Nock gegen Nock

Das Bezirksgericht Zofingen verurteilt Freddy Nock wegen versuchter vorsätzlicher Tötung. Im Fall zeigen sich die Schwierigkeiten der Justiz mit Vieraugendelikten.

Hochseilartist Freddy Nock verlässt am Nachmittag das Gericht in Zofingen mit seiner Tochter. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Hochseilartist Freddy Nock verlässt am Nachmittag das Gericht in Zofingen mit seiner Tochter. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Freddy Nock griff zum Kissen. Er setzte sich auf den Oberkörper seiner Frau. Er drückte ihr das Kissen ins Gesicht. Mit beiden Händen und mit grosser Kraft. Und er liess erst wieder los, als sie sich nicht mehr bewegte.

Freddy Nock wollte seine Ehefrau in jener Nacht im Holiday Inn Hotel in Zürich töten. So sieht es das Bezirksgericht Zofingen. Es hat den Hochseilartisten am Mittwochabend der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig gesprochen. Nock muss eine teilbedingte Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren verbüssen.

Das Urteil markiert den jähen Tiefpunkt einer schon länger ins Schlingern geratenen Karriere. Und selbstverständlich elektrisiert der Konflikt die Öffentlichkeit, namentlich die Boulevardmedien. Die personelle Konstellation – da der mannigfache Hochseil-Weltrekordhalter aus der Zirkusdynastie Nock, dort die schöne Ehefrau – macht den Prozess einzigartig.

Sie beschuldigt ihn. Er beschuldigt sie. Beide streiten ab. Beweise gibt es nicht.

Die Sache aber, das zeigt sich am Mittwoch schnell, ist allzu gewöhnlich. Geradezu exemplarisch manifestieren sich im Gerichtssaal in Zofingen die Pro­bleme der Rechtspflege mit sogenannten Vieraugendelikten. Sie beschuldigt ihn. Er beschuldigt sie. Beide streiten ab. Be­weise gibt es nicht. Ein paralleler Kampf um die Obhut über das gemeinsame Kind erschwert die Wahrheitsfindung zusätzlich. Die Justiz tappt und richtet im Halbdunkel.

Die Kinder hörten Schreie

Im Fall des Holiday-Inn-Vorfalls entschied sich das fünfköpfige Richtergremium in Zofingen für die Version von Ximena Nock. Es war der einzige behandelte Gewaltakt, für den es Zeugen gab. Zwei Töchter be­fanden sich im benachbarten Hotelzimmer und hörten Schreie und Schläge.

Erst als sie sich unter dem Kissen tot gestellt habe, habe er von ihr abgelassen, sagte Ximena Nock im Gericht. Ihr Noch-Ehemann, der im gestrigen Prozess die Aussage weitgehend verweigerte, bestreitet die Er­eignisse. Streit habe es gegeben im Holiday Inn, ja. Er habe seine Ehefrau gegen eine Wand gedrückt. Mehr nicht. Weil Aus­sage gegen Aussage stehe, habe das Gericht die Glaubwürdigkeit der Aussagen bewerten müssen, erklärte die Gerichtspräsidentin. Jene von Frau Nock seien von der ersten Einvernahme an klar gewesen.

In der Mehrzahl der Vorfälle, die von der Staatsanwaltschaft vorgebracht wurden, sprach das Gericht Nock aber frei. Zwar anerkannte das Gericht, dass es weitere Fälle von Gewalt ge­geben habe. Doch sei entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft nicht erwiesen, dass Freddy Nock das Leben seiner Frau gefährdete, als er sie 2008 bei einem Streit würgte und über ein Treppengeländer hob.

Streit um Sorgerecht tobt bis heute

Exemplarisch ist nicht nur die Unsicherheit darüber, was zwischen den zwei Personen genau passiert ist, sondern auch die Vorgeschichte des Prozesses. Das Opfer hat das Strafverfahren gegen seinen Ehemann nicht von sich aus angestrengt. Es ging vielmehr aus dem Sorgerechtsstreit hervor, der entbrannte, als sich das Paar 2015 trennte. Im Rahmen einer Einvernahme schilderte Ximena Nock gegenüber der Polizei verschiedene Fälle von häuslicher Gewalt, die teils bis ins Jahr 2008 zurückreichten. Die Polizei nahm Ermittlungen auf. Worauf auch Freddy Nock seine Frau belastete. Doch versöhnte sich das Paar wenig später wieder und liess sämtliche Vorwürfe gegeneinander fallen. Alles vergeben und vergessen.

Die Fälle von schwerer Gewalt jedoch, die Offizialdelikte, verfolgte die Staatsanwaltschaft weiter. Im Juni 2017 trennte sich das Paar wieder, und der Streit um das Sorgerecht für den gemeinsamen Sohn ging erneut los. Er tobt bis heute.

Sie kehrte zu ihm zurück

Für Freddy Nocks Verteidiger Rudolf Studer ist klar, dass ein direkter Zusammenhang zwischen den Verfahren besteht:Ximena Nock belaste ihren Noch-Mann nur, um das Sorgerecht zu erhalten. Die Streitigkeiten in der Familie Nock seien heftig gewesen, es habe auch Gewalt gegeben, von beiden Seiten, aber das habe einfach zu dieser wilden Beziehung gehört. «Auf heftigen Streit folgte leidenschaftliche Versöhnung.» Dass Ximena Nock immer wieder zu ihrem Ehemann zurückkehrte und dass sie ihn wenige Monate nach dem Vorfall im Holiday Inn heiratete, beweise doch, dass die Schuld nicht einseitig verteilt und die Zustände weniger dramatisch gewesen seien als von der Staatsanwaltschaft dargestellt.

Wegen Fluchtgefahr wurde Freddy Nock am Mittwochabend noch im Gerichtssaal verhaftet. Er kann gegen das Urteil Berufung einlegen.

Erstellt: 12.12.2019, 11:14 Uhr

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