Erst Offenheit macht die Schweiz reich

Landesgrenzen und Alleingänge sind wieder beliebt. Die Rückbesinnung auf eigene Werte hat auch ihr Gutes.

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Die Schweiz lebt im Kleinen, auch in diesen Hitzetagen. Jeder Kanton, jede Gemeinde entscheidet für sich, ob man wegen der anhaltenden Trockenheit ein Feuerverbot aussprechen will. Was ist ein 1. August ohne Raketen, Vulkane und Höhenfeuer? Für viele kein richtiger Nationalfeiertag.

Heimatgefühle beginnen im Kleinen: beim Blick vom Balkon des Wohnhauses, im Gespräch am Postschalter, mit der Begegnung an der Bushaltestelle. Das eigene Dorf oder Quartier – es ist das Sinnbild des Prinzips Heimat. Hier ist man aufgewachsen, hier fühlt man sich wohl und sicher, hier kennt man einander. Das gibt Halt.

Weniger Solidarität

Dennoch fühlen wir uns heute auf die Heimat nicht mehr so angewiesen. Wir sind mobil, arbeiten mal da, mal dort, pendeln zwischen den Kantonen und kaufen im Internet ein. Mehr als jeder zehnte Schweizer Staatsangehörige lebt im Ausland. Die Welt ist durch Globalisierung und Digitalisierung zusammengewachsen. Der einzelne Nationalstaat verliert – auch angesichts der vielen grenzüberschreitenden Probleme wie Klimawandel, Migration oder Terrorismus – an Handlungsfähigkeit. Gleichwohl sind Grenzen wieder beliebt. Europa schottet sich ab. Die EU steckt wegen ihrer gescheiterten Flüchtlingspolitik in der Dauerkrise. Ihre Mitgliedsländer zeigen immer weniger Solidarität und ziehen Zäune auf. Auch in der Schweiz werden Überfremdungsängste geschürt und Mythen reaktiviert. Unabhängigkeit statt Fremdbestimmung, Alleingang statt bilateraler Weg. Dabei klingen Schlagwörter wie Neutralität oder Humanität hohl, wenn der eigene Bundesrat beschliesst, Waffen künftig auch in Länder mit internen Konflikten zu exportieren.

Die Rückbesinnung auf die eigenen Werte hat aber auch ihr Gutes: Liberale Staaten sichern Heimat. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind immer noch national bestimmt. Die Schweizerinnen und Schweizer entscheiden politisch mit, suchen den Konsens und geniessen Freiheit und Sicherheit. Dazu gehören Konflikte, auch Diskussionen darüber, wie hart man zwischen dem Eigenen und dem Fremden unterscheiden will. Uns eint jedoch, dass wir an eine Schweiz der verschiedenen Kulturen, Meinungen und Parteien glauben. Der Föderalismus erlaubt überdies Autonomie. Sie reicht bis zum kommunalen Feuerverbot.

Wer gehört zur Schweiz?

Heimat ist aber mehr als Feuerwerk, das mit einem Knall in den Himmel steigt. Sie beschränkt sich weder auf ein Territorium noch auf den Schweizer Pass. Heimat ist ein Gefühl und Bewusstsein der Zugehörigkeit, wie der Schriftsteller Max Frisch schrieb.

Wer gehört zur Schweiz? Nur die Schweizerinnen und Schweizer? Nur wer hier geboren und aufgewachsen ist? Wenn dem so wäre, wären wir ein armes Land – kulturell, politisch, wirtschaftlich. Die Prosperität der Schweiz basiert nicht auf Abschottung. Ihren Erfolg verdankt sie ihrer Offenheit. Französische Hugenotten machten unsere Uhrenindustrie gross, italienische Arbeitsmigranten bauten Strassen und Tunnel. Ohne hoch qualifizierte Zuwanderer hätte die Schweizer Wirtschaft den Strukturwandel in den vergangenen Jahren nicht so gut gemeistert. Ohne ausländische Ärzte und Pflegerinnen wären die Spitäler und Seniorenheime längst am Anschlag. Schätzungsweise fünf Millionen Einwanderer sind laut Migrationsforscher Etienne Piguet im Verlauf der letzten fünfzig Jahre in die Schweiz gekommen. Vier von fünf kehrten später in ihre Herkunftsländer zurück, oder sie zogen weiter. In der Zwischenzeit haben sie die Schweiz reicher gemacht.

Sprache verbindet

In einer zu Kompromissen fähigen Willensnation entscheiden nicht allein rechtskonservative Kreise darüber, wer dazugehört und wer nicht. Heimat ist keine Ideologie. Offenheit braucht es aber auch in der Migrationsdebatte. Wir müssen mehr darüber reden, wer wirklich schutzbedürftig ist und wer nicht.

Sprache verbindet. Wer sie nicht versteht, fühlt sich ausgeschlossen. Zu einem Gefühl des Zusammenseins gehört deshalb auch der Wille, unsere Sprache zu erlernen. Für Max Frisch gehörte unsere Mundart zu seiner Heimat. Ein Walliser klingt anders als ein Bündner, eine Zürcherin anders als eine Baslerin. So schön diese Unterschiede sind, so sehr feiern wir die Unterschiedlichkeit als Prinzip. Stellen Sie sich vor, die Schweiz bestünde nur aus der Deutschschweiz. Stellen Sie sich vor, wir blieben komplett unter uns. Wir würden uns langweilen im eigenen Land.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.08.2018, 07:13 Uhr

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