Nur weitere Emotionen geschürt

Das Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi kritisiert die Nagra. Das verhindert eine Versachlichung der Debatte um die Tiefenlager.

Radioaktive Abfälle werden in Würenlingen zwischengelagert. Foto: Keystone

Radioaktive Abfälle werden in Würenlingen zwischengelagert. Foto: Keystone

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Kaum ein Thema in der Schweiz wird so emotional diskutiert wie die Suche nach dem optimalen Standort für ein Tiefenlager für radioaktiven Abfall. Die öffentliche Kritik des Nuklearsicherheitsinspektorats Ensi an die Adresse der Nagra letzte Woche hat alles andere als geholfen, die Entsorgungsdebatte zu versachlichen. Sie bringt nur weitere Verunsicherung in die Bevölkerung und liefert Stoff für Spekulationen.

Seit die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) Anfang Jahr ihre beiden Standortvorschläge bekannt gab, ist die Atmosphäre in den betroffenen Gebieten angespannt. Die Zürcher Regierung war überrascht, als die Nagra im Rahmen der zweiten Etappe des Sachplans geologische Tiefenlager den Schnitt von sechs auf zwei mögliche Orte vorschlug.

Geht es nach den Nagra-Experten, eignet sich aus rein sicherheitstechnischer Perspektive am besten Zürich-Nordost im Weinland und Jura-Ost am Bötzberg für den Bau eines Tiefenlagers. Ihren Entscheid hat sie auf Tausenden Seiten erklärt, belegt durch die Ergebnisse aus seismischen und geologischen Untersuchungen, durch Versuche im Felslabor Mont Terri und Daten aus Bohrungen für Erdsonden.

Nun fordert das Ensi zusätzliche technisch-wissenschaftliche Unterlagen. Das ist weiter nicht ungewöhnlich bei einem Prüfverfahren zum Bau eines Tiefenlagers, das während Jahrtausenden absolut dicht sein muss. Zusätzlich gab es aber harte Kritik, dass gewisse Daten, welche die Nagra verwendete, nicht robust genug seien und eine Gesamtbeurteilung zur Auswahl der Standorte verunmögliche. Es geht dabei um die wichtige Frage, in welcher Tiefe der Bau eines Stollens sicherheitstechnisch noch vertretbar sei. Die Nagra hatte den Standort Nördlich Lägern vor allem aus bautechnischen Argumenten bei ihrer Standorteinengung gestrichen. Das Ensi ist der Meinung, der Nagra-Datensatz müsse mit bereits vorhandenen Informationen «modifiziert» und nochmals interpretiert werden. Die Detailprüfung des Nagra-Berichts wird deshalb um bis zu ein Jahr verlängert.

Für Laien ist der Streit unverständlich

Um die Frage nach der Bautiefe tobt ein langer Expertenstreit, der nun mit neuen Daten geschlichtet werden soll. Ärgerlich und problematisch ist dabei, dass dieser wissenschaftliche Disput durch das Ensi öffentlich gemacht wurde. Für den Laien sind diese wissenschaftlichen Debatten schon lange ein Buch mit sieben Siegeln. Also bewertet er die Arbeit der Nagra und des Ensi je nach Betroffenheit vor allem von der emotionalen Seite.

Es ist nicht verwunderlich, wenn nun in der Öffentlichkeit wieder Zweifel an der Zusammenarbeit der beiden Institutionen aufkommen. Hätten diese umstrittenen Datensätze nicht schon früher unter Experten und Behörden Thema sein können? Immerhin: Bevor die Nagra die sicherheitstechnischen Unterlagen zu den zwei Standortvorschlägen einreichen konnte, hat das Ensi in zahlreichen Dokumenten Vorgaben gemacht, etwa zur sicherheitstechnischen Methodik, zur bautechnischen Machbarkeit des Tiefenlagers oder zu Risikoanalysen. Zu guter Letzt fanden unter der Leitung des Ensi elf «Zwischenhalt-Fachsitzungen» statt, an denen die Nagra zu 41 zusätzlichen sicherheitstechnischen Forderungen des Ensi Stellung nahm. An den Sitzungen dabei waren Fachexperten des Bundes, des Ensi, der Standortkantone und des Deutschen Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Hinzu kamen Informationssitzungen mit Behörden.

Welche Beweggründe das Ensi auch immer hatte, mit ihrer fachlichen Kritik an die Öffentlichkeit zu gelangen, bevor die Detailprüfung überhaupt abgeschlossen ist: Die von der Behörde angestrebte Transparenz, die zweifellos zum Verfahren gehört, war wohl in diesem Fall kontraproduktiv. Nun steht wieder die politische Debatte um das vermeintlich übereilte Vorgehen der Nagra bei der Standortsuche im Fokus der Öffentlichkeit.

Zur Versachlichung und zum Vertrauen in die Wissenschaft trägt das nicht bei.

Erstellt: 13.09.2015, 19:45 Uhr

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