Mobiliar redet bei Uni Bern in der Klimaforschung mit

Die Wirtschaft sponsert an der Universität Bern Lehrstühle. Die Firmen beteuern die Selbstlosigkeit ihrer Engagements. Die Uni dementiert den Einfluss der Firmen auf die Lehrinhalte.

Die Universität Bern steht im Fokus der Berichterstattung. Grund dafür sind heikle Geldgeber.

Die Universität Bern steht im Fokus der Berichterstattung. Grund dafür sind heikle Geldgeber. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mehrere Professuren an der Universität Bern werden direkt von der Privatwirtschaft gesponsert. Dies ist das Ergebnis einer gesamtschweizerischen Erhebung von SRF Data. Der grösste Fisch unter den Sponsoringverträgen der Uni Bern ist derjenige mit dem US-Medizinalkonzern Medtronic, der den Lehrstuhl für invasive Kardiologie mit einer halben Million Franken pro Jahr finanziert.

Medtronic nehme keinen Einfluss auf Forschung und Lehre, beteuert Uni-Vizerektor Christian Leumann gegenüber der Sendung «Rundschau». Warum aber die zweithäufigste Herzklappe, die am Inselspital eingesetzt wird, von der Firma Medtronic stammt, bleibt offen. Für Staatsrechtsprofessor Markus Müller ist das Sponsoring von Medtronic nachgerade ein Paradebeispiel einer «unzulässigen Abhängigkeit» der Forschung von der Wirtschaft.

Mitsprache bei Professorenwahl

Ebenfalls im Fokus steht die Assistenzprofessur für Klimafolgenforschung am Oeschger-Zentrum und das damit zusammenhängende Mobiliar-Lab für Naturrisiken. Sie werden beide von der Schweizerischen Mobiliar Versicherungsgesellschaft mit jährlich 500 000 Franken finanziert.

«Es geht nicht um Einmischung in die Forschung», sagt Mobiliar-Sprecher Jürg Thalmann. Die Forschungsschwerpunkte Hagel, Sturm und Überschwemmungen seien «gemeinsam definiert» worden. In der Wahl der Methoden und der Interpretation der Ergebnisse sei die Universität aber «völlig frei».

Im Übrigen habe die Mobiliar keine direkten Vorteile durch ihr Engagement, da die Forschungsergebnisse allgemein zugänglich seien. «Eine genauere Hagelvorhersage ist von allgemeinem Interesse», sagt Thalmann.

Eine entsprechende Anpassung der Prämien zum Beispiel wäre gar nicht möglich, da die Prämien für Elementarschäden gesetzlich festgelegt seien. Mitgewirkt hat die Mobiliar aber in der Ernennungskommission für die Professur. Sie hatte eine von zehn Stimmen inne. «Unser Mitspracherecht war marginal», sagt der Mobiliar-Sprecher.

«Absprache», nicht Einflussnahme

Professorin Olivia Romppainen-Martius stellt eine Einflussnahme ebenfalls in Abrede. Es gehe vielmehr um eine «Absprache praktischer Forschungstätigkeit», sagte sie gegenüber Radio SRF 4. Hydrologe Rolf Weingartner, der mit Romppainen-Martius das Mobiliar Lab leitet, spricht von einer «Verstärkung der Forschung» in einem Bereich, in dem er ohnehin geforscht habe.

Natürlich habe auch die Mobiliar ein Interesse an Fortschritten bei der Erforschung von Naturrisiken. «Wir forschen aber völlig frei, und davon profitieren auch andere», sagt Weingartner.

BKW regt Forschungsarbeiten an

Die Medienstelle der Universität betont, dass in den Verträgen mit privaten Unternehmen die Freiheit von Lehre und Forschung gewährleistet sei. Dies betrifft nebst den beiden genannten Lehrstühlen auch eine Stiftungsprofessur für Staat und Markt am Kompetenzzentrum für Public Management und einen Lehrstuhl für anthroposophisch erweiterte Medizin.

Die Dozentur für Staat und Markt wird von den SBB, der BKW, der Gebäudeversicherung und der Securitas mit insgesamt 250 000 Franken pro Jahr finanziert. Am Beitrag für den alternativmedizinischen Lehrstuhl sind unter anderem die Kosmetikfirma Weleda sowie zwei weitere Organisationen gemeinsam mit der Universität beteiligt. Die jährliche Unterstützungssumme durch Dritte beträgt hier insgesamt 280 000 Franken.

Betreffend dieser beiden Professuren betont die Medienstelle, dass es keine Vorgaben und keine Pflicht zu Vorbesprechungen gebe. Dies sehen die BKW und die Gebäudeversicherung im Fall der Professur für Staat und Markt grundsätzlich ebenfalls so.

Die BKW räumt indes ein, dass sie als «strategische Partnerin» der Professur «spezifische Fragestellungen» als Themen für Forschungsarbeiten anregen könne, wie eine Sprecherin auf Anfrage festhält.

Die Forschung zu Fragestellungen rund um die Schnittstellen zwischen Unternehmen und Staat sei für die BKW jedenfalls von «erheblichem Interesse», da ihr unternehmerisches Engagement einen starken Bezug zum öffentlichen Sektor aufweise.

Professor fordert klare Regeln

Strafrechtsprofessor Müller weist in der «Rundschau» darauf hin, dass die Forschungsfreiheit in der Verfassung gewährleistet werde. Die Unabhängigkeit von Lehre und Forschung werde durch solche Deals aber «massiv beeinträchtigt». Er fordert «klare Regeln» für die Verträge, welche die Unis mit privaten Firmen abschliessen.

Erstellt: 22.04.2016, 08:12 Uhr

Artikel zum Thema

Uni schafft Transparenz

Die Uni Zürich wird zu 22 Prozent über Drittmittel finanziert. Neu werden alle Verträge und Interessenbindungen der Professoren öffentlich. Mehr...

Pharmariesen kaufen sich in Schweizer Universitäten ein

Das Öffentlichkeitsgesetz deckt fragwürdige Verträge auf. Mit Millionen-Deals sichern sich Pharmakonzerne Einfluss auf die medizinische Forschung. Mehr...

Unis dürfen Aufträge nicht mit Steuergeld quersubventionieren

Verdacht gegen die Uni Zürich: Das Bundesamt für Kommunikation muss eine Analyse des SRG-Onlineangebots neu vergeben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...