Die Ostschweiz, das Altersheim der Nation

Seit Jahren leidet die Ostschweiz unter der Abwanderung von jungen Hochqualifizierten. Deshalb wird die Region laut Prognosen des Bundes bis 2045 schneller altern als die übrige Schweiz.

Kantonsflucht: In St. Gallen sind immer weniger junge Leute anzutreffen. Foto: istylephoto (iStock)

Kantonsflucht: In St. Gallen sind immer weniger junge Leute anzutreffen. Foto: istylephoto (iStock)

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Immer kurz bevor die beliebte Bauern- und Ernährungsmesse Olma wieder ihre Tore öffnet, laden die Ostschweizer Regierungsvertreter nach St. Gallen ein. Damit sollen die vier Bundesratsparteien für die Anliegen der Ostschweiz sensibilisiert werden. Letztes Jahr landeten die Ostschweizer einen PR-Coup mit der Forderung, dass ihre Region bei der nächsten Vakanz «zwingend» wieder im Bundesrat vertreten sein müsse. Damit riefen sie auch in Erinnerung, wie wichtig der Ausgleich zwischen Zentrum und Peripherie sowie Arm und Reich sei. Der Coup verkam zum Rohrkrepierer, gewählt wurde bei der aktuellen Vakanz ein Tessiner. Geblieben sind die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die teils immer dramatischer werden, wie eine gestern vorgestellte Studie aufzeigt.

Bevor Vertreter der Bundesratsparteien am Donnerstag offiziell an der Olma eintreffen, informierte die Ostschweizer Regierungskonferenz gestern vorab die Medien über ihr neuestes Anliegen. Präsentiert wurde eine Studie der Hochschule Luzern. Anlass dafür war die von den Kantonen vorgeschlagene Optimierung des nationalen Finanzausgleichs (NFA). Sie soll die ressourcenstarken Kantone auf Kosten der ressourcenschwachen Kantone ein wenig entlasten. Da der Systemwechsel noch von den eidgenössischen Räten und dem Bundesrat verabschiedet werden muss, fürchtet die Ostschweiz – alle sieben Kantone sind Nettoempfänger – eine zu starke Anpassung. So diente die bestellte Studie dazu, die Wichtigkeit des NFA für die Ostschweiz zu unterstreichen, indem die wirtschaftliche Strukturschwäche, aber auch die Sparsamkeit der öffentlichen Hand aufgezeigt wurden.

20- bis 29-Jährige ziehen weg

Da man auch weiss, dass ständiges Jammern schlecht für den Wirtschaftsstandort ist, geriet die Pressekonferenz zu einer Gratwanderung. Der Titel der Medienmitteilung lautete zwar «Ostschweizer Wirtschaft holt auf». Und tatsächlich bescheinigt die Studie der Ostschweiz im Vergleich zur übrigen Schweiz seit 2008 das höchste Wachstum bei der Arbeitsproduktivität. Allerdings ist das wenig überraschend angesichts der Tatsache, dass die Ostschweizer Wirtschaft von Sektoren geprägt ist, die mehrheitlich eine tiefe Arbeitsproduktivität aufweisen. «Schwierig wäre es, wenn wir auf dieser tiefen Basis noch weiter dümpeln würden», sagte der St. Galler CVP-Regierungsrat und Präsident der Ostschweizer Regierungskonferenz, Benedikt Würth.

Infografik: Die Ostschweiz altert überdurchschnittlich Grafik vergrössern

Allein, der Lichtblick höherer Arbeitsproduktivität kann über die schwerwiegenden Probleme der Region nicht hinwegtäuschen. So liegt die Ostschweiz beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf hinter allen anderen Grossregionen. Und die Aussichten, dass sich dies längerfristig ändern wird, stehen schlecht. Laut den Prognosen des Bundesamts für Statistik (BFS) für das Jahr 2045 wird die Ostschweiz stärker altern als im Schweizer Durchschnitt. «Das steht in direktem Zusammenhang mit der negativen Binnenwanderung», so Würth. Kürzlich veröffentlichte das «Tagblatt» eine Statistik, wonach immer mehr St. Galler und St. Gallerinnen ihren Kanton verlassen. Ende 2016 lag der Saldo bei minus 1948 Personen – viermal höher als 2011. Den grössten Anteil bildete die Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen. Beliebtester Zielkanton war Zürich.

Nationaler Zusammenhalt

Die Erkenntnis ist nicht neu. Bereits vor zehn Jahren stellte das BFS fest, dass alle Ostschweizer Kantone an einem Nettoverlust an jungen Hochqualifizierten leiden würden. Warum gelingt es weiterhin nicht, die jungen Talente zu halten? «Das ist tatsächlich brisant, die demografische Entwicklung muss für die Ostschweizer Politik und Wirtschaft ein Weckruf sein», sagt Benedikt Würth. Erstens müsse die Ostschweiz mehr interessante Arbeitsplätze schaffen, zweitens brauche es entsprechende Bildungsangebote. Würth nimmt zudem die Schweiz in die Verantwortung: «Wenn sich unser Land nur auf die grossen Zentren konzentriert, werden wir früher oder später schwierige Diskussionen wie in Deutschland, Frankreich oder Italien haben, wo die regionalen Unterschiede enorm sind.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2017, 22:16 Uhr

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