«Nenn mich nicht Schatz!»

Der Präsident der jungen SVP kontert die Juso-Präsidentin in einem dynamischen Schlagabtausch. Während er die AHV für eine Fehlkonstruktion hält, will sie auf Pensionskassen verzichten.

«Ob 2060 noch Geld in der AHV ist, kann niemand sicher sagen»: Funiciello und Fischer im Streitgespräch. (Video: Mario von Ow)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kurz nach Beginn des Gesprächs ist es schon genug: «Du hast keinen Respekt vor dem Eigentum anderer, Tamara», sagt Benjamin Fischer. «Du willst einfach über ihr Geld verfügen. Du willst ihnen ihr Erbe wegnehmen, ihre Kapitalgewinne und jetzt auch noch ihr Erspartes in der Pensionskasse.» Die Angesprochene lacht auf: «Ja, genau so ist es! Ich fordere eine Rückverteilung.»

Es sind zwei Extrempositionen aufeinander geprallt, jene von Juso-Präsidentin Tamara Funiciello und jene von Benjamin Fischer, Präsident der Jungen SVP (JSVP). In den vergangenen Monaten haben ihre Mutterparteien hart darum gerungen, welche Säule der Altersvorsorge gestärkt werden soll, die erste, die AHV, oder die zweite, die Pensionskassen. Im September entscheidet das Stimmvolk, ob die sinkenden Pensionskassenrenten auch in der AHV kompensiert werden sollen, mit 70 Franken für jede und jeden. Dem ausgehandelten Kompromiss können Funiciello und Fischer gar nichts abgewinnen. Ihnen geht es nicht um verstärken oder schwächen, sondern um alles oder nichts.

Die Juso-Präsidentin möchte die zweite Säule gleich ganz abschaffen und dafür die erste Säule zu einer Volkspension ausbauen. So, wie es die SP 1969 mit einer Volksinitiative verlangte. Die Pensionskassen zahlten die angesparten Vermögen noch so lange aus, bis der letzte Versicherte gestorben ist. Einbezahlt würde aber nur noch in die AHV. «Alles andere muss weg», beschlossen die Juso an ihrer Jahresversammlung im März. Am Samstag fassen sie die Parole für die «Altersvorsorge 2020».

Könnte hingegen der Präsident der JSVP eine Altersvorsorge entwerfen, dann gäbe es keine erste Säule. Selbst die zweite ist ihm suspekt, da zu stark reguliert. In der «Arena» des Schweizer Fernsehens Anfang Jahr sagte er mitten in eine hitzige Diskussion hinein, wenn die Jungen nicht darauf vertrauen könnten, dass sie einmal eine Rente bekämen, dann müsse man zu radikaleren Massnahmen greifen: Dann müsse man das Umlageverfahren, die AHV, abschaffen. «Jeder spart für sich, jeder schaut für sich.»

Die AHV, ein Schneeballsystem

Jeder schaut für sich? Jetzt ist Funiciello empört: «Ich finde es erschreckend, dass du in Schulklassen gehst und ihnen genau das sagst. Was soll das? So machst du die Grundlage unserer Gesellschaft kaputt.» Wie hält es Fischer mit der Solidarität? Und, wie zur Hölle, will Funiciello von ihm wissen, soll jemand fürs Alter sparen, der nur 4000 Franken verdient und seine Kinder alleine erzieht? Fischer versteht Solidarität genau andersherum: Jeder sorgt für sich, damit er der Gesellschaft nicht zur Last fällt. Nur so kann er letztlich für jene sorgen, die es brauchen. Fischer findet, das Existenzminimum muss gesichert sein. «Ob über die Sozialhilfe oder über die AHV, das spielt am Ende keine Rolle.»

Sie beide haben ein ganzes Argumentarium im Kopf, das «ihre» Säule zur Lösung erklärt und jene des anderen zum Desaster. Fischer sagt: «Wir werden gezwungen, unser Geld in ein ineffizientes System zu stecken.» Funiciello entgegnet: «Wir zahlen Monat für Monat Geld in die Pensionskasse ein, und trotzdem werden unsere Renten immer kleiner.» Mit einer Volkspension hingegen bekämen Paare eine Rente von mindestens 5250 Franken. Das habe der linke Thinktank Denknetz durchgerechnet. Fischer führt das Liberale Institut ins Feld: Die Gesellschaft würde besser fahren, wenn man die erste Säule abschaffe.

