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«Ohne Zürich geht die Bewerbung am Stock»

Der Ökonom Max Lüscher hält die Bündner Olympiakandidatur für «einige Schuhnummern zu gross».

Die beste Kandidatur – und doch verloren: Adolf Ogi nach der Vergabe der Winterspiele 2006 an Turin. (19. Juni 1999)
Die beste Kandidatur – und doch verloren: Adolf Ogi nach der Vergabe der Winterspiele 2006 an Turin. (19. Juni 1999)
Fabrice Coffrini, Keystone
Unglaube auch bei Bundesrat Pascal Couchepin. (19. Juni 1999)
Unglaube auch bei Bundesrat Pascal Couchepin. (19. Juni 1999)
Keystone
An die Austragung erinnert immer noch das damals erstellte Olympiastadion: Im inzwischen umgenutzten Gebäude befinden sich heute Ferienwohnungen. (3. Januar 2009)
An die Austragung erinnert immer noch das damals erstellte Olympiastadion: Im inzwischen umgenutzten Gebäude befinden sich heute Ferienwohnungen. (3. Januar 2009)
Arno Balzarini, Keystone
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Herr Lüscher, die letzten Olympischen Winterspiele in der Schweiz fanden 1948 statt, zwei Jahre, bevor Sie geboren wurden. Wäre es nicht an der Zeit, sie wieder einmal in der Schweiz auszutragen?

In der Schweiz schon. Aber als gesamtschweizerisches Projekt.

Wieso nicht in Graubünden alleine?

Für unseren Kanton sind Olympische Spiele einige Schuhnummern zu gross. Die Initianten der Kandidatur werben vor der Abstimmung in einem Monat mit dem Slogan «Wir sind fit für Olympia». Ehrlicherweise muss man aber sagen: Ohne Zürich geht die Bewerbung am Stock. Mehr als ein höfliches Jein hat Graubünden von Stadt und Kanton Zürich aber nicht erhalten. Unser Kanton hat wunderschöne Skigebiete, aber nur 200'000 Einwohner. Auch mit Unterstützung der Ostschweizer Kantone wird er aber eine Kandidatur nicht stemmen können. Das finanzielle Risiko ist einfach zu hoch – und der Nutzen sehr, sehr ungewiss.

Was wäre bei einer nationalen Kandidatur anders?

Graubünden ist im Ausland nicht wirklich eine Marke. Es gibt die Marken Schweiz, St. Moritz, Davos, Engelberg, Zermatt, aber keine Marke Graubünden. Zudem braucht es die grossen Städte Bern, Basel, Zürich und Genf für die Hockeyspiele. Nur wenn eine Kandidatur von vielen Schultern getragen wird, nur wenn man sie als Schweiz angeht, hat sie eine Chance. Das würde aber voraussetzen, dass man über die eigene Nasenspitze hinausdenkt.

Ist das jetzige Projekt nicht besser als jenes, das vor drei Jahren von den Stimmberechtigten knapp abgelehnt wurde?

Man hat die Austragungsorte im Kanton breiter gestreut und auch über die Kantonsgrenze hinausgedacht. So sind nun zum Beispiel Laax, Engelberg und Einsiedeln dabei. Doch das Projekt ist immer noch zu kleinräumig aufgestellt.

Wie wichtig wäre eine Kandidatur für die Schweizer Wintersportorte?

Ich schätze den nachhaltigen wirtschaftlichen und touristischen Nutzen einer Kandidatur als gering ein. Olympische Spiele würden den Bauunternehmern und dem lokalen Gewerbe vorübergehend Einnahmen bringen. Dass Graubünden dank Olympia ab 2026 zehn Prozent mehr Touristen verzeichnen würde, ist aber eine Illusion. Solange das Preis-Leistungs-Verhältnis Tourismusangebote im Vergleich zu Destinationen wie Österreich derart aus dem Lot ist, haben unsere Wintersportorte keine Chance, nachhaltig zu wachsen. Zudem haben die Olympischen Spiele heute nicht mehr den Glanz, den sie zu meiner Bubenzeit noch hatten. Wir werden regelrecht überflutet von Sportanlässen auf nationaler, kontinentaler und internationaler Ebene.

Welche finanziellen Folgen befürchten Sie für den Kanton Graubünden?

Der Kanton hat ein operatives Budget über 1,65 Milliarden Franken aufgestellt. Im Bericht zuhanden des Grossrats heisst es, die öffentliche Hand werde in diesem Bereich durch die Olympischen Spiele nicht belastet. Ich zweifle aber, dass diese Rechnung genauso aufgeht. Bei einem Investment muss ich immer damit rechnen, dass ein Ergebnis um wenigstens zehn Prozent schlechter ausfällt als geplant. Das wären hier 165 Millionen Franken. Doch davon ist nirgends die Rede. Ein riskanter Faktor sind zudem die Ausgaben für die Sicherheit. Bereits bei überschaubaren Anlässen wie dem WEF in Davos oder den Skiweltmeisterschaften in St. Moritz machen diese inzwischen einen beachtlichen Teil des Budgets aus.

Die letzte Bündner Kandidatur unterlag 2013 mit 52,6 Prozent Nein-Stimmen an der Urne. Wie wird das Resultat dieses Mal ausfallen?

Im letzten Herbst rechnete ich noch mit zwei Drittel Nein-Stimmen. Nun haben aber die Befürworter derart auf die Pauke gehauen, dass sich gar niemand mehr getraut, eine andere Meinung zu äussern. Auch im privaten Kontext wird die Kandidatur eher vorsichtig thematisiert. Gut möglich, dass ein knappes, oder vielleicht gar ein recht deutliches Ja herausschaut.

Wieso getrauen sich die Gegner nicht, sich zu äussern?

Wer Rang und Namen hat, äussert sich kaum kritisch. Die Kampagne der Befürworter hat wohl bei vielen das Gefühl ausgelöst, mit einem Nein verweigere man dem Kanton etwas, das ihm ganz selbstverständlich zusteht. In unserem Kanton ist man sich – auch wenn die Distanzen gross sind – sehr nah; da passt man sich dem Frieden zuliebe an. Die Art und Weise, wie in der Pro-Kampagne argumentiert wird, ist zuweilen knapp an der Grenze der Seriosität. Wer Luftschlösser baut, ist eigentlich nicht besonders glaubwürdig.

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