Nur fünf Schüler interessierte der Werbespot der Armee

16'306 Stellungspflichtige wurden 2018 in die Rekrutenschule eingeteilt. So wenige wie noch nie. Nun wirbt die Armee an Schulen, ist dort aber oft unerwünscht.

Schwierige Mission: Remo Bosshard versucht an seiner früheren Kantonsschule in Schaffhausen, die Jugendlichen für den Wehrdienst zu begeistern. Foto: Dominique Meienberg

Schwierige Mission: Remo Bosshard versucht an seiner früheren Kantonsschule in Schaffhausen, die Jugendlichen für den Wehrdienst zu begeistern. Foto: Dominique Meienberg

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Das darf nicht wahr sein. Powerpoint streikt, das Video startet nicht. Ausgerechnet jetzt. Leutnant Bosshard soll an der Kantonsschule Schaffhausen junge Leute für das Militär begeistern. Und nun das. «Komm jetzt!», murmelt Remo Bosshard im Klassenzimmer. Seine Stirn glänzt. Der Ausgänger, dieser graue Sack von einem Anzug, macht die Sache nicht angenehmer. Doch Bosshard verzieht keine Miene. In solchen Situationen muss man improvisieren, hat er zuvor auf dem Weg ins Klassenzimmer noch gesagt, im Stile von SABTA: Sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit. Dieser informelle Leitfaden hat schon Generationen von Kadern geholfen. Dann löst sich das Problem so plötzlich, wie es aufgetreten ist, der Film läuft.

Leutnant Bosshard ist 20, Offizier bei den Füsilieren und führt gewöhnlich Rekruten durch den Wald und über die Kampfbahn. Doch an diesem Dienstag ist er auf diplomatischer Mission. «Es ist eine Ehre, dass ich die Armee vertreten darf», sagt er. Für sein Referat hat er Urlaub bekommen. 12 Uhr abtreten in Birmensdorf, Reise nach Schaffhausen, seinen Wohnort, nach dem Vortrag reicht es noch für den Znacht bei der Mutter, spätestens um 22 Uhr muss er wieder in der Kaserne sein.

Bosshards Vortrag ist Teil einer Imagekampagne der Armee und Antwort auf den angeschlagenen Ruf – auch wenn sie das in Bern so nie sagen würden. Noch nie gab es so wenig militärischen Nachwuchs. Für den Erhalt der Schweizer Armee brauchte es jährlich knapp 2000 Rekruten mehr. Sagt die Armee. Bestreiten die Armeegegner.

Auf rund 100 versandte Briefe bekamen bloss fünf Offiziere einen positiven Bescheid, der Rest erhielt entweder eine Absage – oder gar nicht erst eine Antwort.

Jedenfalls hat Bern für das Defizit Gründe gefunden. Erstens: Die Schweizer machten immer weniger Kinder, und es gebe dadurch weniger Stellungspflichtige. Zweitens sei es auch eine Folge der laufenden Armeereform, die es erlaubt, die Rekrutenschule (RS) bis ins 25. Altersjahr zu verschieben.

Es braucht Sofortmassnahmen. Philippe Rebord, Chef der Armee, sagte der «Aargauer Zeitung», dass man den Nachwuchs bereits ab 15 Jahren über das Militär informieren wolle. Pilotversuche haben stattgefunden (natürlich mit positiven Erfahrungen), nun geht man in die Breite.

Bosshard und 1000 andere gleichaltrige Kaderleute haben seit Januar einen von Korpskommandant Daniel Baumgartner vorgeschriebenen Brief an ihre ehemaligen Schulen versandt. Darin die Bitte, vorsprechen zu dürfen. Die Reaktionen fielen ernüchternd aus. Jedenfalls in der Birmensdorfer Kaserne von Leutnant Bosshard: Auf rund 100 versandte Briefe bekamen bloss fünf Offiziere einen positiven Bescheid, der Rest erhielt entweder eine Absage – oder gar nicht erst eine Antwort.

Der Vater im Kampfanzug

Nun steht also Bosshard in einem Schulzimmer. Tadellos rasiert, Haare gestutzt, Schuhe gefettet. Auch nach 450 Tagen Militär hält er sich den Schlendrian fern. Als Durchdiener macht er alle 668 Tage am Stück. Für sein Referat wurden alle 230 17- und 18-Jährigen der Schule eingeladen. Bosshard werweisste im Vorfeld, wie viele Leute kommen würden. «Vielleicht hundert?», schätzte er. Jetzt sitzen im Klassenzimmer: fünf Schüler, eine Schülerin, der Prorektor – und Bosshards Mutter.

Auch im Grossen zieht das Militär nicht. Militärsoziologe Tibor Szvircsev Tresch schlägt zur Erläuterung ein Kaffeegespräch in Zürich vor. Man erkenne ihn übrigens leicht, er trage zwar als ziviler Angestellter des VBS keinen Tarnanzug, dafür ein Hemd mit vielen Zitronen drauf. Szvircsev Tresch hat Zahlen mitgebracht. Laut einer Studie haben 85 Prozent der 18-Jährigen Vertrauen in die Armee. 75 Prozent wollen das Militär machen. Komisch sei aber, bemerkt Szvircsev Tresch, dass nur 50 Prozent in die RS einrückten. Wenn es ernst wird, sagen viele Junge: lieber ohne mich.

