Neue SRF-Direktorin: Von Ostdeutschland zurück nach Zürich

Die St. Gallerin Nathalie Wappler wird Chefin des SRF. Sie will das öffentlich-rechtliche Medienangebot «schärfen».

Nathalie Wappler ist seit 2016 Programmleiterin beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

Nathalie Wappler ist seit 2016 Programmleiterin beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR). Foto: Raffael Waldner (13 Photo)

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In den letzten Monaten wurden die Hinweise immer deutlicher, dass Nathalie Wappler Direktorin von SRF wird. Bis zum letzten, eindeutigen Zeichen: Als sich die Journalisten gestern zur kurzfristig anberaumten Medienkonferenz in der Pädagogischen Hochschule in Zürich versammelten, da war von der SRG-Führung noch niemand zu sehen – aber Nathalie Wapplers Mann, Medienprofessor Wolfgang Hagen, war schon da. Er sass unter den wartenden Journalisten.

Dann sagten SRG-Präsident Jean-Michel Cina, Generaldirektor Gilles Marchand und Verwaltungsrat Andreas Schefer, der die Personalsuche verantwortet hatte, was die meisten schon in Porträts von ihr gelesen hatten: dass Nathalie Wappler die richtige Person für diese Aufgabe sei, dass sie mit ihrer grossen Medienerfahrung und ihrer analytischen Denkweise gepunktet habe, dass sie mit der SRG-Spitze die Werte und auch medienpolitische Grundsätze teile.

Am Montag hatten Verwaltungsrat und Regionalvorstand der SRG, die beiden für die Wahl zuständigen Gremien, die 50-jährige gebürtige St. Gallerin im Schnellzugtempo gekürt. Morgens um 8.15 Uhr begannen die Sitzungen, kurz nach dem Mittagessen war die Personalie abgesegnet. Schon vorher, um 11 Uhr, versandte die SRG die Einladung zur Medienkonferenz.

«Sie kann entscheiden»

Nathalie Wappler war vielen schon ein Begriff, bevor sie 2016 als Programmleiterin beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) ins ostdeutsche Halle zog. Nach dem Studium von Geschichte, Politologie und Germanistik in Konstanz arbeitete sie bei 3sat und beim ZDF.

2005 kam sie zum Schweizer Fernsehen, zunächst als Kulturredaktorin, dann als Leiterin der «Sternstunde», ab 2011 als Kulturchefin. Da tauchte der Name Nathalie Wappler bald auch in der politischen Berichterstattung auf: Der mit Spannung erwartete erste SRF-«Tatort» nach zehn Jahren war fast fertig, als die Kultur­chefin eingriff, weil ihr der Film zu politisch war. Eine Filmfigur hatte sich ihrer Ansicht nach allzu platt des SVP-Vo­kabulars bedient. Szenen wurden herausgeschnitten, neu gedreht, die Ausstrahlung um ein halbes Jahr verschoben. Der Regisseur regte sich auf, von Zensur war die Rede.

Die Favoritin hat gewonnen: Nathalie Wappler im Interview. Video: Tamedia

Sie könne entscheiden, auch schnell, sagt Beatrice Born, ehemalige Redaktionsleiterin beim Kulturradio SRF 2. Wappler erneuerte den Kanal und brachte damit Radiomitarbeiter, Hörer und weitere Teile der Kulturbranche gegen sich auf. Born sagt, sie habe als Projektleiterin den vollen Rückhalt der Chefin gehabt. Sie ist voll des Lobes: Nathalie Wappler höre zu, könne überzeugen, weiche nicht aus, habe ein journalistisches Gewissen und einen journalistischen Ehrgeiz. «Ich spürte immer klar die Richtung, in die sie zieht. Das hat mich motiviert.» Und ja, fügt Beatrice Born hinzu, «es mussten in der Abteilung auch Leute gehen».

Jüngst erschienene Medien­artikel besagen, dass Wappler personalpolitisch nicht sehr zimperlich sei. Beatrice Born entgegnet: «Was würde man sagen, wenn sie harte Personalentscheide scheuen würde? Mich dünkt, Frauen werden mit anderen Ellen gemessen als Männer.»

Amtsantritt für April geplant

Stichwort Frau – nach Ingrid Deltenre, die das Schweizer Fernsehen bis 2009 leitete, ist Wappler die erste Direktorin und aktuell die zweite Frau in der achtköpfigen Geschäftsleitung der SRG. Amtsinhaber Ruedi Matter bleibt noch bis März 2019 im Amt, dann soll Wappler übernehmen – sofern ihre heutige Arbeitgeberin MDR bis dahin eine Nachfolge für sie gefunden hat. Andernfalls müsste sie theoretisch bleiben, denn sie ist beim MDR für fünf Jahre gewählt worden und hat sich für diese Zeit verpflichtet. In der Praxis ist es unwahrscheinlich, dass die Rundfunkanstalt weiterhin auf eine Programmleiterin setzt, die zum Absprung bereit ist.

In der Schweiz wartet auf Wappler, die gerne Klavier spielt, eine medienpolitische Grossbaustelle. Zwar ist die No-Billag-Abstimmung für die SRG mit grossem Mehr gewonnen, doch Wappler sagt: «Das Stimmvolk hat uns gleichzeitig gesagt, dass wir uns verändern müssen. Wir müssen zeigen, wo wir einzigartig sind, und das herausstreichen.» Sie reicht den Verlegern die Hand, noch ehe sie ihr Amt angetreten hat: Kooperationen mit den privaten Medienhäusern seien wichtig und ausbaufähig. Sie komme gerade aus einer Gegend, Sachsen-Anhalt, die politisch noch viel stärker polarisiert ist als die Schweiz, weshalb ihr der gesellschaftliche Zusammenhalt am Herzen liege: Meinungsvielfalt, aufeinander hören, sich austauschen.

Nathalie Wappler redet leise, zuhinterst im Raum hört man sie fast nicht. Die Männer neben ihr sind lauter. Dafür ist sie ehrlich, spricht von «Aufregung», trotz langer Vorbereitung. Das ist auch der Grund, warum sie zunächst Hochdeutsch redet, obwohl man sich auf Schweizerdeutsch geeinigt hatte. Und natürlich ist sie es sich gewohnt. Sie spricht es fast akzentfrei.

Erstellt: 05.11.2018, 23:38 Uhr

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