«O.k., sie ist draussen»

Wie private Ermittler herauszufinden versuchen, ob eine Frau zu Recht Sozialhilfe bezieht. Unterwegs mit einem Detektiv.

«Wir sind nur das Auge des Gerichts vor Ort»: Ein Sozialdetektiv im Einsatz. Foto: Eye-Em, Getty Images

«Wir sind nur das Auge des Gerichts vor Ort»: Ein Sozialdetektiv im Einsatz. Foto: Eye-Em, Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Um 16.08 Uhr wird die Stille im Wagen unterbrochen: «O.k., sie ist draussen», sagt eine Stimme in der Leitung. Darauf haben sie gewartet. Seit zwei Stunden sind die Ermittler auf ihren Posten. Das «vorgelagerte Auge» unter ihnen hatte den Blick unentwegt auf den Eingang des Hochhauses gerichtet, hatte die Tür etliche Male auf- und zugehen sehen. Jetzt ist sie draussen: eine Frau in den Fünfzigern, die Sozialhilfe bezieht. Es gibt Hinweise, dass sie einer Arbeit nachgeht, obwohl sie angibt, keine zu haben. Die Stimme aus dem Lautsprecher fährt fort: «Sie trägt eine Trainerhose. Und eine Jacke.»

Der Auftrag: Warten

Wir sitzen in einem Auto in der Agglomeration Zürich: Markus Mock, Inhaber und Geschäftsführer des Ermittlungsbüros Coprin, und die Journalistin. Coprin führt unter anderem für Sozialämter und Versicherungen Observationen durch. Seit der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte vor zwei Jahren aber befand, dass die Gesetzesgrundlage für Versicherungen nicht genügt, observiert Coprin nur noch im Auftrag von Sozialämtern. Dies ist weiterhin erlaubt. Ob es auch bei Versicherungen wieder der Fall sein wird, entscheidet sich bei der Abstimmung vom 25. November.

Der Auftrag bei dieser Observation: Warten. Und wenn sich die Frau in unsere Richtung bewegt, die Überwachung übernehmen. «Agglomeration Zürich» muss als Ortsangabe genügen. Diese Zeitung hat eine Vertraulichkeitserklärung unterschrieben: keine Fotos, keine Details zur Strategie, keine Angaben, die Rückschlüsse auf die observierte Person zulassen. Die Branche ist verschwiegen, das Thema heikel. Andere Detektivbüros wollten keine Auskunft geben. Mock war über die Anfrage auch nicht erfreut. Er willigte aber unter diesen Auflagen ein, um mit dem Einblick die vorherrschende Meinung über Privatermittler zu korrigieren.

Video: Darum geht es bei der Abstimmung vom 25. November

Versicherungen dürfen keine Detektive mehr auf mutmassliche Betrüger ansetzen. (Keystone)

Die Frau muss nur kurz ins Freie getreten sein. Jedenfalls meldet das «vorgelagerte Auge», sie sei bereits wieder im Haus verschwunden. Schon vor einer Wochen haben Mocks Männer sie observiert. Damals lief sie zur Hauptstrasse. An jenem Tag trug sie eine Arbeitshose mit Taschen an den Hosenbeinen. Dann hielt ein Lieferwagen neben ihr. Sie stieg ein, und der Wagen war weg. Die Ermittler hatten nur noch das Wort «Reinigung» an der Karosserie entziffern können.

Mock war auf Umwegen zum Standplatz gefahren, er will keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Als er seinen Wagen zwischen Hochhäusern hindurchlenkte, sagte er: «Wir kennen uns hier aus.» Die Aufträge führen seine Männer immer wieder an diesen Ort. Hier leben viele Leute, die keine hohen Mieten bezahlen können.

«10 22. Wir haben Stellung bezogen.»Markus Mock
Inhaber und Geschäftsführer des Ermittlungsbüros Coprin

Kaum war das Auto parkiert, steckte sich Mock einen Stöpsel ins Ohr, hautfarben, kabellos, kaum sichtbar. Und sagte: «10 22. Wir haben Stellung bezogen.» Die 10 sind wir, die 22 einer der anderen drei Ermittler. Jeder sitzt allein in einem Fahrzeug; sie sind so positioniert, dass die observierte Frau an einem von ihnen vorbeikommt, wenn sie das Quartier verlässt.

Von Mock findet sich kein einziges Bild im Internet, keine Telefonnummer, keine aktuelle Adresse. Bis auf ein paar wenige Namensnennungen ist er im Netz inexistent. Zu seinem Schutz. So kann man ihn nur treffen, wenn er sich zu erkennen gibt: Der Händedruck ist kräftig, der Blick fest und freundlich. Die Augen aber erinnern an die eines Sperbers. Zu sich sagt er nur so viel: Er ist 53 und Ex-Polizist. 2008 hat er die Coprin AG gegründet.

