«Natürlich ist das illegal. Was ist heute nicht illegal?»

Der SRF-Film «Schütze sich, wer kann» über Waffenbesitz in der Schweiz fördert Erstaunliches zutage. Noch spannender ist, was hinter den Kulissen abging.

«Wir wissen, dass wir uns wehren können»: Leute, die gern Waffen haben oder sich mit ihnen schützen wollen, öffneten sich dem Filmemacher Hanspeter Bäni. Video: SRF, Tamedia

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So viel Offenheit ist eindrücklich. Leute, die von Waffen fasziniert sind oder sie aus Angst besitzen, erzählten dem SRF-Filmemacher Hanspeter Bäni, was sie antreibt. Wie sehr sie an der Waffe hängen («Ich konnte nicht mehr schlafen, als sie mir die Waffen wegnahmen»), dass die Pistole auch beim Gang zur Bank mitgeführt würde («Natürlich ist das illegal, was ist heute nicht illegal»), dass man Kindergartenkinder an Waffen heranführen sollte («Wenn ein Kind unruhig ist, gibt man ihm Ritalin. Ich würde eine Waffe geben, damit sie zielen lernen»).

Fast ebenso spannend wie der Dokumentarfilm «Schütze sich, wer kann» ist allerdings das Schauspiel hinter den Kulissen. Denn bis kurz vor Sendungsbeginn am Donnerstagabend war unklar, ob das Schweizer Fernsehen den Film ausstrahlen darf. Zwei der Protagonisten wollten dies in letzter Minute verhindern, wie mehrere in die Produktion involvierte Personen erzählen.

Einer von ihnen störte sich an der Bildlegende in einer Programmzeitschrift, in welcher er als «Waffennarr» bezeichnet wurde. Im Film selber kam das Wort «Waffennarr» im Zusammenhang mit diesem Mann nicht vor. Wegen der Bildlegende im Programmheft wandte er sich wenige Tage vor der Ausstrahlung ans Schweizer Fernsehen mit der Forderung, den Film nicht zu zeigen.

«Es gibt sie, die Waffennarren»

Der Film tastet sich an den Begriff «Waffennarr» vorsichtig heran. «Sind sie vielleicht auch ein bisschen ein Waffennarr?», fragt der Filmemacher einen Schützen, was dieser vehement verneint. Er höre das Wort nicht gern, es sei eine Beleidigung für alle Sportschützen.

Doch es gebe sie, die Waffennarren, sagt die Off-Stimme und zeigt entsprechende Szenen: Ein Mann schiesst vor laufender Kamera mit seinem Gewehr im Hobbyraum herum und erzählt von schlaflosen Nächten, die er hatte, als sie ihm die Waffen abnahmen. Der Grund: Er habe einen «Linksextremen» mit zwei Patronen im Briefcouvert bedroht. Ein psychiatrisches Gutachten stufte ihn später als ungefährlich ein, weshalb er seine Waffen zurückbekam.

Dicke Post: Ein Waffenbesitzer verschickte Patronen «zur Belehrung».

Jemandem Patronen schicken sei aber schon krass, bemerkt Filmemacher Bäni. Oder ob denn das ein Scherz gewesen sei? Nein, sagt der Mann. Man dürfe ja auch probieren, Leute zu belehren. Auch er versuchte nachträglich, die Ausstrahlung des Films zu verhindern. Den Rechtsweg schlugen aber beide nicht ein, das Fernsehen wandte sich vorsorglich ans zuständige Gericht. Schliesslich wurde das Gesicht des «Waffennarrs» abgedeckt und seine Stimme wurde verfremdet.

Die Patronen in der Post waren «kein Scherz».

Das Thema Waffen ist gerade sehr virulent und emotional aufgeladen. Hintergrund der Debatte ist eine Verschärfung der EU-Waffenrichtlinie, die Ende April von den Mitgliedstaaten verabschiedet wird und für alle Schengen-Länder, also auch für die Schweiz, gilt. Der Schiesssportverband rüstet sich jetzt schon für das Referendum gegen den zu erwartenden Umsetzungsvorschlag des Bundesrats. Sicher ist, dass die Schweiz die Richtlinie in irgendeiner Form nachvollziehen muss. Wie gross ihr Spielraum dabei sein wird, ist noch ungewiss.

Hoher Umsatz dank zivilem Waffenverkauf

Die Schweizer sind im Waffenbesitz Weltspitze, die Waffendichte hierzulande ist eine der höchsten der Welt. Positiv wirkt sich das auf die Rüstungsindustrie aus, wie der Bundeskonzern Ruag gestern vermeldete: Mit nahezu 1,9 Milliarden Franken Umsatz und 151 Millionen Franken Gewinn sind die Bilanzkennzahlen für das letzte Jahr so gut wie noch nie.

Geladene Stimmung: Immer mehr Schweizer kaufen Waffen.

Haupttreiber ist das sogenannte zivile Geschäft. Immer mehr Leute kauften sich Waffen und Munition, weil sie sich unsicher fühlten, sagte der Ruag-Chef vor den Medien. Die Zunahme des Waffenverkaufs und die Angst vor Kriminalität stehen in der Schweiz im Widerspruch zur rückläufigen Kriminalität. Die Kriminalfälle nehmen laut Statistik ab. «Ich glaube das eben nicht», sagt eine Protagonistin im Film. Sie entscheidet sich am Ende für den Kauf einer Pistole, mit der sie sich zu Hause schützen will. Der Fall Rupperswil hat sie dazu bewogen, sie wohnt unweit des Tatorts.

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Dass man in der Schweiz eine Waffe zu Hause haben kann, finde ich...




«Ich erlebe die Waffenlobby als militant und emotional», sagt SP-Nationalrätin Chantal Galladé, die seit Jahrzehnten ein Waffenverbot in Privathaushalten fordert und dies auch im SRF-Dokumentarfilm vertritt. Die Waffe sei Sinnbild für Gefühle, Identität, Selbstwert, es gehe ums Existenzielle. Das spüre sie auch in den Rückmeldungen von Waffenlobbyisten, die mit ihren Drohungen und Beschimpfungen gegenüber der Politikerin unüblich weit gingen.

«Die Waffe ist Sinnbild für Gefühle, Identität, Selbstwert.»Chantal Galladé, Nationalrätin (SP, ZH)

Für den Filmemacher Hanspeter Bäni war es eine Premiere, dass Leute, die an einem Film mitgewirkt haben, diesen nachträglich verhindern wollten, wie er sagt. «So habe ich das noch nie erlebt.»

«Bleiben Sie sachlich und ruhig!»

Zahlenmässig ist die Waffenlobby stark. Der Schiesssportverband hätte mit seinen 130'000 Mitgliedern die Unterschriften für ein Referendum praktisch über Nacht zusammen. Nun wollen die Schützen auch kommunikativ aufrüsten.

Pro Tell, die Gesellschaft für freiheitliches Waffenrecht, hat seit kurzem eine Anleitung für den Umgang mit Medien auf ihrer Website. «Wenn Sie ein Interview geben, bleiben Sie bitte unter allen Umständen sachlich und ruhig, lassen Sie sich nicht zu unbedachten Äusserungen oder gar Beschimpfungen verleiten!», heisst es dort, und: «Vertreten Sie unsere Sache ohne Ausfälligkeiten! Verzichten Sie auf martialisches Posieren mit Waffen, seien Sie diskret.» Für einige kommt der Rat zu spät. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2017, 13:25 Uhr

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