Ohne Gummi: Aids-Kampagne weckt Ängste 

Die Aids-Hilfe will HIV-positive Menschen entdiskriminieren. Doch kommt ihre neue Kampagne auch richtig an?

HIV ist zwar therapierbar, die Krankheit aber bleibt unheilbar. Foto: Kniel Synnatzschke (Plainpicture)

HIV ist zwar therapierbar, die Krankheit aber bleibt unheilbar. Foto: Kniel Synnatzschke (Plainpicture)

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Es braucht keinen Schutz mehr beim Sex mit HIV-Positiven: Das ist die Kernaussage der jüngsten Kampagne der Aids-Hilfe Schweiz. Am 1. Dezember startet die Aktion, mit Plakaten und Screens auf Bahnhöfen und in Postautos. Die Berichterstattung von Schweizer Radio SRF von gestern – sie löst besorgte Nachfragen aus: Werden Aidserkrankungen verharmlost? Soll «im Minimum en Gummi drum» plötzlich obsolet sein?

Carla Schuler, Leiterin Sozialdienst der Aids-Hilfe beider Basel, erklärt stellvertretend für die Aids-Hilfe Schweiz den Hintergrund: Es sei wissenschaftlich längst belegt, dass eine HIV-infizierte Person bei entsprechender erfolgreicher Therapie nicht infektiös sei. Schuler verweist auf Aussagen unter anderem der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen sowie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) vor zehn Jahren. «Gleichwohl werden HIV-Positive heute noch immer stigmatisiert und diskriminiert.»

Schuler schränkt jedoch ein: «Unsere Prävention sagt noch immer: Schützen mit Kondomen ist nötig.» Kondome brauche es grundsätzlich, wenn man es mit Sexualpartnern zu tun habe, «die man nicht oder flüchtig kennt». Für Schuler ist klar: «Alle anderen Schutzverhalten müssen mit dem Sexualpartner diskutiert werden. Und dann müssen beide mit dem weiteren Vorgehen einverstanden sein.»

Wie die «Pille danach»?

Das sind klare Worte. Doch kommen sie beim Publikum auch richtig an? In Fachkreisen herrschen Zweifel. Es handle sich um eine gut gemeinte Kampagne für die Betroffenen und ihre Partner, aber nicht für die Öffentlichkeit, so Immunologe Beda Stadler. Die Aussage bei «erfolgreicher Therapie» mache für den Patienten Sinn, ein Laie aber könne sich darunter nichts vorstellen, so der emeritierte Professor. «Man suggeriert, dass eine Aidstherapie als ‹Pille danach› verstanden wird, und untergräbt die anderen Kampagnen.»

Die neue Kampagne lenkt den Fokus auf die Betroffenen. Foto: PD

Nicht nur Fachleute zeigen sich kritisch. Unter Gesundheitspolitikern fallen die Reaktionen mehrheitlich negativ aus. Am meisten Zuspruch findet die Kampagne in linken Kreisen. «Es ist wichtig, dass die Stigmatisierung von HIV-Betroffenen angegangen wird», sagt Yvonne Feri. Die SP-Nationalrätin sieht die neue Aktion als gelungene Ergänzung zur klassischen Aids-Präventionskampagne Love Life, die parallel weiterläuft.

Keine Hilfe für Aidskranke

Doch selbst in der SP bestehen teils Vorbehalte. Nationalrätin Barbara Gysi hält zwar wie Yvonne Feri die Kampagne für grundsätzlich «wichtig und gut». Sie könne aber «zur Sorglosigkeit verleiten», wenn man sie nicht im Kontext der weiterlaufenden Love-Life-Kampagne betrachte.

Scharfe Kritik üben dagegen bürgerliche Parlamentarier. «Die ­Absich­ten hinter der neuen Kampagne sind redlich, bergen aber ein zu grosses Entwarnungs- und Verwirrungspotenzial», sagt BDP-Nationalrat Lorenz Hess. Solch differenzierte Botschaften würden sich mit massenmedialen Kampagnen nicht vermitteln lassen. Hess erinnert an die Zeit, als die ersten Anti-Aids-Therapien aufkamen: «Das allein hat dafür gesorgt, dass das Bewusstsein für die Gefahr gesunken und das Verhalten wieder risiko­reicher geworden ist.» Joachim Eder, Präsident der ständerätlichen Gesundheitskommission, bezeichnet den Kampf gegen die soziale Ausgrenzung von HIV-positiven Menschen zwar als richtig. Prävention sei und bleibe für ihn aber grundsätzlich vordringlicher, sagt der FDP-Ständerat. «Entwarnung kann nämlich schnell zu einer Verharmlosung werden.»

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Gar als «verantwortungslos» tituliert SVP-Nationalrätin Verena Herzog die Kampagne, banalisiere diese doch die Krankheit und mache die bisherige klassische Anti-Aids-Kampagne kaputt. «Die neue Kampagne», sagt Herzog, «hilft keinem einzigen Aidspatienten, der ihr zum Opfer fällt.» Die SVP-Politikerin macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: Auch wenn Aids behandelbar sei, verursachten die heute recht erfolgreichen Therapien hohe Kosten, «die in aller Selbstverständlichkeit durch noch weiter steigende Krankenkassenprämien dem Bürger überwälzt werden».

Geld vom Bund

Auch Herzogs Parteikollege Sebastian Frehner rückt die Finanzen in den Fokus: Es sei nicht Aufgabe der Aids-Hilfe, die Entdiskriminierung von HIV-Infizierten voranzutreiben, sondern die Zahl der HIV-Ansteckungen möglichst zu minimieren. Es ­mache schon fast den Eindruck, so Frehner, als suche die Aids-Hilfe Schweiz nach neuen Aufgaben. «Da ist offenbar zu viel Geld vorhanden. Wir müssen über eine Kürzung der Bundesbeiträge diskutieren.»

In die Kampagne selber fliessen laut Bundesamt für Gesundheit aber keine Bundesgelder. Die Aids-Hilfe erhält aber gleichwohl Staatsbeiträge – rund 1,5 Millionen Franken für ihre Präventionsleistungen. Das Parlament könnte also eine Strafaktion vornehmen, indem es das Budget der Aids-Hilfe kürzt.

Gesundheitsminister Alain Berset (SP) würde solche Pläne kaum goutieren. Seine Fach­leute im BAG signalisieren jedenfalls Unterstützung für die Kam­pagne. Der Welt-Aids-Tag vom 1. Dezember stehe ebenfalls im Zeichen der Solidarität mit HIV-positiven Menschen. Auch sei Solidarität ein wichtiges Thema im Nationalen Programm HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen (NPHS), erläutert ein BAG-Sprecher – und stellt umgehend klar: «HIV ist nach wie vor eine schwere, unheilbare Krankheit, die eine lebenslange, sehr konsequent angewendete Therapie erfordert.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.11.2018, 07:52 Uhr

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