Mit sanften Lamas gegen den bösen Wolf

Im Entlebuch setzen Bauern zum Herdenschutz versuchsweise Lamas ein. Die neugierigen und furchtlosen Tiere sollen den Wolf vertreiben.

Aufmerksame Beschützer: Lamas, hier eines auf dem Flüelapass ob Davos, greifen bei Gefahr an.

Aufmerksame Beschützer: Lamas, hier eines auf dem Flüelapass ob Davos, greifen bei Gefahr an. Bild: Keystone

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Im hintersten Entlebuch treibt sich seit 2009 der Wolf M20 herum – nicht zur Freude der Bauern, die dort ihre Schafe sömmern. Fünf davon hat das Raubtier dieses Jahr bereits gerissen. Doch seit neustem muss der Wolfsrüde auf Alpweiden im luzernischen Flühli und in Sörenberg mit ungewohnter Gegenwehr rechnen.

Nicht nur geschulte Schutzhunde und zwei robuste Esel stehen dort wehrlosen Schafherden bei, sondern auch noch fünf zweijährige Lamas. Diese nehmen vor Eindringlingen nicht Reissaus. Sie sind von Natur aus neugierig, beäugen herdenfremde Tiere und stellen sich ihnen notfalls in den Weg. Gut möglich, dass sie auch imstande sind, einen Wolf oder wildernde Hunde in die Flucht zu schlagen.

Stampfen, Treten, Spucken

Angestossen hat das Pilotprojekt mit Lamas im Entlebuch (und am Col des Mosses im Waadtland) die Landwirtschafts-Entwicklungsorganisation Agridea. Laut deren Herdenschutzspezialist Daniel Mettler werden die gutmütigen Tiere aus den südamerikanischen Anden in diversen Ländern erfolgreich als Herdenschutztiere gegen Kojoten und Kleinraubtiere eingesetzt.

Lamas greifen bei Gefahr an. Sie rennen auf den Angreifer zu und versuchen ihn mit drohendem Stampfen, Fusstritten, Beissen und manchmal mit Spucke zu vertreiben, wie es die Hengste im Kampf um den Chefposten untereinander auch tun. Gegen einzelne Wölfe könnte dies Wirkung zeigen, denn vor Situationen, die diese nicht einschätzen können, scheuen sie laut Mettler zurück.

Extrem aufmerksam

Da sich in der Schweiz noch keine Wolfsrudel gebildet haben, sind Lamas für kleine Nutztierherden im Kampf gegen Einzelgänger möglicherweise eine Alternative zu Schutzhunden. Diese verhalten sich nicht nur gegenüber Wölfen aggressiv, sondern gehen oft auch bissig gegen Wanderer vor. Zudem ist die Ausbildung der Hunde zeitraubend, sie brauchen Betreuung, und ihr Karnivorenfutter ist teuer. Die anspruchslosen Lamas hingegen nehmen sich ihr Grünzeug direkt von der Weide und fressen nur etwa einen Sechstel so viel wie eine Kuh. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, sie so in die Schafherde zu fügen, dass sie sich für sie verantwortlich fühlen.

Der Erfolg des Versuchsbetriebs, bei dem fünf kastrierte Lamahengste zwei grosse Herden mit je mehr als 200 und eine kleine mit 30 Schafen beschützen, lässt sich laut dem Escholzmatter Lamazüchter René Riedweg noch nicht genau bilanzieren. Es sei schwierig festzustellen, ob sich der Wolf durch die bis zu 150 Kilogramm schweren Tiere abschrecken lasse. Deren Integration in die Schafherden, die schon im Mai und noch unten auf den Talweiden begann, sei jedoch rasch gelungen, und die Lamas seien extrem aufmerksam. Schon wegen Vögeln oder Geräuschen in der Nähe höben sie sofort den Kopf und spitzten wachsam die Ohren.

Mit Sympathiebonus

Ausgewertet wird das 15'000 Franken teure Pilotprojekt, an dem sich neben Agridea auch der Kanton Luzern, Pro Natura und die wolfsfreundliche Organisation CH Wolf beteiligen, im nächsten Winter. Dies mit dem Ziel, zu definieren, für welche Betriebe, Strukturen, Alpgebiete und Herdengrössen das Konzept sich eignet.

Die internationalen Erfahrungen mit Lamas als Schafwächter reichen laut Mettler nicht aus, um sie eins zu eins auf die Schweizer Alpen zu übertragen. Die an sich gutmütigen Tiere haben aber hierzulande als Schutzschilder gegen den Wolf gute Karten. Oder wie sich Mettler ausdrückt: «Während die Herdenhunde polarisieren, haben die Lamas einen Sympathiebonus. Bei Bauern und Bevölkerung geniessen sie hohe Akzeptanz.»

Erstellt: 26.07.2012, 07:14 Uhr

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