Nicht nur das Verfallsdatum von Krebsmedikamenten gefälscht

Die Walliser Firma, die ­Ablaufdaten von Kinderkrebsmitteln fälschte, hatte auch keine Bewilligung, dieses Mittel in der Schweiz zu verkaufen.

Gefälschte Ablaufdaten: Das betroffene Krebsmedikament Thiotepa. Foto: PD

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Das Inselspital in Bern, die Unispitäler in Basel und Genf und auch die Zürcher Kantonsapotheke kauften bis 2011 Krebsmedikamente für Kinder mit gefälschten Ablaufdaten. Wie die «SonntagsZeitung» gestern berichtete, hatten die veralteten Dosen nicht mehr die erwartete Wirkung. Allein im Inselspital wurden 23 Patienten behandelt, davon 15 Kinder.

Verantwortlich ist die Walliser Firma Alkopharma, welche die Ablaufdaten der Medikamente fälschte, um sie länger verkaufen zu können. Die Verantwortlichen wurden inzwischen zu Bussen verurteilt. Doch jetzt sagt Swissmedic, dass Alkopharma dieses Krebsmedikament namens Thiotepa nur in Frankreich verkaufen durfte. Für die Schweiz hatte die Firma gar keine Verkaufslizenz. «Ein Medikament mit einer Arzneimittelzulassung in Frankreich darf in der Schweiz nicht so verkauft werden», sagt Olivier Flechtner, Leitender Ermittler im Dossier Alkopharma. «Doch hier wurde genau das gemacht.»

Zunächst hat Alkopharma offenbar falsche Angaben gemacht, was ihre Zulassung anbelangt. Swissmedic fand eine E-Mail der Walliser Firma ans Inselspital Bern. Darin steht: «Ich bestätige ihnen, dass unser Labor die Zulassung für Thiotepa hat.» Eine glatte Lüge. Noch dazu eine, die wohl sehr selten vorkommt. Entsprechend kommt man damit bei den Schweizer Spitälern offenbar durch. Diese prüfen zwar, ob ein Zulieferer grundsätzlich eine Betriebsbewilligung hat in der Schweiz – und das konnten die Walliser vorweisen. Danach gibt es aber keine systematischen Prüfungen mehr, ob die Firma auch eine Zulassung besitzt, ein bestimmtes Medikament in der Schweiz zu verkaufen.

Überprüfung nur im Zweifelsfall

«Wir haben nicht die Praxis, das systematisch zu überprüfen», sagt Pascal Bonnabry, Apotheker des Genfer Universitätsspitals. «Wir kaufen Tausende verschiedene Medikamente für 70 Millionen Franken pro Jahr. Prüfungen führen wir nur durch, wenn wir einen Zweifel haben. Wir hatten in 17 Jahren damit noch nie ein Problem.»

Ähnliche Antworten kommen auch von anderen Spitälern. Das Unispital Basel sagt, es habe im September 2008 zweimal Thiotepa von Alkopharma gekauft. Es habe damals sichergestellt, dass Alkopharma über eine gültige Betriebsbewilligung von Swissmedic verfüge, was sie eben gehabt habe. Ob das Spital auch die Verkaufszulassung für das Medikament hätte prüfen müssen, ist unklar. Das Inselspital prüfte ebenfalls, ob Alkopharma eine Betriebsbewilligung hatte. Danach kauften es über 1400 Dosen Thiotepa. Laut Swissmedic waren die meisten abgelaufen.

Die Zulassung ist nicht die einzige Lücke im Schweizer Überwachungssystem. «Für mich ist das Schockierendste an dieser Affäre, dass sie für den Geschäftsführer der Pharmafirma kaum Konsequenzen hat», sagt Farshid Sadeghipour, Chefapotheker des Unispitals Lausanne. Der Grund liegt beim hiesigen Kontrollsystem. Es gibt in einer Pharmafirma jeweils nur eine verantwortliche Position, die allein zuständig ist für die Qualität der verkauften Medikamente. Diese sogenannte fachtechnisch verantwortliche Person ist aber nicht der Geschäftsführer. Wenn Swissmedic eine Firma kontrolliert, dann prüft sie nur diese Person.

Der Fall Alkopharma zeigt, dass dies nicht ausreicht. Die Walliser Firma hatte zwei Personen an dieser Stelle – ein Mitarbeiter war jung und unerfahren. Beide wurden für die Fälschungen gebüsst, der Patron erhielt aber nur eine Mindeststrafe für mangelnde Aufsicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.01.2018, 22:45 Uhr

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