Die Reitschule als Ort der Auflehnung

Die Berner Reitschule von 1980 bis heute – und was sich in Sachen Gewalt geändert hat.

1987 sorgte die Berner Jugend für einen «heissen» Herbst, als sie die fünf Jahre zuvor geräumte Reithalle erneut besetzte. Foto: Keystone

1987 sorgte die Berner Jugend für einen «heissen» Herbst, als sie die fünf Jahre zuvor geräumte Reithalle erneut besetzte. Foto: Keystone

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Ritual. Wann immer in Bern der Konflikt um die Reitschule wieder an die Oberfläche kommt, fällt nach kurzer Zeit dieser Begriff. Ausschreitungen wie am vergangenen Wochenende: ein Ritual. Die anschliessenden Schuldzuweisungen: ein Ritual. Und die unvermeidliche Debatte im Parlament: ein Ritual.

Im Zusammenhang mit der Reitschule ist der Begriff immer despektierlich gemeint. Medienschaffende benutzen ihn und auch Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP). Vielleicht aber trifft der Begriff die Sache besser, als manche denken. Vielleicht sind die Krawalle um die Reitschule wirklich genau das: ein Zeremoniell, ein immer gleichbleibendes, regelmässiges Vorgehen nach einer festgelegten Ordnung, oder eben: ein Ritual. Ein Ritual, ohne das die Reitschule nach ihrem heutigen Selbstverständnis nicht existieren könnte.

Warnung vor «Schlägertrupps»

Die Ereignisse des letzten Wochenendes sind exemplarisch. Die Polizei markiert am Freitagabend auf der Schützenmatte Präsenz. Plakate warnen die Reitschule-Besucher bald darauf vor «Polizei-Schlägertrupps». 24 Stunden später der grosse Knall: Eine Strassenbarrikade brennt, Vermummte bewerfen Polizisten und Feuerwehrleute vom Dach der Reitschule aus mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern. Elf Polizisten werden verletzt. In den folgenden Tagen geht das Ritual weiter. Der Polizeichef sagt, seine Leute seien «in einen Hinterhalt gelockt» worden. Die Reitschule verurteilt Angriffe auf Feuerwehrleute, nicht aber auf Polizisten. Die Rechte im Stadtparlament fordert die sofortige Schliessung des Hauses, die Linke weist darauf hin, dass die Kulturbetriebe aber nichts dafür könnten.

Der Gemeinderat, der Reitschule wohlgesinnt, verurteilt die Ausschreitungen «aufs Schärfste» und droht Konsequenzen an. Diese fallen diesmal weitreichender aus als sonst: Bis auf weiteres sollen die Betreiber von der Stadt kein Geld mehr erhalten – es geht um mehr als 30'000 Franken pro Monat. Was auf den ersten Blick nach einer harten Strafe aussieht, ist womöglich aber von begrenzter Wirksamkeit. Die Reitschule erhält ihre Subventionen, indem die Stadt auf die Miete für das Gebäude verzichtet. Würde die Stadt das nicht mehr tun, müsste die Reitschule als Mieterin, die nicht bezahlt, irgendwann aus der Liegenschaft geworfen werden. Dieses Szenario dürfte einigen Reitschülern gar nicht so unsympathisch sein, denn in ihrem Selbstverständnis halten sie das Gebäude nach wie vor besetzt.

Um das zu verstehen, muss man zurückblenden: Es war am 20. Juni 1980, als die Gruppierung Kulturguerilla Bern zur ersten «Demo» aufrief. Drei Wochen zuvor hatte der Opernhauskrawall in Zürich das Land aufgeschreckt. Nun bewegte sich die Jugend auch in Bern. Gegen 300 kamen zur ersten Demonstration und lieferten sich einen ersten Kampf mit der Polizei. Ihre Forderung: ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ). Solange sie keines hatten, demonstrierten sie weiter, immer wieder, bis zu 2000 Leute – von einem «heissen Sommer» war später die Rede. In der Stadt lagen bald die Nerven blank. Die Stadtregierung zeigte Dialogbereitschaft, und im Parlament war von einem «berechtigten Anliegen der Jugend» die Rede. Die Demonstrierenden aber liessen sich nicht beruhigen, sodass die SVP berittene Polizei forderte und gar von einem Armee-Einsatz geredet wurde.

Der gebratene Kranich

Im Oktober 1981 bekam die Bewegung erstmals eine legale Heimat: die Reitschule. Anfangs besuchten bis zu 2000 Leute pro Wochenende das AJZ, mehr als 150 engagierten sich in den Arbeitsgruppen. Doch die Euphorie währte nicht lange. Bald fiel das AJZ vor allem durch Chaos und Drogenabhängige auf. Den Rest gab dem hart erkämpften «Freiraum» im April 1982 eine bizarre Episode: Ein Punk stahl im Drogenrausch einen Kranich aus dem Tierpark Dählhölzli und briet ihn vor der Reitschule. Die Stadt schloss das AJZ und liess die Polizei dafür sorgen, dass die Hinausgeworfenen draussen blieben. Im März 1983 gab es die letzte Demonstration, dann war die Berner Bewegung fürs Erste Geschichte.