Nach Meinung Funiciellos ist das Geld in den Pensionskassen nicht sicher: «70 Milliarden haben sie in der Finanzkrise verbraten!» Für Fischer hingegen ist die AHV nichts anderes als ein Schneeballsystem: «Wir tun dasselbe wie Milliardenbetrüger Bernard Madoff: Ist nicht mehr genug Geld vorhanden, sucht man neue Geldquellen.» Eröffnet Spielcasinos, hole Arbeitskräfte aus dem Ausland. Und nun wollten die Juso auch noch an das Ersparte in den Pensionskassen.

Funiciello und Fischer sind während ihrer kurzen Amtszeit erst wenige Male aufeinandergetroffen, haben erst einzelne Ferngefechte über die Medien ausgetragen. Dennoch debattieren sie miteinander, als hätten sie schon ein Leben lang miteinander gestritten. Noch bevor das Gespräch beginnt, verfangen sie sich in einer Diskussion, reden angeregt über die Gerechtigkeitstheorie und den Disput zwischen Funiciello und Fischers Schwester über verbrannte BHs.

Tamara Funiciello ist keine «nette» Linke. Sie ist radikal.

Sie diskutieren auch vor der Kamera weiter. Jetzt fordert Fischer Funiciello heraus: «Du hast mich vorhin Schatz genannt!» Als sei er etwas beschränkt. Funiciello ist amüsiert, Fischer auch. Sie hat ihn Schatz genannt, weil er ihr vorhielt, sie mache eine Milchbüchleinrechnung. Als wäre sie beschränkt. «Hätte ich das zu dir gesagt, würdest du ein Politikum daraus machen, und ich hätte ein grosses Problem», doppelt Fischer nach. Schon sind sie in einer Geschlechterdiskussion, an deren Ende er bilanziert: «Heute stilisiert man ganz normale Probleme zu Genderproblemen hoch.» – «Wir fressen uns bald», sagt Funiciello.

Tamara Funiciello ist keine «nette» Linke. Nicht in der politischen Auseinandersetzung. Funiciello ist radikal. Wenn sie etwas ablehnt, dann total – Grenzen, Religionen, die unsoziale Mehrwertsteuer. Die Juso, so forderte sie nach ihrem Amtsantritt unmissverständlich, müsse der «Dorn im Arsch der SP» sein. Funiciello ist eine glänzende Provokateurin: Als Einladung zur Frauendemo liessen sie und andere Jungsozialistinnen ihre BHs in den Flammen eines Bunsenbrenners aufgehen. Damit wurde sie mit einem Schlag so bekannt wie ihr Vorvorvorgänger Cédric Wermuth, der am Rednerpult einen Joint anzündete.

Und Benjamin Fischer ist kein derber SVPler. Er trägt Anzug, ist höflich, korrekt und sagt Sätze wie: Ich kann Tamaras Argumente nachvollziehen. «Ist das schlecht?», fragt er, darauf angesprochen. «Mir wurde Anstand mit auf den Weg gegeben. Wenn man etwas erreichen will, geht es damit besser.»

Benjamin Fischer ist kein derber SVPler. Er ist höflich und korrekt.

Dabei haben sie beide am selben Ort begonnen: zuunterst. Tamara Funiciello ist ein Wirtschaftsflüchtling. Sagt sie. Sie hat ihrer Kindheit in Italien verbracht, der Vater ist Italiener, die Mutter Schweizerin. Sie arbeitete im Callcenter, im ­Service, in einem Warenlager, bei der Gewerkschaft. Nun studiert sie an der Universität Bern Geschichte, ein Ende ist nicht absehbar – das Juso-Präsidium und das Amt im Berner Stadtparlament fressen ihr die Zeit auf, wie sie sagt.

Bauernsohn Fischer ist mit fünf Geschwistern im zürcherischen Volketswil aufwachsen. Politisiert wurde er auf dem Pausenplatz. Dort kam es immer wieder zu Reibereien zwischen Schweizern und Nichtschweizern, man verstand sich nicht. Mit 16 trat Fischer der Jungen SVP bei, mit 17 der Auns, mit 23 Jahren war er der jüngste Kantonsrat. Heute studiert er Betriebswirtschaft, will bald mit dem Master abschliessen und führt mit drei Brüdern ein Gartenbauunternehmen.

Rente oder Sozialhilfe?

