zu machen. «Das Geld für die AHV-Finanzierung wollen wir bei den gut Verdienenden holen», sagt Gysi. Möglich sei etwa die Erhöhung der direkten Bundessteuer für hohe Einkommen, eine Kapitalgewinnsteuer oder eine stärkere Besteuerung der Dividenden. Eine zusätzliche Erhöhung der Lohnprozente sei «eher kein Thema», da bereits für die Sanierung der zweiten Säule und die AHV-Steuer-Vorlage die Lohnabgaben erhöht werden müssten. Dazu kämen weitere Projekte wie der Vaterschaftsurlaub oder eine Elternzeit.

Der SGB erarbeitet zurzeit eine Volksinitiative für eine 13. Monatsrente, die der AHV noch höhere Ausgaben beschert. Der SGB prüfe diverse Finanzierungsmodelle zur AHV, sagt Zentralsekretärin Gabriela Medici. Neben einer Finanzierung über Lohnprozente würden auch andere Einnahmequellen angeschaut.

Ein Tabuthema

Obwohl die Initiative der Jungfreisinnigen den AHV-Sanierungsplänen der Wirtschaft und der Bürgerlichen entgegenkommt, harzt es mit der Unterstützung. Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, stellt auch auf bürgerlicher Seite eine Tabuisierung der Renten­alterdiskussion fest. «Zuerst Frauenrentenalter 65, dann sehen wir weiter», laute das Motto.

Alle sagten ihm, dass Schritt für Schritt vorgegangen werden müsse, um nicht zu viel Widerstand zu wecken. Silberschmidt hält dies für falsch. «Man tut so, als ob die Leute nicht wüssten, dass es ein höheres Rentenalter braucht. Wir glauben, dass die meisten Stimmbürger weiter sind als die Politiker.» Die Linke mache wenigstens eine klare Aussage, indem sie eine Rentenalter­erhöhung konsequent ablehne.

Erstellt: 22.07.2019, 13:08 Uhr

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