Explosionsgefahr im ehemaligen Munitionslager Mitholz

1947 starben neun Menschen, als das Munitionslager im Berner Oberland explodierte. Nun kommt aus: Von 3500 Bruttotonnen Munition geht weiterhin Gefahr aus.

«Ich war überrascht»: Guy Parmelin im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet. (28. Juni 2018) Video: Tamedia/Martin Bürki

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Im vor 71 Jahren in die Luft geflogenen ehemaligen Munitionsdepot Mitholz der Armee im Berner Oberland besteht ein höheres Explosionsrisiko als bisher angenommen. Der Bund hält es allerdings nicht für nötig, Sofortmassnahmen zu ergreifen.

Wie der Bundesrat am Donnerstag bekanntgab, hatten Beurteilungen in den Jahren 1949 und 1986 ergeben, dass es bei einer weiteren Explosion im Munitionsdepot nur zu kleinen Schäden käme. Eine Truppenunterkunft und ein Lager der Armeeapotheke in dieser Anlage könnten weiterbetrieben werden.

Bei Planungsarbeiten für ein neues Rechenzentrum in der Anlage haben nun aber Untersuchungen ergeben, dass äussere Einwirkungen wie ein Felssturz eine Explosion verursachen könnten. Diese Explosion könnte auch Schäden in der nahen Umgebung anrichten. Als Auslöser für eine Explosion kommen auch der Einsturz von Anlageteilen oder eine Selbstzündung von verschütteten Munitionsrückständen in Frage.

Die Grenzwerte für die heute geltenden Regelungen im Umgang mit Risiken werden jedenfalls nicht eingehalten. Deshalb hat der Bundesrat an seiner Sitzung vom Mittwoch das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) beauftragt, weitere Abklärungen zur Risikobeurteilung und zur Senkung des Risikos zu treffen. Eine Arbeitsgruppe soll das tun. Laut Parmelin werden die Truppenunterkunft und die Armeeapotheke geschlossen.

Dorf wird nicht evakuiert

Wie Bundesrat Guy Parmelin am Donnerstag in Mitholz vor den Medien sagte, besteht keine Notwendigkeit, das Dorf Mitholz zu evakuieren oder die Strasse nach Kandersteg zu sperren. Auch die Bahn ist nicht betroffen. Die Hauptgefahr bestehe in der Anlage selber.

In Mitholz vernichteten 1947 drei grosse Explosionen etwa die Hälfte der dort eingelagerten 7000 Bruttotonnen Munition. Neun Menschen starben, als herumfliegende Felsbrocken Häuser trafen, sieben wurden verletzt, 200 obdachlos. Der Grund für die Explosionen konnte nie restlos geklärt werden.

«Sicherheitsmassnahmen zwingend erforderlich»

Heute befinden sich laut einer Schätzung noch rund 3500 Bruttotonnen Munition mit mehreren hundert Tonnen Sprengstoff in den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor.

Ein Experte sagte, insbesondere der Verbleib einer grösseren Menge von Fliegerbomben sei ungeklärt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein kleineres Ereignis, also eine kleinere Explosion, eintreten könne, liege bei einmal pro 300 Jahren, ein grösseres Ereignis bei einmal pro 3000 Jahre.

Sicherheitsmassnahmen seien zwingend erforderlich, die Grenzwerte seien zum Teil massiv überschritten.

«Der Schutz der Bevölkerung steht an oberster Stelle»: Der Berner Regierungspräsident Christoph Neuhaus im Interview. Quelle: Martin Bürki/Tamedia

Gemeinderat «durcheinander»

Mitholz gehört zur Gemeinde Kandergrund BE. Im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt Gemeindepräsident Roman Lanz, als er die Information gehört habe, sei er «wie in einer Schockstarre» gewesen. Der Gemeinderat sei nach der Information durch den Bund ein bisschen durcheinander. Er könne die Neuigkeiten noch nicht einordnen. Er sei aber froh, dass das VBS eine Hotline für die Bevölkerung einrichten wolle.

«Ich war in einer Schockstarre»: Der Gemeindepräsident von Kandergrund Roman Lanz im Interview. Quelle: Martin Bürki/Tamedia

Nach der Medienkonferenz stand eine Information für die lokale Bevölkerung auf dem Programm. Der aktuelle Zwischenbericht der Experten sowie diverse historische Dokumente werden laut dem Bundesrat der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Der vollständige Bericht werde in der zweiten Jahreshälfte vorliegen.

Neun Tote, Bahnhof zerstört

Das unterirdische Munitionslager im zur Gemeinde Kandergrund BE gehörenden Dorf Mitholz wurde im Zweiten Weltkrieg gebaut. Nach der Explosion der Munition, darunter Fliegerbomben, konnte ein Teil geräumt werden.

Das Unglück forderte neun Menschenleben. Grosse Teile des Dorfs Mitholz wurden verwüstet. Mehrere Wohnhäuser und die Station Blausee-Mitholz der Lötschbergbahn wurden zerstört. Die stärkste Detonation wurde noch in Zürich vom Schweizerischen Erdbebendienst registriert.

Ursache nicht genau geklärt

In der Schreckensnacht herrschte bissig-kaltes Winterwetter. In der ganzen Schweiz liefen Sammelaktionen für Kandergrund. Die Gerüchteküche brodelte. War es Sabotage durch einen russischen Agenten? Oder war der Anlagewart für die Katastrophe verantwortlich?

Die Ursache der Explosion wurde nie genau geklärt. Eine chemische Reaktion in einem Zünder könnte zu dessen Selbstauslösung geführt haben, was dann zu einer Kettenreaktion führte.

Sprüche des Pfarrers zieren Häuser

Der Frutiger Architekt Hansruedi Marti hat die tragischen Ereignisse aufgearbeitet und kürzlich in einem Vortrag präsentiert. Demnach wurden die Zünder nicht getrennt gelagert. Allerdings war dies offenbar in Planung.

Der Berner Heimatschutz übernahm die Projektierung des Wiederaufbaus. Seither zieren vom Ortspfarrer Karl von Greyerz verfasste Sprüche die Häuser. So ist etwa zu lesen: «Was frage ich viel nach Gunst und Geld – nach Schätzen und nach Ehren, hier ist mein Heim – ist meine Welt, da will ich mich bewähren.» (oli/sda)

Erstellt: 28.06.2018, 19:00 Uhr

Barfuss durch den Schnee

Auf der Webseite festung-oberland.ch erinnert sich Zeitzeugin Vreni Bru?gger: «Wir erwachten auf einmal alle von einem furchtbaren Beben und beim Stollen war ein riesiges Feuer, das Du Dir nicht vorstellen kannst. Vater sagte sofort anziehen und fort. Nach einer Weile gab es einen zweiten und noch festeren Stoss. Da schlug es Tuüre und Fenster ein…»

Um Strümpfe oder Socken anzuziehen habe sie keine Zeit gehabt, schildert Brügger. So habe sie den Weg durch den Schnee barfuss bewältigen müssen.

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