Reaktion

Nach Mörgeli und Köppel wird endlich auch Botschafter Guldimann aktiv

Schweizer müssen derzeit in Deutschland ihr Land erklären. Im TV machen das Roger Köppel und Christoph Mörgeli. Nun wird auch die offizielle Schweiz aktiv.

Die Schweizer Fahne in Berlin: Es gibt Erklärungsbedarf.

Die Schweizer Fahne in Berlin: Es gibt Erklärungsbedarf. Bild: AP Photo/Markus Schreiber/Keystone

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«Weltwoche»-Chef Roger Köppel hatte schon seinen Talkshow-Auftritt, SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli auch. Seit dem Ja zur Einwanderungsinitiative wundert sich Deutschland über das kleine, widerspenstige Nachbarland. Und ausgerechnet zwei rechtskonservative Haudegen sind die medialen Schweiz-Erklärer. Immerhin: In der «Anne-Will-Talkshow» der ARD hielt NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann dagegen. «Es gibt auch eine andere Schweiz», sagte er. Seine Argumente gingen aber angesichts des kernigen Mörgeli-Auftritts fast unter.

Von der offiziellen Schweiz hört man in der deutschen Öffentlichkeit bisher nicht viel. Bundesrat Johann Schneider-Amman gab der gestrigen «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ein Interview. Mit den viel beachteten TV-Sendungen kann er es in puncto Reichweite aber nicht aufnehmen. Das relative Schweigen von Bundesbern nervt nicht nur viele Auslandschweizer, die sich seit Sonntag bei Freunden, Bekannten und in der Beiz für ihr Land rechtfertigen müssen – und mit einer Mischung aus Schulterklopfen und Spott konfrontiert werden.

Die Botschaft ist aktiv

Auch in der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates ist der Ärger über die Kommunikationsstrategie der Eidgenossenschaft gross. «Es kann einfach nicht sein, dass nach einem Mehrheitsentscheid des Volkes die Schweizer Optik allein durch Herrn Köppel vertreten ist», beschwerte sich am Dienstag die grünliberale Fraktionschefin Tiana Moser.

Jetzt plant die Schweizer Botschaft in Berlin, das Schweizer Ja vom Sonntag intensiver zu erklären. Es lägen bereits viele Anfragen von deutschen Medien vor, sagt Alexandra Baumann, Chefin Politik und Presse der Vertretung. Unmittelbar nach der Abstimmung habe man die Journalisten zunächst vertröstet, weil die nächsten Schritte der offiziellen Schweiz noch nicht vorlagen und der Bundesrat darüber noch zu beraten hatte.

Hinter den Kulissen bereits sehr aktiv ist Botschafter Tim Guldimann. «Ich habe in diesen Tagen viele Gespräche mit Vertretern des Bundestages und der Bundesländer», sagt er. Es gehe darum, zu erklären, was genau im Initiativtext steht und wie eine mögliche Umsetzung aussehen könnte. Guldimann wirbt bei den Entscheidungsträgern auch um Verständnis für das Votum der Schweizer. «Viele sagen: ‹Wir bedauern den Entscheid.› Gleichzeitig gibt es weiterhin ein spürbares Wohlwollen gegenüber unserem Land.»

Einen prominenten Auftritt hat die offizielle Schweiz kommende Woche in Berlin: Bundespräsident Didier Burkhalter wird am Dienstag, Uvek-Vorsteherin Doris Leuthard am Freitag erwartet. Geplant sind Gespräche mit mehreren Ministern, der Kanzlerin – und den deutschen Medien.

Fondue weiterhin gefragt

Bis es so weit ist, sind Auslandschweizer in Deutschland auf sich allein gestellt. In liberalen Berliner Kreisen gehören kleine Witzchen über die Eidgenossen seit Sonntag zum Standard. «Wurdest du noch nicht ausgewiesen?», heisst es in der Kaffeepause. Beim Feierabendbier muss man sich anhören: «Redest du noch mit uns? Wir sind doch Ausländer.»

Je nach politischem Milieu gibt es aber auch Zuspruch. «Eher verständnisvoll» reagiere seine Kundschaft, berichtet etwa Chris Fankhauser, Inhaber des Schweizer Spezialitätengeschäfts Chuchichäschtli in Berlin. Viele Leute würden sagen, die Schweizer könnten wenigstens abstimmen über Migrationsfragen. Und viele meinen: «Bei uns in Deutschland käme eine Abstimmung genau gleich raus.»

Fankhauser sagt aber auch, er habe sich am Sonntag schon Sorgen gemacht. «Man wusste ja nicht, wie die Reaktionen auf so ein Ergebnis ausfallen.» Immerhin ist seine Existenz eng mit dem Image der Schweiz verknüpft. Schokolade, Fondue und Zweifel-Chips gibts im Chuchichäschtli zu kaufen. Was, wenn die vornehmlich deutsche Klientel plötzlich nichts mehr wissen will von den Schweizer Leckereien? Fankhauser kann aber vorerst Entwarnung geben: Von einem Umsatzeinbruch hat er nichts bemerkt.

Erstellt: 14.02.2014, 08:17 Uhr

Deutschland
Für Begrenzung der Zuwanderung

48 Prozent der Deutschen würden sich bei einer Volksabstimmung für eine Begrenzung der Zuwanderung ins eigene Land aussprechen. 46 Prozent sind gegen eine Regelung, wie sie das Schweizer Stimmvolk angenommen hat. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest, die die Deutsche Welle in Auftrag gegeben hatte. Die Umfrage wird im TV-Magazin «Politik direkt» vorgestellt. Befragt wurden am Dienstag und am Mittwoch 1001 Deutsche über 18 Jahre, wie der Auslandsender mitteilte. Mit 84 Prozent war die Zustimmung zur Zuwanderungsbegrenzung bei Anhängern der europakritischen Alternative für Deutschland (AFD) besonders hoch. Anhänger von CDU und CSU stimmten zu 51 Prozent dafür. Besonders niedrig fiel die Zustimmung mit 29 Prozent bei den Grünen-Anhängern aus. 45 Prozent der Bürger in den westdeutschen Bundesländern wollen die Zuwanderung begrenzen. In den ostdeutschen Bundesländern sind es 56 Prozent. (SDA)

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Karikaturen und Fotomontagen zum Ja zur Einwanderungsinitiative

Karikaturen und Fotomontagen zum Ja zur Einwanderungsinitiative Auf die Annahme der SVP-Einwanderungsinitiative haben zahlreiche Karikaturisten und Photoshop-Künstler reagiert.

Tim Guldimann: Seit 2010 ist der frühere Botschafter im Iran und ehemalige Leiter der OSZE-Mission in Tschetschenien Botschafter in Berlin.

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