Online-Medien sind besser geworden

Das Jahrbuch «Qualität der Medien» kommt zum Befund: Die Qualität der Newssites steigt. Und mit guter journalistischer Qualität lassen sich Klicks generieren.

«Womöglich ist das Qualitätsbewusstsein gestiegen»: Blick in die Redaktion des «TA online» im Jahr 2012.

«Womöglich ist das Qualitätsbewusstsein gestiegen»: Blick in die Redaktion des «TA online» im Jahr 2012. Bild: Keystone

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Als das Jahrbuch «Qualität der Medien» erstmals erschien, sorgte es für Aufruhr in der Branche. Der inzwischen verstorbene Medienwissenschaftler Kurt Imhof schrieb damals, 2010, unter dem Stichwort «Medienkrise Schweiz», die seit 2005 grassierenden Nachrichtenportale der grossen Zeitungen würden ihren Mutterblättern zunehmend Publikum «abziehen», ohne dass ihre eigenständige Finanzierung gesichert werden könne. Diese Portale blieben Zuschussunternehmen der ohnehin darbenden Presse, «sie profitieren von der Reputation ihrer Mutterhäuser, deren Ruf sie gleichzeitig belasten».

Acht Jahre später ist der Befund der jährlichen Publikation, die am Montagvormittag in Bern vorgestellt wurde, wieder überraschend: «Die Qualität der Onlinemedien steigt», lautet ein zentraler Befund der Qualitätsmessung. Heute wird die Publikation von Mark Eisenegger verantwortet, Präsident des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG). Die Forscher werteten insgesamt 28'214 Beiträge aus 79 Schweizer Medien aus, auf der Basis eines selber entwickelten Qualitätsscorings.

Onlineportale sind besser geworden

Viele professionelle Medien würden messbar qualitätsvollen Journalismus auf mehreren Kanälen anbieten und die Qualität habe sich bei einigen Anbietern in den letzten drei Jahren verbessert, heisst es im Jahrbuch. Zwar erzielten die Angebote mit geringerer Qualität nach wie vor die grösste Reichweite. Doch auch mit besserem Journalismus lasse sich ein Massenpublikum erreichen. Beispiele dafür seien neben den Informationssendungen des öffentlichen Rundfunks auch die Seiten von «Tages-Anzeiger», «24 Heures», «Corriere del Ticino» sowie die Sonntagstitel «Il Caffè», «Le Matin Dimanche» und die «NZZ am Sonntag».

Nur noch im öffentlichen Rundfunk wiesen traditionelle Nachrichtenangebote eine bessere Qualität auf als ihre digitalen Pendants. Die Onlineausgabe des «Tages-Anzeigers» beispielsweise hat ihren Qualitätsscore (Note auf einer Skala von 0 bis 10) in den letzten drei Jahren von 6,5 auf 6,7 Punkte gesteigert, die Printausgabe von 6,9 auf 7,2. Insgesamt hat sich die Qualität der Onlineportale der abonnierten Presse seit 2014 um 0,3 Scorepunkte verbessert. Auch die Onlineauftritte der Pendlerzeitungen und ihrer gedruckten Mutterblätter haben die Qualität gesteigert.

Mehr Qualitätsbewusstsein?

Diese Entwicklung sei insofern bemerkenswert, als die Medien in den letzten Jahren Ressourcen abgebaut hätten, schreiben die Forscher. Aufgrund wegbrechender Werbeeinnahmen wurden Stellen abgebaut. Möglicherweise sei das Qualitätsbewusstsein für den Informationsjournalismus bei den professionellen Medien tendenziell gestiegen.

Erstmals untersucht haben die FÖG-Forscher die Reaktion von Facebook-Nutzern auf das Angebot der traditionellen Medien. Die NZZ beispielsweise postet zu 33 Prozent Artikel auf Facebook, welche das FÖG als qualitativ mittelmässig einstufte. Mit diesen Artikeln erzielte die Zeitung 25 Prozent ihrer Nutzerreaktionen auf Facebook. 66 Prozent der Artikel wurden als qualitativ hochwertig eingestuft, und mit diesen generierte die NZZ 74 Prozent der Reaktionen. Der «Blick» generiert mit 56 Prozent qualitativ als tief eingestuften Beiträgen nur 54 Prozent Reaktionen. Effizienter ist die Boulevardzeitung mit qualitativ mittelmässigen Beiträgen – hier generieren 41 Prozent Artikel 45 Prozent der Reaktionen. Für den «Tages-Anzeiger» lohnen sich, wie für die NZZ, die qualitativ besseren Beiträge: 31 Prozent generieren 37 Prozent Reaktionen. Am aktivsten ist er jedoch im mittelmässigen Segment, wo 62 Prozent lediglich 53 Prozent der Reaktionen hervorrufen.

Reputation dank traditionellen Medien

Weiter zeigen die Forscher auf, dass die traditionellen Medien weniger werden, während das grosse Feld der «pseudojournalistischen Angebote» wächst. Dieser Bereich gerate unter wachsenden Einfluss der globalen Plattformen wie Facebook und Google, ökonomisch wie auch sozial. Die Ursachen dafür seien einerseits der Bedeutungszuwachs dieser Plattformen. Die Nutzer erlebten die Medien dadurch immer stärker als flüchtige Gebilde von dynamischen und zusammengebündelten Beiträgen auf diesen Plattformen. Das schwäche die Markenkraft traditioneller Medien.

Doch diese Entwicklung sei von den Verlagshäusern mitverschuldet, heisst es im Jahrbuch: «Die sinkende Bereitschaft, in den professionellen Informationsjournalismus zu investieren, fördert die Deinstitutionalisierung. Publizistikferne Geschäftssparten werden ausgebaut, aber eine Quersubventionierung des Informationsjournalismus durch diese lukrativen Sparten bleibt aus.» Das sei fatal und auch aus betriebswirtschaftlicher Optik nicht nachvollziehbar. Denn die Unternehmensreputation habe einen nachweislichen Einfluss auf betriebswirtschaftliche Kennwerte, und die Publizistik sei bei Medienhäusern wie NZZ, Tamedia, Ringier, AZ und Somedia der wichtigste positive Reputationstreiber. Nur der Journalismus verschaffe den Medienunternehmen den Ruf als Organisation mit systemrelevanten Dienstleistungen, die langfristig mit einem viel grösseren gesellschaftlichen Rückhalt rechnen können als publizistikfremde Sparten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.10.2017, 13:26 Uhr

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