Wie die Kantone die Asylsuchenden unterbringen

12'000 Menschen haben in der ersten Jahreshälfte um Asyl ersucht. Nun kommen die Kantone auf aussergewöhnliche Lösungen.


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Der Andrang von Asylsuchenden zwingt in diesem Sommer manche Kantone zu ungewöhnlichen Massnahmen. Zum Beispiel den Kanton Zug: Dort bittet die zuständige Direktion des Innern die Landeskirchen, Klöster und Religions­gemeinschaften in einem Brief darum, zusätzliche Betten bereitzustellen. «Voraussichtlich ab September haben wir im Kanton Zug für ankommende Asyl­suchende keine Plätze mehr frei», sagt Jris Bischof, die Leiterin des kantonalen Sozialamts. Weil die Suche nach zusätzlichen Unterkünften so schwierig sei, habe man sie ausgeweitet. Verschiedene Institutionen hätten versprochen, die Anfrage zu prüfen. Bis es so weit ist, müssen die Betroffenen zusammenrücken: «Im Notfall schlafen fünf Personen in einem Dreibettzimmer», sagt Bischof.

Zu ausserordentlichen Mitteln greift auch das Tessin, wo sogar Hotelbetreiber eingebunden sind. Zurzeit übernachten südlich des Gotthards etwa 100 Asylsuchende und Flüchtlinge in Pensionen, wie das Sozialdepartement gegenüber dem TA bestätigt. Man arbeite mittlerweile gut mit den Hotel­geranten zusammen, diese hätten «ein Auge» auf ihre Gäste. Noch vor einigen Jahren bezahlte der Kanton zwischen 80 und 100 Franken pro Tag und Gast, unterdessen sind die Tarife gesunken. Insgesamt ist der Kanton Tessin vergleichsweise gut dran: Von rund 400 Plätzen in den Hotels, Zentren und einer Zivilschutzanlage sind etwa 100 unbesetzt.

Sommerhotel im Wallis

Auch der Kanton Wallis arbeitet mit der Gastronomie zusammen: Das kleine Hotel de l’Ours in der Gemeinde Vex im Val d’Hérens wird nur im Winter kommerziell genutzt und bietet deshalb bis Mitte November Platz für 50 Asyl­suchende. Der Kanton hat das Hotel schon 2011 und 2014 gemietet. Eng ist es in den kantonalen Durchgangszentren in St. Gallen: Statt wie höchstens vorgesehen 500 leben dort zurzeit über 560 Personen. «Wir haben zusätzliche Betten in die Zimmer gestellt oder Aufenthaltsräume zu Schlafzimmern umfunktioniert», sagt René Hungerbühler vom kantonalen Migrationsamt. Der Kanton benötige zurzeit dringend 200 zusätzliche Plätze, die Baugesuche für zwei weitere Zentren seien hängig. «Der Widerstand in Amden zeigt, wie schwierig es ist», sagt er.

Angespannt ist die Situation derzeit auch in den Kantonen Aargau, Bern, Genf, Jura, Luzern und Waadt, wie eine Umfrage des TA in allen 26 Kantonen der Schweiz ergab. Einzig der Kanton Zürich war nicht bereit, Auskunft zu geben.

Der Aargau braucht monatlich zwischen 200 und 250 zusätzliche Plätze, wie es beim Kanton auf Anfrage heisst. Deshalb installieren die Verantwortlichen derzeit Militärzelte, die bis Ende Herbst weitere 140 Plätze bieten. In Bern versucht es Polizeidirektor Hans-Jürg ­Käser auf die harte Tour: Er will fünf Gemeinden dazu zwingen, ihre Zivilschutzanlagen für Asylsuchende zu öffnen. Bislang weigern sie sich, dem Kanton fehlen damit mehrere Hundert Plätze.

Im Kanton Zug sind ab September alle Plätze besetzt. Notfalls schlafen fünf ­Personen in einem Dreibettzimmer.

