Noch ein Branchenfremder für die «Neue Zürcher Zeitung»

Felix Graf wird neuer Chef der NZZ-Mediengruppe. Das Unternehmen setzt nach dem glücklosen Veit Dengler auf einen Energiefachmann.

Felix Graf: Der 50-Jährige studierte Physik und Chemie an der ETH Zürich. Ab Juni 2018 leitet er die NZZ-Mediengruppe. Bild: Keystone/Alexandra Wey

Felix Graf: Der 50-Jährige studierte Physik und Chemie an der ETH Zürich. Ab Juni 2018 leitet er die NZZ-Mediengruppe. Bild: Keystone/Alexandra Wey

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Ein knappes halbes Jahr nahm sich die NZZ-Mediengruppe für die Suche Zeit. Gestern wurde Felix Graf als neuer CEO präsentiert. Der 50-jährige Zürcher ist derzeit Chef der Axpo-Tochter Centralschweizerische Kraftwerke (CKW) mit Sitz in Luzern. «Ich habe mich zum Jobwechsel entschieden, weil ich von der Wichtigkeit qualitativ hochstehender Publizistik überzeugt bin», sagte Felix Graf auf Anfrage. Er sehe eine einmalige Chance, «die NZZ-Mediengruppe in eine erfolgreiche Zukunft zu führen».

Auf den Personalentscheid hat man in der Branche mit Spannung gewartet, denn Grafs Vorgänger Veit Dengler (49) verliess das Unternehmen im Mai nach dreieinhalb Jahren Knall auf Fall. Ad interim sprang Finanzchef Jörg Schnyder ein. Die Ära Dengler verlief turbulent und führte nicht zu den erhofften neuen Erträgen. Stattdessen stiegen die Kosten, der Gewinn sank, neue Baustellen kamen hinzu. Geradezu desolat endete der Versuch, den österreichischen Markt mit einer eigenen Redaktion zu bedienen. Das Prestigeprojekt NZZ.at wurde nach nur zwei Jahren beendet.

Der designierte NZZ-CEO Felix Graf studierte Physik und Chemie an der ETH Zürich. Am gleichen Institut doktorierte er in Physik. Beruflich war Graf vier Jahre bei McKinsey als Berater in unterschiedlichen Branchen und Ländern tätig. 2002 wechselte er zur Swisscom, wo er in verschiedenen Führungsfunktionen tätig war. Unter anderem verantwortete er die Geschäftsbereiche Bluewin und Swisscom-TV, das er laut eigenen Angaben gemeinsam mit seinem Team von der Strategie bis zum Massenmarktprodukt entwickelte», wie die NZZ Mediengruppe schreibt. 2010 wechselte Graf in die Geschäftsleitung der CKW. Per Februar 2014 wurde er CEO des Stromkonzerns mit 1600 Mitarbeitern. Ehemalige und heutige Weggefährten beschreiben ihn als kompetent, sachbezogen, direkt und unkompliziert.

Manager ohne grosse Branchenerfahrung

Mit Felix Graf setzt die NZZ jedoch erneut auf einen Manager ohne grosse Branchenerfahrung. Graf war weder journalistisch noch für ein klassisches Medienunternehmen tätig. Analog zum Vorgänger Dengler, der ebenfalls als McKinsey-Berater begann und nur wenig Branchenerfahrung sammelte: bei einem Kurzaufenthalt beim Schnäppchenportal Groupon, und laut eigenen Angaben bei Reportereinsätzen in Jugendjahren für das «Time Magazin».

Auch NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod ist kein Medienspezialist. Der Neuenburger, seit 2013 im Amt, hat sich einen Namen gemacht als Chef des erfolgreichen Pharma- und Logistikkonzerns Galenica. In der NZZ-Gruppe spricht man bei Jornod deswegen vom «Apotheker». Zu ihm stellt sich nach «dem Österreicher» nun ein «Stromer», wie gestern ein Mitarbeiter kommentierte. Zur NZZ-Mediengruppe mit rund 1900 Angestellten gehören auch die Regionalmedien «Luzerner Zeitung», «St. Galler Tagblatt», Radio Pilatus, FM1 und die TV-Stationen Tele 1 und TV Ostschweiz.

«Nur kein Abenteuer mehr»

«Ich habe im Laufe meiner Karriere wiederholt gezeigt, dass ich mich schnell in neue Bereiche und Industrien einarbeiten kann», erklärte Graf. Er kenne das Stakeholderumfeld der NZZ und wisse, was es heisst, ein Unternehmen durch einen Transformationsprozess zu führen. Die Energiebranche befindet sich seit Jahren im Umbruch. Die Strompreise fielen kontinuierlich, der Atomausstieg und der Druck aus dem Ausland schütteln die Versorger durch. «Mit Wasserkraft verlieren wir in der Schweiz jährlich eine?Milliarde Franken», sagte Graf vor einem Jahr. Bei den CKW investierte er in neue Geschäftsfelder und baute das grösste kommerzielle Datencenter der Zentralschweiz. Gleichzeitig setzt Graf auf die Zusammenarbeit mit Firmenkunden, die Fotovoltaikanlagen betreiben. Dass die rückläufigen Gewinne aus dem Energiegeschäft kompensiert werden können, muss nun sein Nachfolger beweisen.

Felix Graf fängt im Juni 2018 an der Zürcher Falkenstrasse an. «Als Medienkonsument bin ich durchweg digital unterwegs», sagt er. Er informiere sich aus ganz unterschiedlichen Quellen, vom «Urner Wochenblatt» über die NZZ bis hin zu «Downbeat», einem amerikanischen Jazzmagazin.

Die Hoffnung seiner künftigen Mitarbeiter in den neuen CEO ist gross. «Nur kein zweites österreichisches Abenteuer mehr», tönte es gestern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2017, 20:10 Uhr

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