Moderne Sklaverei

Schuld am harten Los der osteuropäischen Altenpflegerinnen sind die bundesrätliche Laissez-faire-Politik und das Fehlen einer Pflegeversicherung.

Weil die Schweizer immer älter werden, steigt der Bedarf an Langzeitpflege zu Hause: Eine Pendel-Migrantin, die seit 2010 als Altenbetreuerin in der Schweiz arbeitet. Foto: Dominique Meienberg

Weil die Schweizer immer älter werden, steigt der Bedarf an Langzeitpflege zu Hause: Eine Pendel-Migrantin, die seit 2010 als Altenbetreuerin in der Schweiz arbeitet. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Frauen auf den Fotos sind meist jung, motiviert und lächeln in die Kamera. Sie posieren freundschaftlich mit aufgestellten Rentnern – es handelt sich offensichtlich um irgendwelche im Internet beschafften Imagebilder. So machen hierzulande Vermittlungsagenturen Werbung für osteuropäische Altenpflegerinnen.

Das Angebot nennt sich 24-Stunden-Betagtenbetreuung zu Hause und wird als bezahlbare Alternative zum Altersheim vermarktet. Man vermittle zu «fairen Preisen ausgebildetes Betreuungspersonal», das sich «mit Herz und Hingebung um jeden einzelnen Kunden» kümmere. Ja, die Betreuerinnen aus Osteuropa würden «ihre Arbeit lieben» und kämen «gerne zu uns in die Schweiz». Und da sie bei der betagten Person wohnen, sind sie «immer für Sie da». Deshalb: «Entscheiden Sie sich für eine menschenwürdige Begleitung in der vertrauten Umgebung!»

Wer noch letzte Zweifel hegt, ob dieses unschlagbare Angebot nicht zu gut klingt, um wahr zu sein, findet oft noch den Hinweis, dass es legal sei und gar eine Bewilligung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) vorliege.

7 Tage in der Woche, 24 Stunden

Wie so oft in der Werbung sieht die Realität ein bisschen anders aus. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat mit osteuropäischen Altenpflegerinnen – oder Care-Migrantinnen, wie es im Fachjargon heisst – gesprochen. Es waren freundliche, aber müde und abgekämpfte Menschen. Ihre Arbeitsbedingungen grenzen an Sklaverei: 7 Tage in der Woche, 24 Stunden pro Tag kümmern sie sich um die Betagten und den Haushalt. Einige dürfen nur fünf Stunden pro Woche freinehmen und das Haus verlassen, in der Regel ist es höchstens ein Tag.

Im Gegensatz dazu, was die Werbung vorgaukelt, handelt es sich bei den Betagten selten um rüstige und pflegeleichte Rentner, sondern oft um bettlägerige und demente Menschen, die Tag und Nacht intensive Betreuung benötigen.

Auf dem Papier ist in den meisten Fällen alles in Ordnung.

Dass die Pflegedienste grundsätzlich rechtmässig und teils amtlich bewilligt sind, ist hingegen korrekt. Natürlich gibt es auch ausländische Agenturen, die Care-Migrantinnen vermitteln, ohne einen Sitz in der Schweiz zu haben – was rechtlich nicht zulässig ist. Aber das ist noch das kleinste Problem. Unglaublich ist, dass die hiesigen Vermittlungsagenturen, private Spitex-Firmen und private Haushalte praktisch legal die Frauen aus Osteuropa ausbeuten können. Auf dem Papier ist in den meisten Fällen alles in Ordnung: So haben die Osteuropäerinnen eine Kurzaufenthaltsbewilligung, zahlen Steuern sowie Sozialabgaben, erhalten gemäss dem Normalarbeitsvertrag für Arbeitnehmer in der Hauswirtschaft (NAV Hauswirtschaft) den Mindestlohn von 18.90 Franken und müssen gemäss Arbeitsvertrag 42 Stunden pro Woche arbeiten.

Der Haken im Vertrag ist die Funktionsbeschreibung «24-Stunden-Betreuung». Wie die Erfahrungen zeigen, gehen die Firmen, Betagten und Angehörigen einfach davon aus, dass die Betreuerinnen dann rund um die Uhr zur Stelle sind. Da die Care-Migrantinnen bei ihren Kunden wohnen müssen, sind sie sozial isoliert und damit besonders leicht unter Druck zu setzen.

Laissez-faire-Politik im Seco

Allein, das alles ist nicht neu. In den vergangenen Jahren habe etliche Medien, darunter auch Tagesanzeiger.ch/Newsnet, immer wieder über das harte Los der ausländischen Altenpflegerinnen geschrieben – und Politikerinnen wie die Zürcher CVP-Nationalrätin Barbara Schmid-Federer oder die Gewerkschaft VPOD bessere Arbeitsbedingungen gefordert. Einmal mehr fällt das Seco und damit Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann durch seine Laissez-faire-Politik auf: Fünf Jahre nachdem Schmid-Federer ein Postulat eingereicht hatte, hat der Bundesrat beschlossen, de facto fast nichts zu unternehmen.

Es gibt aber noch eine andere Ursache für das Elend der Care-Migrantinnen. Auch hierzulande wird die Bevölkerung immer älter, und damit steigt der Pflegebedarf. Da die Schweiz nicht nur eines der reichsten Länder Europas ist, sondern auch das teuerste und wohl beste Gesundheitswesen aufweist, würde man meinen, dass diese Herausforderungen verhältnismässig leicht zu bewältigen sei. In der Schweiz ist die Betreuung von betagten Menschen in ihrem Haushalt in erster Linie Privatsache. Eine Pflegeversicherung gibt es nicht, und die Krankenkassen übernehmen nur pflegerische Leistungen, sodass die haushaltsbezogenen Dienstleistungen und Betreuungsleistungen von den Betroffenen selbst bezahlt werden müssen. Und wenn das nicht möglich ist, müssen die Angehörigen finanziell und zeitlich einspringen.

Wie eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ergab, beträgt der Anteil an der öffentlichen Finanzierung der Langzeitpflege knapp 40 Prozent. Der Durchschnitt in den 34 Industrieländern liegt hingegen bei 85 Prozent. Angehörige, die nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, beuten damit entweder ausländische Pflegerinnen aus. Oder sich selbst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2017, 14:24 Uhr

Artikel zum Thema

Gesucht: Liebevolle Slowakin für harte Arbeit zu miserablem Lohn

Reportage In der Schweiz betreuen über 10'000 osteuropäische Frauen alte Menschen zu schlechtesten Arbeitsbedingungen. Der Bundesrat will ihre Rechte nicht wesentlich verbessern. Mehr...

Sechs Franken Stundenlohn und keine Rechte

Die Heimpflege soll nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt werden – auch weil Mehrkosten von einer halben Milliarde Franken drohen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Dreifach bezopftes Pferd: Ein Haflinger wartet auf einer sonnigen Wiese in der Nähe von Döllsädt. (18. Oktober 2017)
(Bild: AP Photo/Jens Meyer) Mehr...