Müller fürchtete, 2019 zur «lahmen Ente» zu werden

Nur ein winziger Kreis von Personen war in Philipp Müllers Rücktrittspläne eingeweiht. Der Aargauer sah dazu wegen des Timings keine Alternative.

Philipp Müller bei der Medienkonferenz zu seinem Rücktritt.

Philipp Müller bei der Medienkonferenz zu seinem Rücktritt. Bild: Marcel Bieri/Keystone

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Er ist der Amtsjüngste der «Grossen Vier». Seit 2012 steht FDP-Präsident Phi­lipp Müller an der Spitze seiner Partei – nicht mal halb so lange wie seine Kollegen Christophe Darbellay (CVP, seit 2006), Toni Brunner (SVP, seit 2008) und Christian Levrat (SP, seit 2008). Ausgerechnet Müller quittiert nun als Erster den Dienst. Die Personalie war denn auch auf keines Beobachters Radar. Vorab informiert war gemäss Angaben Müllers nur die «engere Parteileitung» (mit der vormaligen Fraktionschefin Gabi Huber, Wahlkampfleiter Vincenzo Pedrazzini und Generalsekretär Samuel Lanz) – diese dafür schon seit März dieses Jahres.

Welches sind die Gründe für den Entscheid? Eine erneute Kandidatur im April 2016 hätte nur Sinn ergeben, wenn er die volle Legislatur über geblieben wäre, erklärte Müller gestern vor den Medien. Bei einem Rücktritt bereits nach zwei Jahren (bei der regulären Bestätigungswahl) wäre dem Nachfolger zu wenig Eingewöhnungszeit vor den Wahlen 2019 verblieben: «Parteipräsident ist ein Amt, das Erfahrung braucht. Mit der Zeit wird man immer besser.» Er selber, so Müller, wäre 2019 aber bereits 67 Jahre alt. Als «Lame Duck» (lahme Ente) wolle er die Partei nicht in die Wahlen führen, und eine Kandidatur über 2019 hinaus wäre definitiv nicht infrage gekommen: «Ich will keinen Langzeitrekord aufstellen. Und im Moment bin ich zwar überdurchschnittlich fit, aber irgendwann macht sich dann doch das Alter bemerkbar.»

Schliesslich, so Müller: «Man soll gehen, wenn es am schönsten ist.» Diese Volksweisheit dürfte das Hauptmotiv für den Abgang am triftigsten umschreiben – so vermuteten es gestern zumindest die meisten der überraschten Parteifreunde Müllers. In der Tat muss sich die Nachhaltigkeit des FDP-Wahlerfolgs vom Oktober noch weisen. Verliert die Partei schon bald wieder wie früher, werden die kurzen Müller-Jahre als lichtes Intermezzo in die Historie eingehen.

Schwierige Doppelrolle

Probleme mit der Gesundheit stellte Müller gestern ebenso vehement in Abrede wie einen Zusammenhang seines Rücktritts mit dem Verkehrsunfall im September. Unerwähnt liess Müller überdies mögliche Jobkollisionen. Das Amt des Ständerats, in das der FDP-Chef vor einem Monat gewählt wurde, galt lange als unvereinbar mit dem Parteipräsidium. Zwar übt sich SP-Präsident Christian Levrat nun schon seit einigen Jahren in dieser Doppelrolle. Ständerätin Karin Keller-Sutter (FDP, SG) findet aber nach wie vor: «Ständerat und Parteipräsident ist keine ideale Kombination. Die Kantonsinteressen stehen für einen Ständerat im Vordergrund. Man kann nicht gleichzeitig als Parteipräsident eine harte Linie fahren und sich im Ständerat kollegial verhalten und Mehrheiten bilden.» Zum Entscheid ihres Noch-Präsidenten sagt Keller-Sutter denn auch: «Im ersten Moment war ich vom Rücktritt zwar überrascht, doch ­eigentlich ist er nicht erstaunlich.» In ähnlichem Sinn liess sich gestern SVP-Präsident Toni Brunner vernehmen.

Fest steht, dass Müller nun geruhsamere Jahre bevorstehen, in denen er sich auf die Vertretung seines Aargauer Standes wird konzentrieren können. Bundesrat will er nicht werden («Ich bin einer der wenigen Parlamentarier, die nie dafür nach Bern kamen»), und ob er 2019 nochmals als Ständerat ­antritt, weiss er nicht («Viel zu früh»). Augenscheinlich bestgelaunt und zum Scherzen aufgelegt, bat er die Journalisten um Pardon für die gelegentlich nassforsche Abfertigung unliebsamer Fragesteller («Ich bin ja gut darin, die falschen Töne zu treffen»). Um sogleich nachzuschieben: «Ich werde Ihnen für Statements natürlich weiterhin zur Verfügung stehen.»

Erstellt: 15.12.2015, 22:24 Uhr

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