Neugieriger Wanderer und gelassener Prediger

Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck besucht die Schweiz.

Moralische Autorität: Joachim Gauck bei einem Termin in Rostock. (Archivfoto)

Moralische Autorität: Joachim Gauck bei einem Termin in Rostock. (Archivfoto) Bild: Keystone

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In einer Politik, die von Pragmatikern und Technokraten dominiert wird, sind Momente der Ergriffenheit selten geworden. Der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck (74) ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme: Seinen Reden kann man sich emotional nicht einfach entziehen. Spricht er zu den Menschen, so ist es diese mit sanfter Autorität unterlegte Mischung aus Lebensklugheit und hohen Moralansprüchen, welche die Zuhörer packt. In seinem früheren Leben, bevor er 1990 Chef der später nach ihm benannten Stasi-Unterlagen-Behörde wurde, hatte er als evangelisch-lutherischer Pastor im DDR-Unrechtsregime lange an der Macht des Wortes gefeilt und sie perfektioniert. In der Wendezeit, nach dem Fall der Mauer, kam ihm seine rhetorische Begabung und Erfahrung zugute. Als Abgeordneter der letzten Volkskammer der DDR war er massgeblich an der friedlichen Revolution beteiligt, die eigentlich die Abwicklung jenes Staatsgebildes war, das er nach eigenen Worten tief hasste.

Am pastoralen, manchmal etwas gar stark mit grossen Begriffen wie Schuld oder Sühne beladenen Duktus hat der gebürtige Rostocker, dessen Vater früh der NSDAP beigetreten und lange nach dem Krieg von den sowjetischen Machthabern in ein sibirisches Arbeitslager gesteckt worden war, nichts geändert. Auch nicht, seit er im März 2012 zum deutschen Staatsoberhaupt gewählt wurde.

Spät, aber nicht zu spät

Eigentlich hätte der Parteilose schon ein paar Jahre zuvor Bundespräsident werden sollen. Doch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) widersetzte sich diesem Ansinnen hartnäckig. Sie zog es vor, an seiner Stelle zuerst einen blassen Banker (Horst Köhler), danach einen noch blässeren Polit-Karrieristen (Christian Wulff) ins Berliner Schloss Bellevue zu bugsieren – mit der bekannten Folge, dass dieses mit sehr viel symbolischer Macht ausgestattete Amt über Jahre so gut wie unausgefüllt blieb.

Bis eben Gauck es doch noch schaffte. Warum die Kanzlerin sich zunächst gegen ihn gewehrt hatte, kann man nur vermuten. Vielleicht war der Pastorentochter aus Templin Gaucks Herkunft im ostdeutsch-protestantischen Milieu einfach zu nahe an ihrer eigenen Biografie. Vielleicht mochte sie, die nüchterne Naturwissenschaftlerin, seinen oft pathosgeschwängerten Stil und die ihm nachgesagte Beratungsresistenz nicht. Mittlerweile pflegen Präsident und Kanzlerin nach aussen hin zumindest ein reibungsfreies Verhältnis.

Der «Elder Statesman»

Merkel kann Gaucks Rollenverständnis eigentlich nur gelegen kommen: Er hält ihr in vielerlei Hinsicht den Rücken frei und kann als «Elder Statesman» in Amt und Würden politisch vorspuren. So mahnte er vergangene Woche beim Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in Berlin die Menschenrechtsfrage in einer Eindringlichkeit an, wie es sich ein Exekutivpolitiker kaum getrauen würde; so hielt er an der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz eine viel beachtete Rede, in der er eine aktivere deutsche Rolle in der Welt forderte, eine sichtbarere Aussenpolitik. Spätestens seit diesen präsidialen Worten setzen der amtierende Aussenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und die amtierende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) diese Forderung Stück für Stück in die Tat um. Es gehe ihm selbstverständlich nicht darum, für Deutschland eine dominante Rolle zu fordern, sagte Gauck jüngst im Schloss Bellevue vor der Auslandspresse: «sondern ein Deutschland, das sich herauslöst aus der historisch verständlichen Zurückhaltung».

