Mordprozess Adéline M. beginnt nach Justizpanne von vorn

Der erste Prozess wurde wegen befangener Richter abgebrochen. Ab Montag steht der geständige Mörder der Therapeutin Adéline M. nun erneut vor Gericht.

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Der Genfer Justiz ist der Fall höchst peinlich. Nur so ist zu erklären, dass die Strafkammer im Mordfall Adéline M. innert weniger Tage sieben neue Richter bestimmte, nachdem das erste Gericht im Januar wegen Befangenheit abgesetzt worden war. Die neuen Richter lasen sich unter Hochdruck durch die Aktenberge. Bereits im März setzten sie den Mordprozess gegen den geständigen Mörder Fabrice A. neu an. Dieser beginnt am Montag und soll rund eine Woche dauern. «Alles, was Fabrice A. bislang zu Protokoll gab, existiert nicht mehr. Es beginnt nochmals alles von vorn», sagt Simon Ntah, Anwalt der Familie von Adéline M. Vielleicht werde man nochmals denselben «Film» sehen, vielleicht aber auch nicht – was in Genf passiere, dürfte in der Schweizer Justizgeschichte aber mit Sicherheit einzigartig sein, so Ntah.

Der Beschuldigte Fabrice A., ein verurteilter Sexualstraftäter, hatte die ­Sozialtherapeutin im September 2013 während eines Freigangs umgebracht. Auf dem Weg in eine Reittherapie schlitzte er der jungen Frau und Mutter eines ­wenige Monate alten Mädchens die Kehle auf. Dann flüchtete er in ihrem Auto nach Polen, wo er nach wenigen Tagen gefasst und schliesslich an die Schweiz ausgeliefert wurde.

Der Fehltritt der Richterin

Im Oktober 2016 stand Fabrice A. ein erstes Mal vor Gericht. Doch dem Gericht waren die beiden von Generalstaatsanwalt Olivier Jornot in Auftrag ­gegebenen psychiatrischen Gutachten über Fabrice A. zu wenig kongruent. Es forderte ein drittes Gutachten an. Für diesen Entscheid gab Gerichtspräsidentin Anne-Isabelle Jeandin-Potenza eine folgenschwere Begründung ab. Das Gericht brauche übereinstimmende Einschätzungen über die Therapiemöglichkeiten bei Fabrice A., «da es am Ende ja voraussichtlich um die Frage nach der lebenslangen Verwahrung gehen wird», so die Gerichtspräsidentin.

Der Prozess existiert offiziell nicht – obwohl er zumindest während vier Tagen stattgefunden hat.

Gemäss TA-Recherchen war die Anforderung eines dritten Gutachtens im Richtergremium zwar diskutiert worden, aber wegen Zeitdrucks wurde nicht darüber abgestimmt, also gab es auch keinen formellen Entscheid, der Jeandin-Potenza zu ihrer Aussage ermächtigt hätte. Doch ihre Aussage konnte die ­Gerichtspräsidentin nicht mehr zurücknehmen. Fabrice A.s Verteidiger reagierten umgehend und forderten bei der Rekurskammer in Strafsachen des Kantons Genf die Absetzung des Gerichts wegen Befangenheit.

Die Rekurskammer schützte die Beschwerde im Januar, auch weil sie nach Auswertung von Zeitungsartikeln zur Einsicht kam, dass das Gerichtsprotokoll das Geschehen im Gerichtssaal unzureichend wiedergab. Für die Gerichtspräsidentin war dies ein schwerer Schlag. Sie lässt sich nach ihrer Absetzung nun vom Straf- ans Zivilgericht versetzen. Das Genfer Parlament hat ihrem Gesuch Ende April stillschweigend entsprochen.

Die Hoffnung der Familie

Als neuer Gerichtspräsident übernimmt Fabrice Roch den Mordprozess. Der Mittvierziger ist Oberst der Schweizer Armee und wird in Genfer Justizkreisen wegen seines Gangs und seines Auftretens «der Roboter» genannt. Roch ist auch bei Medienschaffenden bestens bekannt. Eine am Gericht seit Jahren akkreditierte Journalistin, die er mit kurzen Ärmeln im Gerichtssaal entdeckte, warf er kurzerhand aus dem Saal mit dem Auftrag, sich passend anzuziehen. Der Beschuldigte Fabrice A. darf sich vorsehen: Nimmt er nächste Woche, wie schon im Oktober, mit Badelatschen auf der Anklagebank Platz, dürfte das Roch kaum durchgehen lassen.

Die Familie der getöteten Adéline M. ist froh, dass der Prozess nun endlich stattfindet und nicht, wie zunächst befürchtet, ins Jahr 2018 verlegt wird. «Wir können das Drama nicht mehr rückgängig machen, aber wir wollen endlich einmal durchatmen können», sagt ein Familienmitglied. Anwalt Simon Ntah hat grosse Erwartungen, auch an den Gerichtspräsidenten Roch. Er sagt: «Fabrice A. soll vor Gericht und damit der Familie endlich sagen, warum er Adéline getötet hat, und auch, warum er sich genau Adéline für seine Mordtat ausgesucht hat.»

Auf die Anforderung eines dritten psychiatrischen Gutachtens haben die Richter übrigens verzichtet. «Das ist die Absurdität dieses Strafprozesses», sagt Anwalt Ntah. «Hätten die Richter ein Gutachten in Auftrag gegeben, hätten sie sich auf den wegen Befangenheit abgebrochenen Strafprozess bezogen», so Ntah. Aber das dürfen die Richter nicht, weil der Prozess offiziell nicht existiert – obwohl er zumindest während vier ­Tagen stattgefunden hat.

Erstellt: 08.05.2017, 21:29 Uhr

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