Bruder Grimm

Warum sich Christoph Blocher plötzlich für einen Sozialisten interessiert.

Robert Grimm (links) am 1. Mai 1944 im Zürcher Münsterhof. Rechts Christoph Blocher: Für ihn ist das heutige Grimm-Bild viel zu positiv. Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Dominique Meienberg

Robert Grimm (links) am 1. Mai 1944 im Zürcher Münsterhof. Rechts Christoph Blocher: Für ihn ist das heutige Grimm-Bild viel zu positiv. Foto: Keystone/Photopress-Archiv/Dominique Meienberg

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Robert Grimm ist eine linke Lichtgestalt. 1881 hineingeboren in eine Arbeiterfamilie, dann Agitator in der Berner Presse und Gastgeber Lenins, 1918 hinaufgestiegen an die Spitze des Landesstreiks, ruhiger geworden, Verwalter bürokratischer Geschäfte, Förderer linker Regierungsarbeit, 44 Jahre lang Nationalrat der SP. Der Marxismus, schrieb Grimm 1955 in einem seiner letzten Texte, habe «das Geheimnis der kapitalistischen Produktion entschleiert», das sei sein «historisches Verdienst».

Männedorf, im Büro von Christoph Blocher. In der Ecke steht eine grosse, goldig glänzende Uhr, Bergkristalle sind auf der Kommode aufgereiht, an der Wand hängt ein Hodler, und am Ende des langen Tischs sitzt Blocher. Könnte er nochmals studieren, sagt er, dann wärs Geschichte. Er sagt das beiläufig, ohne hörbares Bedauern. Er hatte anderes zu tun gehabt bisher, in calvinistischer Unbekümmertheit hat er in 77 Jahren Geld und Prestige und Macht gesammelt. Doch nun scheint sich Blocher je länger, je mehr in die Vergangenheit zu versenken. Die Vermutung, dass er sich dabei auch nach einem Plätzchen für die eigene Büste umschaut, ist sicher nicht ganz verkehrt.

Die Voodoopuppe

Anfang Januar hält Blocher jeweils seine Berchtoldstag-Reden. In Wetzikon gehts diesmal um eine «Würdigung grosser Zürcher Oberländer Persönlichkeiten». So verkündet es das Inserat, das nächste Woche in allen grossen Schweizer Zeitungen stehen wird. Blocher redet über den Dichter Jakob Stutz, den Unternehmer Adolf Guyer-Zeller und eben: Robert Grimm. Der SVP-Patron «würdigt» damit einen wichtigen, wenn nicht den Schweizer Sozialisten. Hans-Jürg Fehr, Historiker und früherer Präsident der SP, sagt über Grimm: Als Rhetoriker sei er «brillant», als Organisator «hervorragend», als Historiker «inspirierend» gewesen und mitverantwortlich für sehr vieles, den 8-Stunden-Tag etwa, die AHV oder auch die Anerkennung des Arbeiters in der Gesellschaft.

«Sie haben die Macht der Gewalt, wir haben die Macht der Idee.»

Robert Grimm im November 1918

Hat der Milliardär Blocher auf seine alten Tage hin gemerkt, dass mehr Sozialdemokratie vielleicht doch das Beste für uns alle wäre? Selbstverständlich nicht. «Man ahnt, in welche Richtung das im nächsten Jahr laufen soll», sagt Blocher. Schnauben, Arme-auf-Schulterhöhe-Heben, ein Blocher, der sich in Schwung redet: «Grimm soll beschönigt und verklärt werden als der Mann, der uns die 48-Stunden-Woche gebracht hat.» Blocher blickt voraus ins 2018, das ein linkes Jubiläumsjahr werden wird. Die Juso haben die Website Generalstreik-reloaded.ch erstellt, der Gewerkschaftsbund veranstaltete bereits eine erste Tagung, die grosse 100-Jahr-Feier von Gewerkschaften und SP wird am 10. November 2018 in Olten stattfinden.

Blocher will vorher Nadelstiche setzen, und als Voodoopuppe hat er sich Robert Grimm ausgesucht. Der SVP-Patron sucht eine neue Debatte um Grimm, dessen öffentliche Wahrnehmung heute zu positiv sei. «Grimm wollte eine Diktatur des Proletariats nach russischem Vorbild errichten», erklärt er. «Eine Diktatur! Wie kann man für eine Diktatur sein?» Ausserdem habe sich Grimm 1940 im Nationalrat für eine Anpassung an die Nazis ausgesprochen.

Und was sagt die Linke dazu? Gewerkschafter Paul Rechsteiner bezeichnet Blocher offen als «Geschichtsklitterer», aber es stehe natürlich jedermann frei, sich mit dem Streik zu beschäftigen. Hans-Jürg Fehr sagt, es sei erfreulich, wenn sich Politiker für Geschichte interessierten – jedoch: «Gefragt sind sachgerechte Debatten und Forschung, Blocher hingegen bietet uns Mythologisierungen und Personifizierungen.»

Ein Kenner spricht

Würde man Blochers Zugriff auf die Geschichte des Landesstreiks «unorthodox» nennen, so wäre das nett gesagt. Im Gespräch kommt er auf Meinrad Inglins «Schweizerspiegel» zu sprechen, einen Roman aus dem Jahr 1938. Dieser gebe eine anschauliche, exakte Schilderung des Landesstreiks, lobt er. Dann verweist er auf das angegraute Werk Edgar Bonjours, Doyen der Schweizer Nachkriegs-Geschichtsschreibung, und sagt schliesslich: «Die linken Historiker schreiben heute ohnehin so kompliziert, dass sie niemand versteht.»

