Muss Genf zum Psychiater? Nein, nur Maudet.

Pierre Maudet hält sich für eine Ausnahme, weil er eine ist: ein sehr guter Politiker, brillant, charmant. Und er ist ein hoch begabter Narzisst.

«Was ich getan habe, gleicht mir nicht.» Pierre Maudet am 15. Januar in Genf. Foto: Olivier Vogelsang

«Was ich getan habe, gleicht mir nicht.» Pierre Maudet am 15. Januar in Genf. Foto: Olivier Vogelsang

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Meine lieben Deutschschweizer Freunde stellen mir immer dieselbe Frage: Ist das typisch welsch? Typisch Genf? Diese Affäre Maudet? Nein, das kann man so nicht sagen.

Ich dachte in letzter Zeit immer wieder an den früheren französischen Finanzminister und IWF-Präsidenten Dominique Strauss-Kahn, kurz DSK genannt, der das politische Ausnahmetalent der französischen Sozialisten war, sicher Präsident geworden wäre, dann wegen gravierender sexueller Vergehen in New York verhaftet, ins Gefängnis geworfen und letztlich freigesprochen wurde, aber politisch erledigt war. Alle fragten sich, wie konnte er nur? Er hatte alles, konnte alles, dann macht er sich über ein Zimmermädchen her. So idiotisch.

Bei Maudet denke ich immer an DSK. Ein hochbegabter Narzisst, volksnah charmant, sehr guter Politiker, von allen Seiten bewundert. Und dann das! Er ist ein Lügner, hat lusche Freunde, lässt sich von einem Scheich zu einem Formel-1-Rennen einladen und streitet dann alles ab, erfindet immer neue Versionen, lügt alle an, seine Kollegen, die Geschäftsprüfungskommission, den Staatsanwalt, die Medien, das Volk. Bei ihm gehts nicht um Sex wie bei DSK, es geht um den Willen zur Macht, und um Geld. Unglaublich. Unbegreiflich. Jeder andere wäre zum sofortigen Rücktritt gezwungen worden. Ein Vorgänger musste wegen einer dummen Schlägerei in einem Nachtlokal gleich zurücktreten. Ohne Amtsenthebungsverfahren, das es in Genf gar nicht gibt. Einfach, weil so etwas nicht geht, auch in Genf nicht.

Video – Basis der FDP Genf spricht Maudet Vertrauen aus

Aber Pierre Maudet hält sich selbst für eine Ausnahme, weil er auch eine ist: Er wurde mit zarten 16 Jahren das erste Mal politisch aktiv, er hat alle Wahlen und Abstimmungen bis zum Präsidenten des Regierungsrates im Eiltempo gewonnen, er setzte zahlreiche Reformen durch, beruhigte die Polizei, die unter seinen Vorgängern Kurzhosen-, Bart- und andere kuriose Streiks durchführte. Er säuberte die Quartiere von Drogendealern, er fiel national auf mit interessanten Vorschlägen zur Armee.

Er war der absolute Liebling der Medien, mit allen Chefredaktoren per Du, mit einem direkten Draht. Er hat es bis zum freisinnigen Kandidaten für die Bundesratswahl geschafft, mit 39 Jahren! Wenn er gewählt worden wäre, hätten wir heute einen Bundesrat mit einem Strafverfahren am Hals. Einen Bundesrat, der kaltschnäuzig alle angelogen hat.

Sieg mit erhobenen Armen

Der wichtigste Satz von Pierre Maudet ist in meinen Augen: «Was ich getan habe, gleicht mir nicht.» Er spaltet das Negative ab, er sieht sich immer noch in seiner Rolle als Klassenprimus, und das tun auch seine zahlreichen Fans, die er zur Parteiversammlung am letzten Dienstag massiv aufgeboten hat. Die Vertrauensabstimmung fiel ganz knapp zu seinen Gunsten aus, er feierte den Sieg mit erhobenen Armen.

Jetzt will er, dass die Staatsanwälte das Dossier gegen ihn abgeben müssen, wegen angeblicher Indiskretionen. Und er will auf keinen Fall demissionieren, bevor nicht eine rechtskräftige Verurteilung vorliegt, die lange auf sich warten lassen wird. Dass er moralisch und politisch längst verurteilt ist, dass Lügen viel schlimmer sind als eine kleine Vorteilsannahme, akzeptiert er nicht. Er ist eine Ausnahme, ein Ausnahmefall. Ich würde sagen, nicht Genf muss auf die Couch des Psychiaters, sondern Maudet.

Der Kolumnist Peter Rothenbühler lebt in Lausanne.

Erstellt: 17.01.2019, 20:14 Uhr

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