Nichts gegen eine Debatte – aber bitte mit Fakten

Maurus Federspiel schreibt Bundesrätin Sommaruga, weil ihn die Zuwanderung stört. Hätte er doch mit dem Kopf statt dem Bauch geschrieben.

Sehnsucht nach einer behaglichen Schweiz: Menschen am Bahnhof Bern. Bild: Keystone

Sehnsucht nach einer behaglichen Schweiz: Menschen am Bahnhof Bern. Bild: Keystone

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Es ist ein ziemlich wilder Ritt, den uns Maurus Federspiel vorgeführt hat. Es ist ein Ritt durch unsere multikulturelle Realität, vermittelt in vielen Buchstaben, die sich auf ein kurzes Fazit verdichten lassen: Autor Federspiel hadert mit der Schweiz von heute, und schuld daran sind die vielen Ausländer.

Maurus Federspiel fühlt sich in seinem Quartier wie ein Fremder (weil die Zugewanderten Sprachen sprechen, die er nicht versteht), er bangt um unsere Sozialwerke (weil die Zugewanderten Sozialkosten verursachen), er fürchtet sich vor der Zersiedelung (weil die Zugewanderten ja irgendwo wohnen müssen) – und so geht es weiter, wobei der Autor die Zielscheibe seiner Wutrede beliebig wechselt, mal sind es Eritreer und Somalier, dann generell die Muslime, dann die ausländischen Manager von UBS und Glencore und schliesslich die albanischstämmigen Spieler der Fussballnationalmannschaft.

Das Problem des Texts ist nicht Federspiels Unbehagen. Dass es dieses gibt, wissen wir längst. Dass es namentlich im linksliberalen Biotop zu lange nicht ernst genommen wurde, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. Der Aufstieg der SVP ist die Frucht davon. Das Problem ist, dass sich Federspiel beim Schreiben von seinem Bauchgefühl und nicht von den Fakten leiten liess. Erstes Beispiel: Federspiel schreibt, es seien in den letzten 15 Jahren eine Million Menschen in die Schweiz eingewandert, «viele kommen aus dem arabischen Raum, aus Eritrea und Somalia, aus Nord- und Westafrika». Wer so formuliert, der insinuiert absichtsvoll, dass die genannten Regionen in der Herkunftsländer-Hitparade ganz oben stehen würden. Unter den Top-10-Heimatländern der aktuellen ausländischen Bevölkerung befindet sich aber keine einzige von Federspiels Destinationen. An der Spitze steht Italien, dahinter folgen Deutschland, Portugal und Frankreich – zusammen stellen sie die Hälfte aller hier lebenden Ausländer.

2017 war die Zuwanderung aus dem EU-Raum auf dem 10-Jahres-Tiefpunkt.

Zweites Beispiel: «Wie verträgt sich die starke Zuwanderung mit der Einrichtung des Sozialstaats?», fragt Federspiel rhetorisch. Eigentlich will er sagen: Zuwanderung und Sozialstaat vertragen sich nicht. In der Realität ist es so, dass die AHV-Beiträge aktuell zu 69 Prozent von Schweizern und zu 31 Prozent von Ausländern bezahlt werden. Die Gesamtsumme der ausbezahlten AHV- und IV-Renten geht derweil zu 82 Prozent an Schweizer und zu 18 Prozent an Ausländer. Das heisst in der Kurzform: Ausländerinnen und Ausländer helfen mit, den Schweizerinnen und Schweizern die Renten zu finanzieren.

Ob Federspiel die Fakten nicht kennt oder ob er sie beiseitelässt, weil sie ihn bei der polemischen Zuspitzung stören, wollen wir hier offenlassen. Bedauerlich ist ihre Absenz so oder so. Weil sich gerade in der (durchaus nötigen, richtigen und wichtigen) Zuwanderungsdebatte das genaue Hinsehen lohnt. So ist es beispielsweise hilfreich, wenn wir Schweizer um unsere eigene Geschichte wissen: Die Schweiz war über Jahrhunderte ein Auswanderungsland – Abertausende fanden hier kein Auskommen und suchten als Wirtschaftsflüchtlinge ihr Glück in der Welt.

Es ist auch hilfreich, wenn wir um die aktuelle Dimension des «Ausländerproblems» wissen: 2017 war die Zuwanderung aus dem EU-Raum auf dem 10-Jahres-Tiefpunkt. Die Zahl der Asylgesuche ist ebenfalls so niedrig wie seit Jahren nicht mehr.

Das Thema verdient eine Debatte mit Kopf und Herz

Entsprechend wenig gibt das Zuwanderungsthema derzeit öffentlich zu reden. Maurus Federspiel formuliert seine Sorgen also sozusagen zur Unzeit. Das muss nicht schlecht sein: Gerade weil im sensiblen Thema relative Windstille herrscht, ist der Moment für eine Debatte gut – es lässt sich entspannter und unbelasteter diskutieren ohne dramatische Aktualität im Hintergrund. Bloss müsste man sich dann umso mehr vornehmen, eine Debatte zu führen, die nicht vom Bauch gesteuert wird. Das Thema verdient eine Debatte mit Kopf und Herz.

Autor Federspiel hat seine Sehnsucht nach einer behaglicheren Schweiz in einen offenen Brief gegossen, den er an Bundesrätin und Migrationsministerin Simonetta Sommaruga richtet. Es liege «in der Hand von grossen politischen Figuren», eine «schöpferische Wende» einzuleiten, schreibt er. Eine bemerkenswerte Begründung – gerade für einen wie Federspiel, der bezweifelt, ob Zuwanderer willens und fähig seien, sich richtig auf das Wesen der Schweiz einzulassen. Das Wesen der Schweiz: Das sind ihre Institutionen. Das ist die Demokratie, also das Vertrauen in die gestaltende Kraft des Volkes. Und nicht der Knicks vor «grossen politischen Figuren».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 08:31 Uhr

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