Schuld und Freiheit

Die deutsche Geschichte: Sie ist es, mit der sich Joachim Gauck immer wieder beschäftigt. Es ist ihm jeweils ein vordringliches Anliegen, bei seinen Staatsbesuchen an jene Orte zu gehen, wo die Deutschen auf ihren Eroberungs- und Vernichtungsfeldzügen im 20. Jahrhundert besonders grosse Verbrechen begangen haben. Als erstes deutsches Staatsoberhaupt besuchte Gauck zusammen mit dem französischen Präsidenten François Hollande im vergangenen September beispielsweise das Dorf Oradour-sur-Glane. Dort hatten Angehörige einer SS-Einheit 1944 an den Einwohnern ein Massaker verübt. «Wir werden Oradour und die anderen europäischen Orte des Grauens und der Barbarei nicht vergessen», sagte Gauck bei dieser Gelegenheit. Für die Erinnerungspolitik des wiedervereinigten, ökonomisch wiedererstarkten und dominanten Deutschland ist der Bundespräsident, anders als seine beiden intellektuell leichtgewichtigen Vorgänger, ein Glücksfall: Seine aus der eigenen Biografie abgeleiteten Leitmotive sind die Freiheit des Menschen, der Frieden und der Umgang mit Schuld.

«Zutiefst heimatlos»

Diese Themen verbreitet er auf seinen Reisen und in seinen Reden, als «neugieriger Wanderer mit Wissensdurst». Er wisse aus eigener Erfahrung, was Krieg sei und wie die Arroganz der Macht sich auswirke, sagte er jüngst. Dabei lässt er, der sich in der DDR «zutiefst heimatlos» gefühlt hat, aber die Geschichte nicht einfach Vergangenheit sein. Der aktuelle Zustand Europas, dieses «Raumes eines gleichen Rechts- und Demokratieverständnisses», macht ihm zu schaffen: «Es knirscht im Gebälk», sagt Gauck. Gerade im Gedenkjahr 2014 – hundert Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs – ist Gaucks Stimme gegen den Nationalismus und Chauvinismus wichtig.

Mitunter kann der Bundespräsident dabei gar störrisch werden: Seinen Boykott der Olympischen Spiele in Sotschi haben ihm viele Sportler, Politiker und politische Kommentatoren übel genommen, er hat daran festgehalten. Mittlerweile, nach Ausbruch der Krim-Krise, sind die Kritiker von damals verstummt. Gauck betont immer wieder, dass bei den jüngeren Generationen in Europa das «Friedensnarrativ» keine wichtige Rolle mehr spiele. Oder anders gesagt: Die jungen Menschen von heute nehmen den Frieden auf dem Kontinent für selbstverständlich. Gauck sieht es als seine Aufgabe an, mit Rückblenden auf die Kriege der Vergangenheit darauf aufmerksam zu machen, dass der Frieden eben keine Selbstverständlichkeit ist. In Integrationsfragen plädiert Gauck für Gelassenheit: Eine offene Zivilgesellschaft zeichne ein gelassenes Wissen um ihre Werte aus und die Offenheit, die eigenen Werte mit den Werten anderer zu vergleichen – «und das alles auf der Basis unserer wunderbaren Verfassung».

Die Schweiz als Europa

Ab morgen Dienstag nun weilt Joachim Gauck zu einem zweitägigen Staatsbesuch in der Schweiz. In jenem Land, das er dafür bewundert, weil es in seiner Vielfalt Europa gewesen sei, noch bevor das übrige Europa sich als solches gefühlt habe; weil sich das Konzept des Bürgers, des Citoyens, gerade in den Schweizer Städten früh herausgebildet habe. Und wegen der frühen Demokratieerfahrung des Landes.

Es wäre aus seiner eigenen Biografie und der Geschichte heraus nur konsequent und stimmig, wenn der europäisch und über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus denkende Citoyen Gauck bei seinem Besuch in der Eidgenossenschaft seiner Sorge über neuerliche Abschottungstendenzen Ausdruck verleihen würde.

Erstellt: 31.03.2014, 21:16 Uhr

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