Funiciello ist 27 Jahre alt, Fischer 26. Sie werden frühestens 2055 pensioniert. Ist dann noch Geld da für ihre Renten? Fischer sagt: «Ich werde sicher nicht mit 65 pensioniert. Dafür reicht das Geld nicht.» Sein Vater, gerade 81 geworden, stehe noch jeden Tag früh auf, gehe in den Stall und arbeite auf dem Feld. Er werde sich nie aus dem Erwerbsleben verabschieden können. «Und auch ich werde nie sagen können, Adieu, das ist es gewesen.»

«Geld ist genug da», entgegnet Funiciello. Die Frage sei nur, ob es der politische Wille sei, das Geld für eine Altersversicherung einzusetzen: «Wollen wir den Leuten, die ihr Leben lang gebügelt haben, ein Alter in Würde ermöglichen? Oder schicken wir sie aufs Sozialamt?» Wenn nicht, dann heisse die Lösung Umverteilen: «Die 300 reichsten Schweizer haben letztes Jahr 20 Milliarden mehr verdient als im Jahr zuvor. Und dann sagt man mir, es sei kein Geld vorhanden!»

Dann, am Schluss, treffen sie sich überraschend: Keiner von ihnen will die laufenden Renten antasten. Es wäre nicht richtig, meinen sie. Es geht um ein Versprechen: Pensionierte sollen ein Leben in Würde führen können. «Aber am Ende muss man sagen», so fügt Fischer an, «niemand von uns hat den Generationenvertrag unterschrieben.»

Erstellt: 05.05.2017, 07:59 Uhr

Romands planen Pro-Kampagne

Während die Schaltzentralen der nationalen Wirtschaftsverbände in Zürich und Bern die Reform der Altersvorsorge an der Urne zu Fall bringen wollen, plant die Westschweizer Wirtschaft eine Pro-Kampagne. Denn trotz Erhöhung der AHV-Renten um monatlich 70 Franken und höheren Lohnabzügen überwögen die Vorteile der vom Parlament beschlossenen Reform, sagt Christophe Reymond, Direktor des Waadtländer Arbeitgeberverbandes (Centre Patronal). Deshalb kommt das Centre Patronal zum Schluss: «Die Altersvorsorge 2020 verdient bei der Volksabstimmung im Herbst Unterstützung.»

Er habe aus Westschweizer Unternehmerkreisen nur positive Reaktionen auf diese Stellungnahme erhalten, sagt Reymond. «Fast alle Wirtschaftsorganisationen in der Romandie sind für die Reform.» Bereits Anfang März hatte die Fédération des Entreprises romandes, der Westschweizer Unternehmerverband, die Rechte im Parlament aufgefordert, im übergeordneten Interesse den Widerstand gegen die von der SP-CVP-Mehrheit im Ständerat beschlossenen Erhöhung der AHV-Renten aufzugeben und der Reform zuzustimmen.

Reymond kündigt eine Pro-Kampagne der Westschweizer Wirtschaft an. «Diese werden wir auch gegen Economiesuisse führen», sagt Reymond. Er bezweifelt, dass Economiesuisse die Gelder für eine starke Gegenkampagne zur Altersvorsorge aufbringen kann. So habe der gewichtige Schweizerische Versicherungsverband (SVV) Stimmfreigabe beschlossen.

Zwar hätte sich auch die Westschweizer Wirtschaft eine Reform gewünscht, mit der die Altersvorsorge langfristig saniert worden wäre, sagt Reymond. Aber der vorliegende Kompromiss biete die Chance, nach 20 Jahren Stillstand bei den Sozialwerken endlich einen Schritt voranzukommen. Dies sei nur möglich, wenn auch die Linke eine solche Reform mittrage, wie das nun der Fall sei. (br)

Artikel zum Thema

Der Röstigraben bei der Altersvorsorge

Während die Deutschschweizer Verbandsspitzen der Wirtschaft die Reform versenken wollen, planen die Westschweizer Patrons eine Pro-Kampagne. Mehr...

Alt-Bundesrätinnen treten für Rentenreform ein

Im Herbst kommt die Altersvorsorge 2020 vors Stimmvolk. Eveline Wimder-Schlumpf und Ruth Dreifus warnten vor den Folgen eines Nein. Mehr...

Altersreform: Den Gegnern laufen die Leute davon

SVP, FDP und die grossen Wirtschaftsverbände bekämpfen die Reform der Altersvorsorge. Doch gewichtige Mitglieder positionieren sich anders. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...