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«Nicht allein die Leistungsfähigkeit der Jets zählt»

Die Testflüge der drei Kampfflieger Gripen, Rafale und Eurofighter sind abgeschlossen. Welche Jets wird die Schweizer Luftwaffe kaufen? Oder zieht sie gar Occasionen vor? Ein Aviatik-Experte über die schwierige Suche nach einem Tiger-Nachfolger.

Klare Prioritäten in der Schweizer Luftwaffe: Während des Ersten Weltkriegs hatte die Fliegertruppe 100 Soldaten, die Ballontruppe 600 Mann.
Klare Prioritäten in der Schweizer Luftwaffe: Während des Ersten Weltkriegs hatte die Fliegertruppe 100 Soldaten, die Ballontruppe 600 Mann.
Keystone
Aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge der Tiger-Jets: der Eurofighter Typhoon, ein europäisches Gemeinschaftsprojekt.
Aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge der Tiger-Jets: der Eurofighter Typhoon, ein europäisches Gemeinschaftsprojekt.
Keystone
Sie kam als einzige im Ernstkämpfen zum Einsatz: Die Messerschmitt ME 109, der Jäger der Schweizer Luftwaffe während des Zweiten Weltkriegs.
Sie kam als einzige im Ernstkämpfen zum Einsatz: Die Messerschmitt ME 109, der Jäger der Schweizer Luftwaffe während des Zweiten Weltkriegs.
Keystone
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Herr Ungricht, die Luftwaffe hat ihre Prüfung der drei Kampfjets Gripen, Rafale und Eurofighter gestern abgeschlossen. Welches Modell hat die besten Karten? Das ist auch für Spezialisten sehr schwierig zu sagen. Zur Auswahl stehen drei sehr gute Modelle, jedes hat viele Vorteile und einige wenige Nachteile. Jedoch ist nicht allein die Leistungsfähigkeit der einzelnen Jets für die Schweizer Luftwaffe relevant. Andere Aspekte sind mindestens ebenso wichtig.

Welche? Der Entscheid, wer die Nachfolge der Tiger antreten wird, ist hoch politisch. Von zentraler Bedeutung ist, welche Kompensationszahlungen die Herstellerländer bieten können. In der Ausschreibung ist von mindestens 100 Prozent Kompensation die Rede. Die Firmen müssen sich deshalb anstrengen, möglichst attraktive Angebote zu unterbreiten.

Können alle Hersteller 22 Jets zum Preis von 2,2 Milliarden Franken liefern? Nein. Für zwei Anbieter - Dassault und EADS - wird dies wohl nicht möglich sein. Dies weil ihre Modelle Rafale und Eurofighter grösser sind (zwei Triebwerke) als der schwedische Gripen.

Ist deshalb zu erwarten, dass der schwedische Gripen das Rennen machen wird? Nein, so einfach ist es nicht. Die beiden Hersteller weisen nicht ganz zu Unrecht darauf hin, dass ihre Jets viel leistungsfähiger seien. Deshalb brauche es nicht zwei volle Staffeln – also 22 Kampfjets ihres Typs.

Welcher der Jets bietet die geringste Lärmbelastung? Der Gripen mit einem Triebwerk ist der Leiseste, das ist einfache Physik. Der Rafale und der Eurofighter besitzen aber leichte Vorteile: Denn sie sind mit zwei Triebwerken ausgestattet und können auch bei schwerster Zuladung ohne Nachbrenner auf kurzen Plätzen starten. Allerdings herrscht bei der Schweizer Luftwaffe die Doktrin, dass jeder Trainingsflug auch ein simulierter Einsatzflug ist. Die Jets fliegen deshalb immer mit Nachbrenner. Die Lärmbelastung wird in der Ausschreibung jedoch nur mit einer Relevanz von wenigen Prozent gewichtet. Sie ist also nicht mehr als eines von vielen Kriterien.

Kauft die Schweiz den Rafale, könnten die Piloten ihre Trainingsflüge tagsüber in Frankreich bestreiten, um am Abend wieder nach Hause zurückzukehren. Ein entscheidender Vorteil? Ja, das ist ein phantastisches Angebot. Denn was in der Schweiz grosse Probleme bereitet – Überschall- und Tiefflüge sowie Schiessübungen – könnte man nach Frankreich auslagern. Allerdings stellen auch die beiden anderen Hersteller Luftraum zum Trainieren zur Verfügung, wenn auch nicht in unmittelbarer Nähe.

Die Luftwaffe prüft auch, ob sie die Tiger-Flotte mit dem Kauf von Occasionsfliegern des Typs F/A-18 ersetzen soll. Wie beurteilen Sie diese Variante? Positiv ist, dass die Schweizer Luftwaffe damit nur über einen Flugzeugtyp verfügen würde. Das würde die Wartung und die Schulung der Piloten vereinfachen. Negativ wirkt sich allerdings aus, dass die eingekauften Flieger gleich alt wären wie die bestehenden F/A-18. Bereits in zehn bis 15 Jahren gäbe es Ersatzbedarf; man müsste dann die ganze Flotte erneuern.

Sie raten also vom Kauf von gebrauchten Flugzeugen ab? Ja, die negativen Aspekte überwiegen. Zwar sind die F/A 18-Hornets sehr leistungsfähig, sie sind aber keine Flugzeuge der neusten Generation. Wartung und Betrieb der Jets sind deshalb viel aufwändiger und teurer. Auch wenn der Einkauf billiger ist, fiele die Gesamtrechnung nicht günstiger aus. Ein weiteres Problem: Vom Typ F/A-18 gibt es kaum Occasionsflieger auf dem Markt. Keine Airforce auf der Welt gibt ihre gebrauchten Jets ab. Und diese Flugzeuge werden nicht mehr hergestellt.

In der Presse wurde der Gripen als Favorit gehandelt, weil Saab gute Beziehungen in die Schweiz unterhalte. Wie wichtig sind diese Verbindungen? Saab hat in der Tat Kontakte zu verschiedenen Schweizer Firmen. Nur: Auch EADS und Dassault arbeiten mit hiesigen Firmen zusammen. Bestehende Kooperationen gibt es also mit allen drei Anbietern. Ich glaube deshalb nicht, dass dies stark ins Gewicht fällt. Wichtig ist, dass der gesamte Betrag wieder an die Schweizer Industrie zurückfliesst, in Form von Kooperationen (Teilmontage in der Schweiz, Teilefertigung) oder in so genannten Offset-Aufträgen, die nicht direkt mit den Kampflugzeugen zu tun haben.

Die GSoA sammelt derzeit Unterschriften gegen den Kauf neuer Kampfflugzeuge. Wie sehr verzögert sich dadurch das Geschäft? Das Rüstungsprogramm wird wohl nicht in die Räte kommen, bevor das Volk über die Initiative gegen Kampfflugzeuge abgestimmt hat. Das heisst, dass die Schweizer Luftwaffe wohl einem der drei Anbieter den Zuschlag geben kann, unterschreiben darf sie aber nicht. Ich vermute, dass frühestens 2011 ein definitiver Entscheid gefällt wird, da sich die GSoA mit der Unterschriftensammlung Zeit lassen wird.

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