Zum Hauptinhalt springen

Muslime zählen

Die Zahlen zur wachsenden muslimischen Bevölkerung werden wohl im Wahlkampf wieder auftauchen. Dabei hat die zitierte Studie eine Schwäche.

MeinungDavid Hesse
In der Schweiz waren laut einer Schätzung des Forschungsinstituts Pew Research Center 6,1 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner muslimischen Glaubens: Muslime beten in der neuen Moschee im Haus der Religionen in Bern. (26. April 2015)
In der Schweiz waren laut einer Schätzung des Forschungsinstituts Pew Research Center 6,1 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner muslimischen Glaubens: Muslime beten in der neuen Moschee im Haus der Religionen in Bern. (26. April 2015)
Peter Klaunzer, Keystone
1 / 2

Zeit für Fakten. «Europa wird muslimischer», titelt die Online-Ausgabe der FAZ. «Wie muslimisch wird Europa?», fragt auch die «Welt».

Anlass für die fetten Titel ist eine diese Woche veröffentlichte Studie des parteiunabhängigen amerikanischen Thinktanks Pew Research Center. Das knapp 60-seitige Papier trägt den Titel «Europas wachsende Muslim-Population» und präsentiert drei demografische Szenarien für das Jahr 2050. Alle drei sagen eine Zunahme des muslimischen Bevölkerungsanteils voraus, selbst das radikale Modell «Null Migration», das die sofortige Grenzschliessung der 28 EU-Länder sowie der Schweiz und Norwegen bedingen würde. Grund: Die bereits angekommenen Musliminnen und Muslime sind jünger als die Alt-Europäer, ihre Geburtenrate ist höher.

Konkret soll sich der gesamteuropäische Muslim-Anteil von heute 4,9 Prozent auf 7,4 bis 14 Prozent erhöhen, je nach Modell. Der Schweiz blühe eine Zunahme von heute 6,1 Prozent auf maximal 12,9 Prozent – eine Verdoppelung. Auch wenn die Nichtmuslime weiter klar in der Mehrheit bleiben: Wir werden von diesen Zahlen noch im Wahlkampf hören.

Was heisst «Muslim»?

Die Pew-Studie ist nüchtern formuliert, hat aber einige Schwächen, wie die NZZ aufgezeigt hat. So sind die extremen Szenarien unrealistisch, weil weder Nullzuwanderung noch 33 Jahre anhaltende Flüchtlingskrise wahrscheinlich sind.

Am problematischsten aber ist das erforschte Objekt. Wer sind die «Muslime»? Praktizierende Gläubige, die in Moscheen beten? Oder in Europa geborene Männer und Frauen, deren Eltern oder Grosseltern aus dem arabischen Raum stammen? Geht es um Herkunft oder Religion?

In der Pew-Studie gebären Muslime automatisch neue Muslime – wie wenn es sich beim Islam um ein vererbbares biologisches Merkmal wie schwarze Haare handelte. Und nicht um eine kulturelle Praxis. Säkulares Desinteresse oder gar esoterische Hinwendung zu Buddha, Jesus oder Yoga sind nicht vorgesehen – einmal Muslim, immer Muslim.

Das ist Unfug. Es sind die Islamisten, die eine Welt der unüberwindlichen Gräben zwischen Christen und Muslimen herbeireden. Amerikanische Forscher und europäische Medien sollten da nicht mitmachen. Ein Glaube ist kein vererbbares Menschenmerkmal, sondern ein Hut, den man anzieht, auszieht – oder im Schrank vergisst.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch