«Nein, Musterdemokraten sind die Schweizer nicht»

Eine neue Studie zeigt, dass viel mehr Menschen abstimmen gehen als bisher angenommen – und nur ganz wenige immer abstimmen. Der Studienautor sagt, was das bedeutet.

Nur wenige Musterdemokraten, nur wenige Politikverdrossene: Die meisten Schweizer gehen nur dann an die Urne, wenn sie sich kompetent fühlen.

Nur wenige Musterdemokraten, nur wenige Politikverdrossene: Die meisten Schweizer gehen nur dann an die Urne, wenn sie sich kompetent fühlen. Bild: Keystone

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Sie haben herausgefunden, dass nur 10 Prozent der Stimmberechtigten nie abstimmen gehen. Sind wir also ein Volk von Musterdemokraten?
Nein, Musterdemokraten sind die Schweizer nicht. Im internationalen Vergleich ist die Stimm- und Wahlbeteiligung in der Schweiz niedrig. Aber bisher hat man angenommen, dass die Schweizer ein Volk von Politikverdrossenen sind. Wir können jetzt zeigen, dass innerhalb von fünf Jahren nur 10 Prozent gar nie abstimmen. Das heisst, 90 Prozent gehen an die Urne. Nicht immer, aber sie gehen.

Für die Parteien heisst das, dass diese 90 Prozent theoretisch mobilisierbar wären. Wie bringt man sie an die Urne?
Die selektiven Wähler sind sehr sensitiv für intensiv geführte Abstimmungskampagnen. Je intensiver die Kampagnen, desto grösser die Mobilisierung. Eingängige Themen begünstigen diesen Effekt.

Bisher sagte man, man könne Stimmbürger nicht kaufen. Ein Irrtum?
Diesen Schluss kann man aus unserer Studie nicht ziehen. Wir können nur sagen, ob die Stimmbürger abstimmen gehen oder nicht, über ihr Stimmverhalten können wir keine Aussagen machen. Es ist also denkbar, dass Stimmbürger wegen einer intensiven Kampagne abstimmen, aber anders als es die Kampagne propagiert. Aber wir wissen aus früheren Untersuchungen, dass die Stimmbürger schwer zu manipulieren sind. Die meisten Stimmen entlang ihrer persönlichen Präferenzen ab. Für die Parteien muss es eher darum gehen, ihre Wähler an die Urne zu bringen, als anders Denkende von ihren Argumenten zu überzeugen.

Sie haben Daten von Genf analysiert. Sind diese Daten repräsentativ für die ganze Schweiz?
In Genf wird bei jedem einzelnen Stimmbürger erfasst, ob er abgestimmt hat oder nicht. Vergleichbare Daten gibt es nur in der Berner Gemeinde Bolligen und in der Stadt St. Gallen. Wir wissen, dass im Stadtkanton Genf die Stimmbeteiligung leicht höher ist als in der gesamten Schweiz, aber wir sind sehr zuversichtlich, dass die Hauptaussage unserer Studie für die gesamte Schweiz gilt: Ein grosser Teil der Stimmbürger sind selektive Wähler.

Sie schreiben, dass die selektiv Abstimmenden ein ähnliches politisches Profil haben wie die Abstinenten. Diese sind politisch uninteressiert, wissen wenig über Politik und haben keine parteipolitischen Präferenzen. Werden Volksentscheide von unpolitischen Menschen gefällt?
Nein, so würde ich das nicht sagen. Politisches Know-how schwankt von Vorlage zu Vorlage. Man kann wohl sagen, dass es sehr wenige Leute gibt, die mit allen Themen vertraut sind. Unsere Studie zeigt, dass die Menschen vor allem dann abstimmen gehen, wenn sie sich kompetent fühlen. Ein Arzt stimmt vielleicht eher ab, wenn es um Präimplantationsdiagnostik geht, dafür bleibt er bei einer Abstimmung über ein Luftverkehrsgesetz eher zu Hause.

Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die Demokratie?
Die wichtigste Erkenntnis ist, dass eine stark ausgeprägte politische Kompetenz das Stimmverhalten positiv beeinflusst. Je mehr ein Mensch von Politik versteht, desto häufiger geht er abstimmen. Das ist positiv, denn diesen Faktor können wir beeinflussen, zum Beispiel durch politische Bildung. So gesehen ist es sicher nicht hilfreich, wenn die Finanzierung von Institutionen wie dem Berner Käfigturm gestrichen wird, die sich um die politische Bildung von jungen Menschen kümmern.

Nur ein verschwindend kleinerer Anteil der Bevölkerung geht immer abstimmen. Wie ordnen Sie das ein?
Musterdemokraten gibt es in der Tat sehr wenige. Aus einer Demokratieperspektive wäre es wichtig, dass möglichst alle, die von einem Entscheid betroffen sind, darüber abstimmen. In der Schweiz geht oft nur die Hälfte der Bevölkerung. Das heisst, dass eine Vorlage von einem Viertel der Bevölkerung entschieden wird, Ausländer und Minderjährige nicht mitgerechnet. Das könnte man sicher positiv beeinflussen, wenn man die Zahl der immer Abstimmenden erhöhen könnte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2016, 21:27 Uhr

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