Nie wieder sollte jemand ihre Akte lesen

Die Bernerin Mili Kusano hat Anspruch auf finanzielle Wiedergutmachung für Verdingkinder. Ein Jahr lang hat sie mit sich gerungen.

Schritt Richtung Offenheit: Mili Kusano am Gründonnerstag in Bern. Foto: Beat Mathys

Schritt Richtung Offenheit: Mili Kusano am Gründonnerstag in Bern. Foto: Beat Mathys

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Die Geschichte von Mili Kusano zeigt, was lange Zeit Realität war: Wenn Leute Hilfe brauchten, wenn es ihnen schlecht ging, wurden sie von den Behörden zusätzlich schikaniert. Wer es erlebt hat, ist heute in der Regel gestorben, krank oder schwer traumatisiert. Einige haben den Weg ins Leben trotz allem gefunden. So auch Mili Kusano.

Die 62-Jährige steht unter der grossen Anzeigetafel im Berner Hauptbahnhof. Klein, schlank, graue Haare, leuchtende blaue Augen. Sie fällt nicht auf zwischen all den Passanten. Wie viele haben wohl eine Geschichte wie sie? Eine, bei der man fassungslos zuhört, nicht glauben kann, was sich bei uns abgespielt hat vor noch nicht einmal zwei Generationen. Wir suchen einen ruhigen Ort zum Reden. Das Café ist dann doch eher laut. Es spielt keine Rolle. Den idealen Ort für dieses Gespräch gibt es nicht.

Bis Samstag konnten sich Betroffene beim Bund melden. Wer als Kind unter Zwangsmassnahmen und Fremdplat­zierungen gelitten hat, bekommt 25'000 Franken. Gemeldet haben sich rund 8000 Personen – deutlich weniger als erwartet. Mili Kusano hätte fast zu jenen gehört, die stumm geblieben sind. In letzter Sekunde hat sie das Gesuch zur Post gebracht.

Objekt im Hörsaal

Warum so spät? Ist der Solidaritätsbeitrag nicht die ersehnte Gerechtigkeit? Für Mili Kusano ist es zunächst einmal ein schwieriger Schritt in Richtung Offenheit. Selten hat sie über ihre Geschichte gesprochen, sicher nicht mit Fremden. Nun soll sie alles erzählen und Dokumente einreichen, «die geeignet sind, ihre Opfereigenschaften aufzuzeigen», wie es im Gesuchsformular heisst. Gerade diese Dokumente sind aber für sie etwas vom Schlimmsten. Sie bestätigen das Selbstwertgefühl, das ihre Jugend prägte: dumm, unfähig, faul, liederlich, psychisch krank. Ein hoffnungsloser Fall. Mili Kusano traf es – ebenso wie viele andere Betroffene – hart, als sie Anfang der Neunzigerjahre ihre Akte erstmals gelesen hat.

Dabei waren es doch ihre Eltern, die versagt hatten. Sie waren mit der Erziehung zweier Kinder überfordert. Vater und Mutter, aus Russland und Holland stammend, waren traumatisiert von Krieg und Verfolgung. Sie trennten sich, als die Kinder zur Primarschule gingen, und stritten, wer besser zu den Kindern schauen könne. Beide konnten es nicht. Die alkoholsüchtige Mutter ging ihrem Beruf als Primarlehrerin nur phasenweise nach; der Vater war unberechenbar und gewalttätig. Für Mili begannen Jahre der Odyssee zwischen Mutter, Vater, Pflegefamilie und Psychiatrie. Oft verbrachte das Mädchen die Nächte im Bahnhof oder im Wald, wo es trotz Hunger und Kälte erträglicher war als im gemeinsamen Schlafzimmer bei der Mutter. Dort erlebte sie Szenen, die nicht für eine 10-Jährige bestimmt sind. Oft wurde das Mädchen von der Polizei aufgegriffen und ins Gefängnis gesteckt, bis die Behörden entschieden hatten, wo sie fortan wohnen sollte.

Ohne Anklage, ohne Urteil

Mit 14 verbrachte Mili Kusano einige Wochen in der psychiatrischen Klinik Waldau, als einziges Kind in einem Saal voll schwer kranker, meist greiser Patienten. Allerlei Tests wurden mit ihr gemacht. Einmal musste sie sich im Klinikhemd in die Mitte eines Hörsaals setzen; der Professor hielt eine Vorlesung über sie. Immerhin: Im Abschlussbericht wurden ihr eine überdurchschnittliche Intelligenz und eine gute Zukunftsprognose attestiert, wie sie bei der späteren Akteneinsicht ebenfalls las.

