Die Grünliberalen brauchen Herz

Dass die Grünliberalen bei den Zürcher Wahlen siegten, während die BDP scheiterte, hat nicht nur mit dem Klima-Hype zu tun.

Erfolgreicher Generationenwechsel: Corina Gredig und Nicola Forster, das Führungsduo der Zürcher Grünliberalen. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Erfolgreicher Generationenwechsel: Corina Gredig und Nicola Forster, das Führungsduo der Zürcher Grünliberalen. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das Ende der neuen Mitte». So lautete vor vier Jahren die Schlagzeile nach den Zürcher Wahlen. BDP und GLP, die beiden jüngsten Sprosse der schweizerischen Parteienlandschaft, schienen im Wahljahr 2015, nach kurzem, kometenhaftem Aufstieg bereits wieder zu verglühen.

Vier Jahre später scheint die BDP nun tatsächlich zu verglühen, während die Grünliberalen mit einem Plus von 5,3 Prozentpunkten bei den Zürcher Wahlen mehr als nur ein Comeback erleben. Die Wahlen im grössten Kanton liefern keine sehr zuverlässigen Prognosen für den Wahlherbst. Von der immer übermächtiger werdenden Zürcher Medienmetropole gehen jedoch nicht selten politische Trends und Impulse mit nationaler Wirkung aus: Duttweiler gründete hier nicht nur die Migros, sondern auch den LdU. Der Zürcher Freisinn initierte hier einst die Wende zu «mehr Freiheit, weniger Staat», und Blochers «Zürcher» SVP wurde innerhalb weniger Jahre zur SVP schlechthin.

Auch die Grünliberalen sind eine Zürcher Erfindung, und sie sind gerade daran, sich zumindest ein klein wenig neu zu erfinden. Der GLP-Erfolg ist mehr als ein Klima-Hype, denn was vor allem auffällt, ist, dass die Partei immer vehementer den vierten Pol in der bis anhin dreipoligen Politlandschaft der Schweiz besetzt. Neben dem bestehenden linken (SP, GP), liberalen (FDP) und konservativen (SVP) Pol versuchen sich die Grünliberalen als eigener progressiver Pol zu positionieren.

Es ist ein Pol, den die anderen Parteien in den letzten Jahren fast vollständig haben verwaisen lassen. Linksfreisinnige im klassischen Sinn gibt es kaum noch. Die CVP hat den unter Leuthard aufgenommenen liberal-sozialen Weg längst verlassen und die SP positioniert sich ganz bewusst gewerkschaftlich und links. Es hat also viel Platz im Spektrum zwischen rotgrün, CVP und FDP.

Pragmatische Gelassenheit

Einzig die unglückliche BDP hat es in den letzten Jahren unter Martin Landolt mit einer klar progressiven Ausrichtung versucht. Landolt verkannte dabei, dass sich seine im ländlich-konservativen Raum verankerte Partei nicht einfach so quer durchs politische Spektrum umpositionieren lässt. Die DNA der Herkunftspartei kann nicht einfach neu programmiert werden.

Auch Martin Bäumles GLP war ein Spaltprodukt. Wie der andere Martin grenzte er seine Partei klar von der alten politischen Heimat, den Grünen, ab. Mit Ausnahme des Umweltthemas positionierte er sie klar gegen links. Sowohl bei der BDP wie bei der GLP war die Abgrenzung zur alten Heimat anfänglich durchaus nötig, um als Spaltprodukt eine eigene Identität zu gewinnen.

Anders als Landolt war sich Bäumle jedoch der Bedeutung der DNA der Herkunftspartei immer bewusst. Er liess einen Generationenwandel zu, und die anfänglichen Berührungsängste Richtung links sind einer pragmatischen Gelassenheit gewichen. Mit Kathrin Bertschy haben gesellschaftliche Themen und Gleichstellung einen zentralen Platz in der Partei gefunden, mit Tiana Angelina Moser eine progressive Europapolitik.

Liberale Politik mit Herz

Der eigentliche Knackpunkt für die Zukunft der Partei wird jedoch sein, ob sie auch in der Sozialpolitik ihren Weg findet. Die Zahl der Wählenden, die ausgesprochen ökologisch denkt und in allen anderen Fragen ausgesprochen bürgerlich, ist überschaubar. Insbesondere der Zürcher Ast der Partei hat in der Vergangenheit einen Teil seiner neuen und auch seiner potenziellen Wählenden mit sozialpolitischen Entscheiden, etwa bei der Sozialhilfe, immer mal wieder vor den Kopf gestossen.

Von den Grünliberalen eine linke Sozialpolitik zu erwarten, ist verfehlt. Aus ihrem politischen Verständnis kann und darf sie sich nicht an einer Giesskannen-Mittelstandspolitik beteiligen. Jenseits der Klimawelle als eigener vierter Pol in der politischen Landschaft etablieren wird sie sich nur, wenn es ihr gelingt, eine liberale Sozialpolitik zu machen, die nicht herzlos ist. Insbesondere im Umgang mit den am wenigsten Privilegierten in der Gesellschaft. Nicht nur die Hipness, sondern auch diese Entwicklung könnte durchaus Teil des aktuellen Generationenwechsels sein.

Erstellt: 25.03.2019, 18:37 Uhr

Artikel zum Thema

Sieger und Verlierer seit 2015 – was die Kantonswahlen wert sind

Infografik Zürich als wählerstärkster Kanton reisst nun die SVP in die Tiefe. Die grosse Übersicht mit gewichteten Resultaten für alle grossen Parteien. Mehr...

So hat der Kanton Zürich gewählt

Historisches und grosse Überraschungen: Alles zur Wahl im Überblick. Mehr...

Plötzlich hip

Die Grünliberalen sind plötzlich eine Partei des Zeitgeistes. Wie nachhaltig ist das? Und hält ihre Politik da mit? Kritiker zweifeln. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...