Österreichs Botschafterin war bis vor kurzem Schweizerin

Die Schweiz wollte keine Doppelbürgerin als Botschafterin. Nun hat Ursula Plassnik ihren roten Pass abgegeben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Möglicherweise wurde der früheren österreichischen Aussenministerin Ursula Plassnik erst in diesem Jahr wieder bewusst, dass sie auch noch die Schweizer Staatsbürgerschaft besitzt. Denn als sie von ihrem Land für den Botschafterposten in Bern ausgewählt wurde, meldete das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) Bedenken an, wie die österreichische Tageszeitung «Kurier» berichtet. Das Schweizer Bürgerrecht sei ein Hindernis für die Akkreditierung als Botschafterin in Bern.

Als Plassnik im November 2004 ihre erste Auslandreise als frisch ernannte österreichische Aussenministerin traditionsgemäss nach Bern führte, war dagegen niemandem bewusst, dass das Treffen mit Bundesrätin Micheline Calmy-Rey ein Gespräch unter zwei Schweizerinnen war – offenbar nicht einmal Ursula Plassnik selbst. Diese hatte nämlich die Schweizer Staatsbürgerschaft automatisch durch die Heirat mit einem Schweizer Mann erworben. Diese Regelung galt bis 1991 für ausländische Frauen, die einen Mann mit rotem Pass heirateten. Umgekehrt allerdings nicht: Schweizerinnen, die einen Ausländer heirateten, machten diesen nicht automatisch zum Schweizer.

2004 schon Botschafterin

Da Plassnik 2004 vom Schweizer Gatten aber wieder geschieden war, hatte sie ihre zweite Staatsbürgerschaft im Geiste offenbar längst abgelegt. Denn schon als sie Anfang 2004, einige Monate vor der Beförderung zur Aussenministerin, ein erstes Mal österreichische Botschafterin in Bern wurde, war ihr Schweizer Bürgerrecht kein Thema. Allerdings hatten die eidgenössischen Behörden damals auch noch keinen Zugriff auf ein zentrales Verzeichnis, das über das Schweizer Bürgerrecht Plassniks Auskunft gegeben hätte.

Doch mittlerweile haben die Bundesbehörden Zugriff auf die Daten, die 2004 noch ganz in der Obhut der Kantone waren. Das EDA wollte zum Bericht des «Kuriers» jedoch nicht Stellung nehmen, in der österreichischen Botschaft war niemand für eine Stellungnahme erreichbar. Das Verfahren zur Akkreditierung für eine diplomatische Mission in der Schweiz sei vertraulich, hielt das EDA lediglich fest. In der Schweiz müsse die Doppelbürgerschaft aber kein Grund sein für die Ablehnung einer Akkreditierung als Botschafter.

Diesen Sinneswandel teilte das EDA der designierten Botschafterin schliesslich auch mit, obwohl Plassnik bereit war, für den Botschaftsposten ihr Schweizer Bürgerrecht abzugeben. Laut «Kurier» hat sie die Schweizer Staatsbürgerschaft annulliert. Das EDA weiss davon offiziell nichts: «Die Frage der Aufgabe der schweizerischen Staatsbürgerschaft obliegt kantonaler Hoheit», teilte das EDA mit. Zurzeit sitzt die 59-jährige promovierte Juristin noch auf dem österreichischen Botschaftsposten in Paris. Im Herbst zieht sie dann von der Seine an die Aare. In Österreich sei eine Doppelbürgerschaft bei Botschaftern nicht unüblich, zitiert der «Kurier» das Auswärtige Amt in Wien. Möglicherweise sei dies ein Überbleibsel aus der Zeit der Monarchie. Damals habe die Loyalität zum Monarchen mehr gezählt als die Staatsbürgerschaft des Gesandten.

Kabinettschefin von Schüssel

Plassnik trat 1980 in den diplomatischen Dienst Österreichs ein. Später war sie Kabinettschefin von Wolfgang Schüssel (ÖVP), der Aussenminister und später Bundeskanzler wurde. Bundeskanzler Schüssel ernannte Plassnik, die ebenfalls der ÖVP angehört, 2004 zur Aussenministerin. Plassnik und ihre Schweizer Amtskollegin Calmy-Rey schienen sich jedenfalls gut verstanden zu haben. Im November 2004, dreieinhalb Jahre vor der gemeinsamen Fussballeuropameisterschaft der Schweiz mit Österreich, meinte Calmy-Rey, das Verhältnis zwischen den beiden Ländern sei so eng, dass Österreich und die Schweiz fast eine gemeinsame Nati stellen könnten. Als Doppelbürgerin hätte Plassnik aber schon damals bestens ins Schweizer Nationalteam gepasst. Mittlerweile müsste sie sich gut überlegen, für welches Trikot sie sich entscheidet. Denn 2016 sind die Österreicher im Fussball wieder wer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.04.2016, 23:09 Uhr

Artikel zum Thema

Zum zweiten Mal Botschafterin

Porträt Österreichs Ex-Ministerin Ursula Plassnik kehrt nach Bern zurück. Mehr...

Offene Feindschaft ist zwischen Wien und Ankara entbrannt

Die Türkei verhindert, dass Österreichs ehemalige Aussenministerin Ursula Plassnik OSZE-Generalsekretärin wird. Nun will Wien Ankara den Weg in die EU verbauen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...