Nazivergleiche sind immer falsch

Die Schweizer Juden sind es leid, wegen jeder Provokation die Dauerempörten zu spielen.

Sorgte für Wirbel: Hakenkreuz-Plakat gegen die Durchsetzungsinitiative im Bahnhof Genf. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

Sorgte für Wirbel: Hakenkreuz-Plakat gegen die Durchsetzungsinitiative im Bahnhof Genf. Foto: Salvatore di Nolfi (Keystone)

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Die Nazis haben rund sechs Millionen Juden und Millionen weitere Unschuldige systematisch entrechtet, entmenschlicht und in Todesfabriken ermordet. Dass Christoph Blocher die SVP-Mitglieder als neue Juden sieht, ist eine groteske Banalisierung der Naziverbrechen.

Doch nicht nur aus SVP-Kreisen höre ich oft Vergleiche, die genauso grotesk sind. Viele Linke sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, die SVP mit den Nazis zu vergleichen oder bei der Partei zumindest faschistische Tendenzen zu orten. Ein weiterer unsinniger, aber häufiger Vergleich: Die Juden seien im Umgang mit Palästinensern genauso brutal oder gar brutaler als die Nazis. Solche Behauptungen höre ich aus der linken und der rechten Ecke – und aus der Mitte. Und selbst die Islamisten vom Islamischen Zentralrat der Schweiz hefteten sich zwecks Provokation schon Judensterne auf die Brust, auf denen «Muslim» stand.

Immer das gleiche Muster

Die durch solche Vergleiche ausgelösten Debatten laufen immer nach dem gleichen Muster: Ein Provokateur bezeichnet sich als neuen Juden – oder seinen Gegner als neuen Nazi. Kaum provoziert, verschaffen die Medien dem Provokateur die Aufmerksamkeit, auf die er abgezielt hat.

Die Aufgabe von uns Juden in diesen Debatten besteht nach Auffassung mancher Journalisten darin, Empörung zu äussern und somit der Skandalisierung Vorschub zu leisten.

Unsere öffentliche Empörung wird dann von den Politikern gerne genutzt, um den Gegner zu diffamieren. Kritisieren wir die Rechten, applaudieren die Linken. Kritisieren wir eine linke Partei, klopfen uns die Rechten auf die Schulter. Aber wehe, wir spielen unsere Rolle nicht gut: Die Kritik des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds an Blocher könne man nicht ernst nehmen, sagte letzte Woche ein dem SVP-Chefstrategen eher zugeneigter Journalist im Radio. Schliesslich hätten wir die Plakate gegen die Durchsetzungsinitiative (Hakenkreuze!) auch nicht kritisiert.

Man geht wie selbstverständlich davon aus, dass wir verpflichtet seien, zu jedem noch so abstrusen Nazivergleich unsere Empörung zu äussern und so die Debatte anzuheizen. Wollten wir jeden unpassenden Nazivergleich verurteilen, müssten wir jede Woche empörte Stellungnahmen veröffentlichen.

Dabei schaffen wir uns damit keineswegs nur Freunde: Jedes Mal, wenn wir Medienanfragen zu Nazivergleichen beantworten, erhalten wir danach beleidigende Zuschriften. Diejenigen, in denen behauptet wird, uns Juden gehe es nur um die Aufmerksamkeit, sind noch die freundlichsten. Als ob wir an solchen Schlagzeilen interessiert wären. Dieser Tage erhalten wir auch wieder Mails, in denen steht, wir Schweizer Juden hätten sowieso kein Recht darauf, andere zu kritisieren, denn was die Juden in Palästina mit den Palästinensern ...

Was dieser unreflektierte Umgang mit Nazivokabular oder diese Vergleiche für uns Juden bedeuten, interessiert in der Regel weniger. Den Medien, die der Provokation eine Bühne geben, geht es nicht selten um Skanda­lisierung respektive Quote, den Politikern hingegen oft um Selbstprofilierung oder Diffamierung des Gegners.

Unwürdig

Ich persönlich kann diese Vergleiche und die darauf folgenden Debatten nicht mehr hören. Diese Nazivergleiche sind unserer politischen Kultur unwürdig. Sie sind immer falsch. Sie sind gegenüber den Opfern der Nazis immer pietätlos, und sie sind für uns Juden immer verletzend. Das gilt sowohl für Linke, die die SVP mit der NSDAP gleichsetzen, wie auch für SVPler oder Islamisten, die sich als neue Juden bezeichnen.

Ich wünsche mir, dass die Politiker aufhören, mit diesen Begriffen gedankenlos um sich zu werfen. Und ich wünsche mir, dass Medien aufhören, den Provokateuren in die Falle zu gehen, und ihnen die angestrebte grosse Publizität in Zukunft verweigern – und statt­dessen die Vergleiche kurz und bündig als das entlarven, was sie sind: daneben.

Wir beim SIG jedenfalls sind nicht mehr gewillt, die uns zugedachte Rolle der ewig Empörten zu spielen. Vielleicht werden wir auf Anfragen zu diesem Thema in Zukunft immer dasselbe antworten: Nazivergleiche sagen mehr aus über den Vergleichenden als über das Verglichene.

Erstellt: 28.04.2016, 22:39 Uhr

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Der Zürcher Rechtsanwalt ist Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, der eine Mehrheit der Juden in der Schweiz vertritt.

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