Nachfrage bei Bernard Degen, Basler Historiker, Herausgeber des letzten Sammelbands zu Grimm und wohl kundigster Grimm-Kenner, von Blocher aber ignoriert. Diktatur des Proletariats? Degen: «Das Wort ‹Diktatur› wurde erst in den 30ern zu jenem problematischen Begriff, wie wir ihn heute kennen. Zur Zeit des Landesstreiks hatte er noch die weit mildere Bedeutung des 19. Jahrhunderts.» Edgar Bonjour als Referenz? «Edgar Bonjour hat nicht zum Landesstreik geforscht. Er hat lediglich die Meinung des bürgerlichen Milieus als vermeintliche Tatsachen weiterverbreitet. Er war nie eine Referenz in der Landesstreik-Forschung.» Grimms verräterische Rede im Nationalrat 1940? «Der gesamte Abschnitt lautete wie folgt: ‹Die Voraussetzungen der bisherigen traditionellen Neutralitätspolitik sind durch die europäischen Ereignisse zerstört. Eine Neuorientierung der Innen- und Aussenpolitik der Schweiz drängt sich gebieterisch auf. In dieser Zeit des Umbruchs bleibt für das Schweizervolk ein Ziel und eine Aufgabe unverrückbar: der Versuch zur Behauptung der Unabhängigkeit und Selbstständigkeit des Landes und des Denkens seines Volkes.›»

Ja, es könnte unangenehm werden für den Hobbyhistoriker Blocher, denn der Landesstreik ist ein modernes, relativ gut dokumentiertes Ereignis. Weniger bequem jedenfalls als Blochers Beschäftigung mit Niklaus von Flüe, der mystisch umwölkt in schriftenarmer Zeit lebte.

«Grimm hatte wie alle Marxisten ein total falsches Menschenbild.»

Christoph Blocher

Aber eigentlich braucht Blocher gar keine neuen Geschichtsbücher, um Grimm zu attackieren. Die Abneigung geht tiefer, es geht um Grundsätzliches, um Weltanschauung. Bevor sein Oltner Komitee den Streik abbrach, sagte Grimm im Nationalrat: «Sie haben die Macht der Bajonette, die Macht der brutalen Gewalt. Wir haben die Macht der Idee und den Glauben an die Sieghaftigkeit dieser Idee.» Grimm glaubte an die Ablösung des Bürgertums durchs Proletariat, an die unaufhaltbare Abwicklung des Kapitalismus durch den gesetzmässigen Verlauf der Geschichte. Grimm war Idealist. Christoph Blocher dagegen ist Anti-Idealist, seine Politik ist eine einzige Abwehrschlacht gegen linke Utopien und ideale Forderungen, ein andauerndes Träume-Zerplatzen und unerbittliches Wunsch-Abschlagen. Er glaubt, dass der Mensch die Wirklichkeit des Lebens – die Selbstsucht des Einzelnen, die Härten des Wirtschaftens, die Gebrechen auf Erden – letztlich nicht überwinden kann. Dass Ideale vor allem gefährlich sind. «Der Idealismus verkennt den Menschen mit seinen Stärken und Schwächen. Er will ihn besser machen, als er ist», schrieb Blocher vor der EWR-Abstimmung 1992. «Wie alle Marxisten hatte Grimm ein total falsches Menschenbild», sagt Blocher Ende 2017.

Ähnlichkeiten

Blochers Betrachtungen haben eine historische, eine ideologische, aber auch eine psychologische Ebene. Das erklärt die leise Bewunderung, die mitschwingt, wenn Blocher über Grimm spricht. Bewunderung nicht für den Denker, sondern für den Tatmenschen Grimm, der das gewaltige Unternehmen eines Landesstreiks begonnen hatte. Blocher, noch immer SVP-Strategiechef, ist beeindruckt von Grimms Organisationskünsten. «Er plante den Landesstreik exakt voraus, in vier Phasen. Zum Glück für uns konnte er nicht alle Phasen realisieren.» Blocher spricht vom günstigen «Terrain», das Grimm vorgefunden habe, und meint damit die Bevölkerung, die durch Hunger, Krankheit und Kriegsangst malträtiert wurde. Grimms Fähigkeit, menschliche Emotionen und Nöte als politisches Kapital zu bewirtschaften, gehört auch zu Blochers Stärken.

Und es gibt weitere Ähnlichkeiten. Zeitgenossen zufolge hatte Robert Grimm zwei prägende Charaktereigenschaften – Merkmale, die auch Blocher zugeschrieben werden. Erstens eine aussergewöhnliche Schaffenskraft, zweitens ein raues, manchmal autoritäres Auftreten. Blocher sagt: «Ich bin nie so autoritär aufgetreten wie Grimm, der auch mal einfach selbstherrlich Dinge entschied. Die Beschlüsse, die ich in unserer Partei verantworte, waren alle demokratisch sauber abgestützt.» Grimm war ebenfalls ein Tribun, dessen Reden viele mitrissen und von allen verstanden wurden. Aber auch diese vorteilhafte Analogie behagt Blocher nicht, er korrigiert: «Sicher, im Umgang mit den einfachen Leuten ähneln Grimm und ich uns. Aber ich habe das richtige Ziel, und er hatte das falsche.»

Womit Blocher gerade die grösste Gemeinsamkeit zwischen ihm und jedem echten Marxisten ausgesprochen hat: die feste Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Erstellt: 14.12.2017, 19:44 Uhr

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