Nach dem Klinikaufenthalt schlug sich Mili Kusano als Hilfs-Dachdeckerin durch und wohnte unangemeldet in einem Abbruchhaus in Bern. Die Angst, wieder aufgegriffen und eingesperrt zu werden, war gross. Als knapp 16-Jährige folgte sie deshalb einem Bekannten nach Ost-Berlin. In der DDR, so die Hoffnung, wäre sie vor dem Zugriff der Schweizer Behörden geschützt. Doch das Abenteuer misslang, der Bekannte stellte sich als Krimineller heraus. Die Flucht zurück in die Schweiz war abenteuerlich bis lebensgefährlich. Zu Hause angekommen, wurde sie von bewaffneten Polizisten empfangen. Mili Kusano kam wieder ins Gefängnis. Ohne Anklage, ohne Urteil. Ohne, dass man ihr sagte, was sie verbrochen hatte. Administrativ versorgt.

Schlussstrich unter das Elend

Nach der Entlassung wollte sie mit der Vergangenheit abschliessen. Kein Kontakt mehr zu den Eltern, kein Wort mehr über ihre Kindheit, schwor sie sich. Mit gefälschtem Lebenslauf bekam sie Stellen auf dem Bau und im Büro, machte eine Lehre als Hochbauzeichnerin. Gewann die Schweizer Meisterschaft im Barfuss-Wasserski, wurde Mutter zweier Töchter. Später, mit über 40, schrieb sie sich an der Universität Freiburg für ein Studium der Kulturphilosophie ein.

Sie hatte sich mit dem Leben arrangiert. Bis sie den Aktenberg von fast 200 Seiten gelesen hat. Da war alles wieder präsent: das Elend, die Ungerechtigkeit. Nie dürfe jemand diese Akte lesen, dachte sie. «Sie sollten vernichtet werden, all diese Gemeinheiten, die darin stehen.» Das war auch der Grund dafür, dass sie ein Jahr lang mit sich gerungen hat, nachdem die Anmeldefrist zu laufen begann. Es kostete sie Überwindung, Teile der Akten dem Bundesamt für Justiz zu schicken, um die «Opfereigenschaft» aufzuzeigen.

Den Kreis durchbrochen

Vieles ist heute gut. Anderes nagt noch immer. Zum Bruder hat sie keinen Kontakt mehr, der Vater ist gestorben. Die Mutter versteht den Schmerz der Tochter nicht. Gut ist, dass die Töchter und Enkel von Mili Kusano wohlauf sind. Die Töchter haben studiert, sind beruflich erfolgreich, eine von ihnen ist politisch aktiv. Das alles gelang, obwohl das Leben von Mili Kusano turbulent geblieben ist: Scheidung, erneute Heirat, Patchworkfamilie, Geldsorgen, vier Kinder und ein stattliches Erwerbspensum. Die Töchter sagen: «Mami, es war nicht immer einfach, aber wir haben immer gespürt, dass du uns gernhast.» Die Liebe, die sie selber nicht bekam, hat sie als Mutter dennoch geben können. Sie hat den Teufelskreis durchbrochen.

Abschied unter der grossen Anzeigetafel im Berner Hauptbahnhof. Mili Kusano sagt: «Aber gell, ich will nicht als Opfer dargestellt werden im Bericht. Ich bin kein Opfer.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 23:51 Uhr

Wiedergutmachung

Viele warteten bis zum Schluss

Am Wochenende lief die Frist ab, während der sich Betroffene der ehemaligen Versorgungsgesetze beim Bund melden konnten. Sie haben Anspruch auf einen Betrag von 25'000 Franken, wenn sie Massnahmen wie Fremdplatzierung, Zwangsabtreibung, Kindeswegnahme oder Gefängnisstrafe ohne Gerichtsurteil erlebt haben. Mehr als 8000 Personen haben sich beim Bundesamt für Justiz gemeldet, wie Vizedirektor Luzius Mader sagt. Viele von ihnen warteten bis zum Schluss mit dem Einreichen des Gesuchs. Die Zahl der Gesuche stieg in den letzten Tagen stark an.

Die Gründe für die Zurückhaltung beschreibt Mader so: Manche schämten sich für ihre Geschichte, andere fänden, dass man das Leid nicht wiedergutmachen könne. Wieder andere seien stolz darauf, das Geld nicht zu brauchen, oder sie wollten nichts mehr mit dem Staat zu tun haben. Jedenfalls habe die Kampagne gewirkt, die das Bundesamt mit der Guido-Fluri-Stiftung durchgeführt habe: Weil die Zahl der Gesuche anfänglich tief war, haben sie Flyer in Alterszentren, Arztpraxen, Spitex-Organisationen sowie bei der Pro Senectute abgegeben.

1000 Personen haben bis heute den Betrag erhalten. Im Dezember und Januar wurde die erste Tranche der Gelder überwiesen. Die rasche Umsetzung hat gemäss Luzius Mader für viele Betroffene die Glaubwürdigkeit der Aktion erhöht und andere ermutigt, sich ebenfalls zu melden. Offiziell hatte der Bund mit bis zu 15'000 Gesuchen gerechnet. Statistische Angaben über die noch lebenden Betroffenen gibt es nicht. (bl)

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