Der Code der Ermittler

Wenn Mock und seine Männer über die Ohrstöpsel miteinander sprechen, hört es sich an, als würden sie aus dem Strafgesetzbuch lesen. Die Frau, die sie observieren, nennen sie «Zielperson», ihr Haus «Objekt» und wenn nichts geschieht, melden sie: «Es gibt keine Bewegung.» Sind sie unter Leuten, können sie schlecht von Zielpersonen reden. Das fiele auf. So benutzen sie Codewörter, die hier nicht erwähnt werden sollen. Es sind Wörter, die sich unauffällig in einen Satz einfügen, im Zusammenhang aber keinen Sinn ergeben.

Wir stehen in einer Quartierstrasse. Auf der Baustelle vor uns hämmert, schleift und surrt es. Die Stimme in der Leitung aber bleibt stumm. Was geschieht, wenn nichts geschieht? Stehen sie unter Druck, dem Auftraggeber etwas abzuliefern? Keineswegs, sagt Mock. «Unsere Aufgabe ist es, zu protokollieren, was wir sehen.» Gleichgültig, ob es Observierte belastet oder entlastet. «Wir sind nur das Auge des Arztes oder des Gerichts vor Ort. Wie unsere Fakten zu interpretieren sind, entscheiden sie.»

Bevor sie aber überhaupt auf die Strasse gehen, prüfen sie standardmässig, ob eine Observierung zulässig ist – so verlangt es das Gesetz schon heute: Ist das öffentliche Interesse an einer Observierung grösser als jenes der Privatperson, darauf zu verzichten? Gibt es konkrete Anhaltspunkte, dass diese Person zu Unrecht Leistungen bezieht? Und braucht es diese Observation, damit diese Frage geklärt werden kann? Wenn alle Fragen mit Ja beantwortet werden, erarbeiten die Ermittler anhand eines Fragenkatalogs einen Bericht. Darin führen sie auf, was über die Person bekannt ist.

Bis zum Entscheid des Menschengerichtshofs führte die Coprin 15 bis 25 Observationen pro Jahr für Sozialversicherungen durch, heute nur noch solche für Sozialämter. Die Zahl der Aufträge ist gegen 80 Prozent eingebrochen. Dennoch hat Mock keine Mitarbeiter entlassen. Viele arbeiten seit Jahr und Tag für ihn. Und da der Gerichtshof nur die ungenügenden gesetzlichen Grundlagen kritisiert hat und nicht die Observationen, geht Mock davon aus, dass sie wieder zulässig sein werden. Tatsächlich sieht es laut Umfragen danach aus, dass das Stimmvolk in einer Woche Ja sagt zur Überwachung von Versicherten. Dann wird Mock seine Leute brauchen.

Über den Sitzplatz weg

Ein Paar schiebt einen Kinderwagen nach Hause, in der Baracke geht das Licht aus. In der Leitung ist es noch immer still: keine Bewegung. Hat die observierte Frau Verdacht geschöpft? Manche Personen – Mock nennt sie Verfahrensgewohnte – bekommen es immer wieder mit Polizei und Gericht zu tun. Sie rechnen damit, dass sie überwacht werden. Sie testen, wenn sie das Haus verlassen, ob sie observiert werden – oder gehen gleich über den Sitzplatz hinaus. Die Frau im gesetzteren Alter zählt Mock nicht zu ihnen.

Bei solchen Verfahrensgewohnten haben Mock und seine Männer – selten – auch schon GPS-Tracker eingesetzt. Manche rasen mit übersetzter Geschwindigkeit über die Autobahn – im Wissen, dass die Ermittler nicht das Risiko eingehen, ihnen zu folgen. Mit einem GPS-Gerät können sie sie aber wieder orten. «Es geht nie darum, die Versicherten mit diesen Geräten systematisch zu überwachen», sagt Mock. Sie lieferten keine aussagekräftigen Resultate – es könnte auch die Frau oder der Sohn am Steuer gesessen haben.

Dann, um 17.55 Uhr, meldet sich die Stimme: «Wir brechen hier ab.» Das Budget für die Observation ist aufgebraucht, der Auftraggeber wollte es auf Anfrage nicht aufstocken. Die Stimme wünscht einen schönen Abend.

Erstellt: 15.11.2018, 22:54 Uhr

Artikel zum Thema

Sozialdetektive: «Nie wieder» hat also ein Ablaufdatum

Gastbeitrag Wir müssen in Professionalität investieren, nicht ins Misstrauen. Mehr...

Berset erklärt, warum es Versicherungsdetektive braucht

Am 25. November entscheidet das Stimmvolk über verdeckte Beobachtungen. Der Bundesrat befürwortet das Gesetz. Mehr...

Auch ein liberales Komitee kämpft gegen die Sozialdetektive

Die Gegner des Gesetzes erhalten Zuwachs: Junge Liberale sprechen von einem «offenen Angriff auf die Privatsphäre». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Weg mit hartnäckigen Fettdepots und Cellulite!

Sie möchten abnehmen, ohne auf lästige Diäten zurückzugreifen und ohne Sport machen zu müssen? Slim&more zeigt Ihnen, wie Ihre Pfunde ganz ohne Pillen und Eingriffe purzeln.

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...