Die Militärfreude hält sich in Grenzen

Das ist kein Wunder, glaubt man dem Militärsoziologen: «Das Militär ist neben dem Gefängnis die härteste Zwangsgemeinschaft der Schweiz.» Dies positiv zu verkaufen, sei schwierig. Das Defizit von 2000 Rekruten wettzumachen, hält er für beinahe unmöglich. «Dafür braucht es eine Veränderung der Bedrohungslage in unserem Umfeld», sagt er. Verschlechtere sich diese, ändere sich auch die Meinung zur Armee.

So weit will Oberst Theo Casanova nicht gehen. Der Berufsoffizier (darum mit Tarnanzug) arbeitet in der Kommandozentrale der Armee in Bern und hat den Auftrag bekommen, das Militär wieder beliebt zu machen. Spannend, toll, anspruchsvoll – so beschreibt Casanova seine Aufgabe. Er könnte auch mühsam sagen. Er muss jungen Menschen eine Bürde verkaufen. Tage im Militär. Oder wie sagt er: «Es heisst Militärpflicht. Und nicht Militärfreude.»

Casanova erzählt, weshalb das Militär an Glanz verloren hat. Früher hätten die Kinder den Vater gesehen, der mit dem Kämpfer und dem Sturmgewehr eingerückt sei. Die Armee war in der Familie verankert. Heute kämen die Kinder später, die Dienstzeit der Väter sei dann meist vorüber. So verschwinde auch die Armee aus der Familie. Die Jungen hätten zudem neben der Armee Optionen. Sich untauglich melden zum Beispiel. Oder dem Zivildienst beitreten.

6000 Menschen machen jedes Jahr statt der RS den Zivildienst. Der Bundesrat will diesen Weg nun erschweren, der Ständerat hat Verschärfungen zugestimmt. Casanova hält sich von der Politik fern und sagt nur: «Die Abgänge in den Zivildienst tun weh. Sie zeigen, dass wir besser werden müssen.» Neuerdings hat die Armee Jokertage im Angebot, sie zahlt Kadern bis zu 11'300 Franken an Weiterbildungen, sie versucht sich in den sozialen Medien.

Keine Propaganda

Casanova hat sich auf das Gespräch vorbereitet und holt die «Dagmerseller Post» hervor. Darin steht, dass Zivis ganze Tage an der Schule verbringen. Morgens als Lehrerassistenz, dann am Mittagstisch und abends bei der Hausaufgabenhilfe. «Und bei uns gibt es einen Aufschrei, wenn wir 30 Minuten an der Schule über uns erzählen», sagt er. Am liebsten würde auch er sein Personal zur Unterstützung an die Schulen schicken, damit die Schüler merken: Die Militärs sind an sich noch flotte Typen.

Doch der Plan ist umstritten, Lehrer und Politiker können sich wenig damit anfreunden, viele sind strikt dagegen. Soldaten in der Schule – ein Unding. Darum vermittelt nun die Armeespitze bei den Schweizer Rektoren und Bildungsdirektoren. Die Generäle erzählen ihnen, dass die jungen Verkäufer in Militäruniform alleine anreisen, keinen Maulkorb tragen und keine Propaganda indoktriniert erhalten haben.

Ein Fussballteam mit weniger Spielern ist wie die Armee ohne Flieger. Abheben ist schwierig.

Tatsächlich ist Bosshard alleine nach Schaffhausen gereist. Er erzählt von der «Kameradschaft» und «Resilienz», von der «Verantwortung als Chef». Gleiche Sätze hat man schon vor 15 oder 40 Jahren gehört. Kritik an der Armee äussert Bosshard keine, kritische Fragen muss er nicht beantworten. Seine sechs Zuhörer wollen die RS machen. Es bleibt die grosse Frage: Wo sind die anderen? Die Unsicheren? Die Kritischen?

«Diese zu finden und abzuholen, ist eine Herausforderung», sagt Oberst Casanova in Bern. Überzeugen, nicht überreden müsse man die Jungen. Informieren und nicht bewerben. Also schaltet die Armee auf Instagram Filme und geht an Jobmessen. Sie stellt dort Töggelikasten auf und montiert darin einzelne Spieler ab. Botschaft: Ein Fussballteam mit weniger Spielern ist wie die Armee ohne Flieger. Abheben ist schwierig.

Ähnlich einfach sah es Bundesrätin Viola Amherd kürzlich in der Sendung «Club». Sie sagte: Mit gutem Material und guter Ausbildung bessere sich auch das Image. Die Wahrheit ist komplexer, das spürt der 54-jährige Oberst Casanova jeden Tag. Wann ist sein Auftrag beendet? Erste Antwort: ein Seufzer. Die Zweite: «Wenn ich pensioniert bin.»


Schweizer Armee sucht Nachwuchs

Action: So wirbt die Armee auf Youtube. (Video: Schweizer Armee)

Erstellt: 07.10.2019, 18:30 Uhr

Tiefstand bei den Rekruten

16'306 Rekruten wurden 2018 in die Rekrutenschulen eingeteilt. So wenige wie noch nie. 2000 Rekruten fehlen somit für den Erhalt der Armee. Im gleichen Jahr verlor das Militär 3303 Angehörige aus medizinischen Gründen und 6205 Angehörige durch die Zulassung zum Zivildienst. Keine Probleme gibt es beim Kadernachwuchs, hier gibt es gemäss eines Armeesprechers keine Bestandslücken. (czu)

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