Antibabypille erhöht Suizidgefahr

Hersteller müssen künftig darauf hinweisen, dass die Pille zu Depressionen führen kann. Sie reagieren damit auf eine neue Studie.

Unter der Pille können manche Frauen psychisch leiden. Foto: Michael Weber

Unter der Pille können manche Frauen psychisch leiden. Foto: Michael Weber

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Die Liste der Nebenwirkungen von Antibabypillen wird um zwei Hinweise länger: Neu sollen die Frauen in der Packungsbeilage darauf hingewiesen werden, dass die Pille auch zu Depressionen und als Folge davon zu einem erhöhten Suizidrisiko führen kann. Aufgrund einer Studie aus Dänemark verlangt die europäische Arzneimittel-Agentur diesen zusätzlichen Warnhinweis. Diese Vorgabe übernimmt auch die Schweiz, wie Swissmedic bestätigt. Die Zulassungsbehörde wird sich ohne eigene Prüfung der Sachlage am internationalen Umfeld orientieren.

Wann genau die neuen Warnhinweise auf den Packungsbeilagen auftauchen, kann Swissmedic-Sprecherin Danièle Bersier noch nicht sagen. Es werde sicher 2019. Auch die genaue Formulierung sei noch offen. Swissmedic werde sich aber auch hier am Ausland orientieren.

«Der richtige Entscheid»

In Deutschland verlangt die Arzneimittelbehörde neu folgenden Hinweis: «Manche Frauen, die hormonelle Verhütungsmittel anwenden, berichten über Depression oder depressive Verstimmung. Depressionen können schwerwiegend sein und gelegentlich zu Selbsttötungsgedanken führen. Wenn bei Ihnen Stimmungsschwankungen und depressive Symptome auftreten, lassen Sie sich so rasch wie möglich von Ihrem Arzt medizinisch beraten.»

Hintergrund dieser Warnung ist eine dänische Studie aus dem Jahr 2017. Gynäkologen der Universitätsklinik Kopenhagen hatten anhand der Daten von fast 500'000 jungen Frauen aufgezeigt, dass zwar relativ wenige von ihnen einen Suizidversuch (6999) unternommen oder tatsächlich einen Suizid (71) begangen hatten. Aber: Unter jenen, die mit der Pille verhüteten, war der Anteil der Suizide und Suizidversuche fast doppelt so hoch wie unter den anderen Frauen. Am höchsten war das Risiko zwei Monate nachdem die Frauen begonnen hatten, die Pille zu nehmen. Das sei wahrscheinlich auf die hormonelle Umstellung zurückzuführen.

Daniel Surbek, Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe am Inselspital Bern, sagt: «Es ist richtig, dass Swissmedic möchte, dass die Anwenderinnen der Pille über mögliche psychische Nebenwirkungen wie das Depressionsrisiko informiert werden.» Die Ergebnisse der Studien, die zu diesem Entscheid geführt haben, seien relevant und inzwischen bestätigt worden. Das Vorgehen sei ähnlich wie bei den Erkenntnissen zum Thromboserisiko vor einigen Jahren; 2008 sorgte der Fall einer 16-jährigen Frau für Schlagzeilen, die nach der Einnahme der Pille eine Lungenembolie erlitt und seither stark behindert ist. Wichtig ist gemäss Daniel Surbek aber, dass die Relationen gewahrt bleiben: «Das Depressionsrisiko ist bei jungen Frauen grundsätzlich sehr tief und das Risiko wegen der Pille nur leicht erhöht.»

«Man darf die Pille nicht verteufeln.»Bea Loosli, Verhütungscoach

Bea Loosli, die als Verhütungscoach arbeitet, weiss aus Beratungsgesprächen, dass die Pille eine depressive Wirkung haben kann: Sie hat Kundinnen, die Wesensveränderungen spüren und Suizidgedanken haben. Das erstaunt Loosli nicht: Da die Pille den Eisprung unterdrücke, befinde sich die Frau permanent in der zweiten Zyklushälfte. In dieser dominiere das Progesteron. Wenn die Frau die Pille nimmt, das Gestagen. «Die Frauen, die von der Pille gesteuert werden, befinden sich gefühlsmässig stets im Herbst und Winter.» Vor allem sensible Frauen litten darunter.

Deshalb findet es Bea Loosli berechtigt, dass auf der Packungsbeilage steht, die Pille könne Depressionen begünstigen. Den Hinweis auf das Suizidrisiko hält Loosli aber für übertrieben. «Man darf die Pille nicht verteufeln.» Sie könne durchaus ein ideales Verhütungsmittel sein – je nach Alter, Lebensphase und Verträglichkeit.

Der Schweizerische Apothekerverband Pharma Suisse will den Entscheid von Swissmedic nicht kommentieren. Er kann auch nicht abschätzen, wie sich die zusätzlichen Warnhinweise auf den Verkauf auswirken. In den vergangenen Jahren ist der Absatz von Antibabypillen in der Schweiz gemäss dem Verband zurückgegangen: 2008 wurden 1,8 Millionen Packungen verkauft, 2016 noch 1,3 Millionen. Der Trend gehe hin zu nicht hormonellen Verhütungsmethoden. In der Schweiz nimmt rund ein Viertel der Frauen im gebärfähigen Alter die Pille.

Erstellt: 21.11.2018, 08:40 Uhr

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