In Luzern sind mehrere Notunterkünfte in Betrieb: drei Zivilschutz­anlagen und ein ehemaliges Hotel. Bis Ende Juli sei die Kapazitätsgrenze erreicht, sagt Silvia Bolliger, Kommunikationschefin des Gesundheits- und Sozialdepartements. Bleibe der Andrang in diesem Ausmass bestehen, brauche der Kanton monatlich bis zu 150 neue Plätze. Luzern prüft, weitere Zivilschutzanlagen zu öffnen. Zudem suche man privaten Wohnraum. «Zelte sind für uns die letzte Option», sagt Bolliger. Mühe hat auch der Kanton Waadt, wo fast 600 Asyl­suchende in unterirdischen Zivilschutzanlagen übernachten – Projekte für Anlagen über der Erde haben es schwer und werden mit Rekursen bekämpft.

Asylbewerber als Besetzer

Der Kanton Jura konnte Asylsuchende bislang stets in Wohnungen unterbringen. Selbst grössere Wohnungen mit fünf bis sechs Zimmern habe man problemlos finden können, sagt Francis Charmillot, Direktor der Association jurassienne d’accueil des migrants (Ajam). Doch nun fehlt plötzlich Platz. In Pruntrut richtete der Kanton kurzfristig ein Zentrum für 50 Asylsuchende ein. Wenn dem Kanton bald weitere Menschen zugewiesen werden, müssen Zivilschutzanlagen geöffnet werden. «Für den Kanton Jura wäre das eine Premiere», sagt Francis Charmillot.

Auch Genf erlebt Ungewöhnliches. Rund 30 alleinstehende Männer mussten kürzlich das Asylzentrum Foyer des Tattes in Vernier verlassen, um Platz für Familien zu machen. Die Männer, die aus zehn verschiedenen Ländern stammen, sollten in Zivilschutzbunkern untergebracht werden, wogegen sie sich wehrten. Mit Unterstützung von Parteien wie der linken SolidaritéS besetzten sie daraufhin das Kulturzentrum Grütli in der Genfer Innenstadt – mit ­Erfolg. Unter der Mediation des grünen Nationalrats Ueli Leuenberger einigten sich die Asylbewerber und die Stadt Genf auf einen Umzug der Männer in den Festsaal Faubourg in Bahnhofsnähe, wo sie aber nur bis zum 15. August bleiben können. Was danach passiert, ist offen. Der Kanton füllt seine Zivilschutz­unterkünfte derweil weiter.

Leichter Rückgang im Juli

Einige Kantone berichten auch von einer entspannten Situation, darunter vor allem kleine, die weniger Asylsuchende aufnehmen müssen. Im Vorteil sind auch jene, die ihre Gemeinden zur Kooperation verpflichten können. Die meisten Kantone beherbergen Asylsuchende zuerst in kantonalen Durchgangszentren und verteilen sie danach auf die Gemeinden – je schneller, desto weniger eigene Plätze benötigt der Kanton. Zum Beispiel im Thurgau – wenn der Platz in den Durchgangszentren knapp werde, würden die Asylsuchenden rascher weitergeschickt, heisst es dort.

17 Prozent der Asylsuchenden kommen in den Kanton Zürich: Ein Mann telefoniert im Asylzentrum Juch AOZ. (Foto: Keystone; 2014)

Vor einigen Tagen erreichte die Kantone eine gute Nachricht des Staats­sekretariats für Migration: Weil die Anzahl Gesuchsteller in den letzten drei Wochen leicht zurückging, erhielten die Kantone nun etwas weniger Asylsuchende zugewiesen. In der ersten Jahreshälfte haben knapp 12'000 Personen ein Asylgesuch gestellt. Diese kommen zuerst in eines der Bundeszentren und werden später nach einem Verteilschlüssel den Kantonen übergeben. Dass zurzeit überdurchschnittlich viele Gesuchsteller als Flüchtlinge anerkannt werden, stellt Kantone mit angespanntem Immobilienmarkt vor zusätzliche Herausforderungen. Anerkannte Flüchtlinge können das Heim verlassen und in eine Wohnung ziehen. In Appenzell In­nerrhoden, Nidwalden oder Genf müssen derzeit mangels Wohnraum aber auch anerkannte Flüchtlinge in den Asylzentren bleiben. Dort besetzen sie Plätze, die für die Neuankömmlinge benötigt würden.

(Erstellt: 23.07.2015, 21:46 Uhr)

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