«Heiss» wurde es wieder im Herbst 1987. Am 24. Oktober besetzten rund 1000 Jugendliche die seit der Räumung 1982 leer stehende Reitschule und forderten erneut ein AJZ. Danach überstürzten sich die Ereignisse, und sie waren eng verknüpft mit einem zweiten Kampfplatz: Zwei Jahre zuvor hatten Teile der bewegten Jugend auf dem Gaswerkareal im Marzili ein Zelt- und Wagendorf errichtet, das «Freie Land Zaffaraya». Nun waren sie angehalten, ihr illegales Lager zu räumen, und die AJZ-Befürworter solidarisierten sich mit den Zaffaraya-Bewohnern.

Am 17. November liess die damals bürgerlich dominierte Stadtregierung das Hüttendorf von 200 Polizeigrenadieren räumen – die Bewohner hatten Barrikaden errichtet und warfen Pflastersteine, die Polizisten schossen Gummischrot und Tränengas. Am Abend zogen etwa 1000 Leute protestierend durch die Stadt. In den folgenden Tagen gingen immer mehr Menschen auf die Strasse, und am 20. November kam es zu einer Grossdemonstration mit etwa 10'000 Teilnehmern. Am selben Tag stellte die Stadtregierung der Interessengemeinschaft Kultur in der Reitschule (Ikur) eine provisorische Nutzung des Gebäudes als AJZ in Aussicht. Am 24. Dezember wurde die Reitschule wieder als AJZ geöffnet.

Die Ikur, ein Verein, ist noch heute die Dachorganisation all jener, die sich in der Reitschule engagieren. Sie tritt der Stadt gegenüber als Vertragspartnerin auf und ist oft gemeint, wenn jemand «die Reitschule» sagt. «Die Reitschule» aber gibt es im Grunde genommen nicht, denn sie besteht aus weitgehend autonomen Arbeitsgruppen. Wichtige Entscheide wiederum kann nur die Vollversammlung treffen, und zwar basisdemokratisch, das heisst, entschieden wird erst, wenn sich alle einig sind.

Akt der Selbstvergewisserung

Das alles macht die Reitschule nicht nur träge, sondern auch schwer zu fassen. Es gibt keinen Chef und keine Hierarchie. Niemand übernimmt für etwas allein die Verantwortung, niemand gibt allein ein Interview, und niemand will einer Gruppe innerhalb der Reitschule bestimmte Attribute zuschreiben. So bleibt auch diesmal unklar, wer die Leute sind, die samstagnachts aufs Dach steigen, um Polizisten und Feuerwehrleute mit Steinen zu bewerfen. «Ihr wisst, wer diese Leute sind, ihr müsstet es nur sagen», tönt es von Polizei und Politik. «Woher sollen wir es wissen, sie waren ja vermummt», antworten die Reitschüler.

An der Haltung der vielen friedlichen Reitschüler zu den wenigen gewaltbereiten zeigt sich das heutige Dilemma: In den 80ern haben die damals Bewegten den «Freiraum» einer bürgerlich dominierten Stadt abgetrotzt. Ziel und Gegner waren klar. Heute aber ist es etwas komplizierter. Seit mehr als 20 Jahren ist Bern rot-grün. Fünfmal haben sich die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger für die Reitschule ausgesprochen. Viele Freiheiten, um die damals hart gekämpft wurde, sind heute selbstverständlich.

Man kann die trotzdem immer wiederkehrenden Krawalle als einen Akt der Selbstvergewisserung lesen. Ein Grüppchen vereinfacht sich die Realität so lange zurecht, bis auch der heutige Gemeinderat und die heutige Polizei ein Feindbild abgeben, gegen das es sich zu kämpfen lohnt. Die grosse Mehrheit sieht das zwar pragmatischer, doch hilft der Krawall auch den Friedlichen, ihr Bild der Reitschule als Ort der Auflehnung aufrechtzuerhalten. Ohne das Ritual wäre die Reitschule nichts anderes mehr als eine Ansammlung erfolgreicher Ausgehlokale. Deshalb suchen auch die nicht militanten Reitschüler die Schuld bei der Polizei und nicht bei denen, die die Steine geworfen haben.

Erstellt: 11.03.2016, 23:24 Uhr

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Ausschreitungen

Verantwortliche erklären sich

Vertreter der Reitschule haben sich an einer Medienkonferenz im Inneren des Kultur­zentrums von der Gewalt gegen Polizisten distanziert. Gleichzeitig kritisierten sie die Medien und machten deutlich, am besten lasse die Polizei das Zentrum in Ruhe. Die Vorfälle von Samstagnacht dürften nicht verharmlost werden, sagten sie. Gefährdungen des Lebens seien «klar abzulehnen». Die Öffentlichkeit müsse aber auch erkennen, wie es zu den Ausschreitungen gekommen sei. Ausgangspunkt sei ein Bericht zur Sicherheitslage der Stadt Bern gewesen. Daraus hätten gewisse Medien ein Sicherheitsproblem der Reitschule «hochstilisiert». (SDA)

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