Neue Idee: Monatelanger Elternurlaub

14 Wochen bezahlte Ferien für Mütter, 14 Wochen für Väter – das verlangt eine Mitte-links-Allianz im Parlament. Die Forderung knüpft sie allerdings an eine Bedingung.

Ist ein Vaterschaftsurlaub für alle sinnvoll? Und, wenn ja, wie lange soll er dauern? Foto: Nisian Hughes (Gallery Stock)

Ist ein Vaterschaftsurlaub für alle sinnvoll? Und, wenn ja, wie lange soll er dauern? Foto: Nisian Hughes (Gallery Stock)

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Jetzt diskutieren wir also wieder über die Jungväter und ihre Papi-Zeit. Darüber, ob ein Tag Vaterschaftsurlaub reicht. Ob es nicht eher 20 Tage sein sollten, wie es eine neue Volksinitiative verlangt – oder irgendwas dazwischen. Eine Diskussion, die in die falsche Richtung führt, findet die grünliberale Nationalrätin Kathrin Bertschy. Sie schlägt eine Elternzeit vor, die viel grosszügiger ausgestaltet, aber an Auflagen geknüpft ist. Zusammen mit Mitstreitern aus CVP, BDP und den Grünen hat Bertschy gestern einen entsprechenden Vorstoss im Nationalrat eingereicht. «Unser Ziel muss es sein, dass möglichst viele Frauen erwerbstätig bleiben können», sagt sie. «Dafür braucht es neue Wege.»

Konkret will Bertschy auch für Väter einen 14-wöchigen Urlaub, der wie der Mutterschaftsurlaub aus der Erwerbsersatzordnung oder über Steuern finanziert wird. Ausbezahlt werden soll er aber nur, wenn beide Elternteile nach der Geburt ihres Kindes erwerbstätig sind. Das sei volkswirtschaftlich und gesellschaftspolitisch sinnvoller als ein bedingungsloser Vaterschaftsurlaub, sagt Bertschy: «Es ändert sich nicht viel in der klassischen Rollenverteilung, wenn der Vater mit der Mutter ein bisschen Familienzeit verbringt und danach zurück an die Arbeit geht, während die Frau weiterhin zu Hause bleibt.»

Das Vorbild Island

Die Berner Grünliberale verweist auf nordische Staaten, die schon länger eine Elternzeit eingeführt haben, und nennt Island als Vorbild. Dort erhalten Eltern neun Monate Elterngeld – Mütter und Väter jeweils während dreier Monate, danach können sie noch weitere drei Monate lang Geld beziehen. Auch die Isländer knüpfen die Beiträge an die Bedingung, dass beide Elternteile arbeiten. Sie haben damit Erfolg: 95 Prozent der Männer nehmen die Elternzeit, die Erwerbsquote bei den Frauen liegt bei über 82 Prozent. In der Schweiz sind es nominell 76 Prozent, wobei Schweizerinnen viel öfter in kleinen Pensen arbeiten.

Die Erwerbsquote müsse auch in der Schweiz höher werden. «Viele gut ausgebildete Frauen verlassen heute den Arbeitsmarkt, wenn sie ihr erstes Kind bekommen», sagt Bertschy. Gerade angesichts der absehbaren Beschränkung der Zuwanderung und des Fachkräftemangels stelle sich die Frage nach der beruflichen Integration der Frauen. «Wir konnten es uns lange leisten, mit dem heutigen Steuersystem traditionelle Familienmodelle zu subventionieren.»

«Heutiger Zustand unhaltbar»

Unterstützung findet die Idee auch beim Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch. Im Verband KV Schweiz, den er präsidiert, diskutiere man derzeit ähnliche Modelle. «In der Wirtschaft gibt es für eine Elternzeit mit Bedingungen mehr Verständnis als für einen Vaterschaftsurlaub, der ausnahmslos an alle ausbezahlt wird», sagt Jositsch. Der Weg übers Parlament sei zudem besser als über eine Volksinitiative. Ob Elternzeit oder Vaterschaftsurlaub, klar sei: «Der heutige Zustand, in der es faktisch nur die Mutterschaftsversicherung gibt, ist unhaltbar. So zwingt man Familien, auf eigene Kosten Urlaub zu nehmen.»

Bei den Vertretern der Initiative «Vaterschaftsurlaub jetzt», die seit einigen Wochen Unterschriften sammeln, ist man skeptisch gegenüber dem Elternzeitmodell. Es sei jetzt nicht die Zeit, grosse Debatten über Vorschläge zu ­führen, die politisch chancenlos seien, sagt Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travail Suisse. Auch er räumt ein, dass ein Vaterschaftsurlaub wohl nicht dazu führen würde, dass viel mehr Frauen nach der Geburt arbeiten würden. «Aber für den Start in das Familienleben wäre es ein Anfang.»

Und, was angesichts der politischen Mehrheitsverhältnisse im Land noch wichtiger sei: Der Vaterschaftsurlaub stosse in der Bevölkerung auf breiten Rückhalt. «Alle Vorstösse im Parlament zu diesen Themen wurden bisher abgelehnt», sagt Wüthrich. «Deshalb braucht es jetzt den Druck von aussen auf das Parlament.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2016, 23:54 Uhr

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