«Die aktuelle Maturanden-Quote ist angemessen»

Der Bildungsminister will eine härtere Matura. Franz Eberle, Professor für Gymnasialpädagogik, rät davon ab. Er hat eine andere Idee.

Geht es nach Bundesrat Johann Schneider-Ammann, sollen ungenügende Noten in Mathematik und Erstsprache nicht mehr so einfach kompensiert werden können: Eine Mathematik-Lektion an der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur. (7. April 2011)

Geht es nach Bundesrat Johann Schneider-Ammann, sollen ungenügende Noten in Mathematik und Erstsprache nicht mehr so einfach kompensiert werden können: Eine Mathematik-Lektion an der Kantonsschule Rychenberg in Winterthur. (7. April 2011) Bild: Doris Fanconi

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Herr Eberle, Bildungsminister Johann Schneider-Ammann ist nicht zufrieden mit dem Niveau der Maturanden. Zu Recht?
Das Niveau ist grundsätzlich gut. 2008 haben wir in einer Studie jedoch festgestellt, dass bei schwächeren Maturanden in den Bereichen Mathematik und Erstsprache Lücken bestehen, die dringend verbessert werden müssen.

Wie machen sich diese Defizite im Studium bemerkbar?
Es handelt sich dabei um sogenannte basale Kompetenzen für die allgemeine Studierfähigkeit – Kompetenzen also, die für besonders viele Studienfächer wichtig sind. So müssen zum Beispiel auch Psychologiestudenten Algebra beherrschen, um sich während des Studiums statistische Verfahren anzueignen. Oder Studenten der Rechtswissenschaften müssen ein gutes Textverständnis haben, um die Fachliteratur zu verstehen. Zudem werden in jedem Studiengang hohe Kompetenzen in der Sprachproduktion und -bewusstheit vorausgesetzt, um die diversen Seminararbeiten verfassen zu können.

Schneider-Ammann will lieber weniger, dafür gute Maturanden. Muss die Maturitätsquote gesenkt werden, um ein besseres Niveau zu erreichen?
Das halte ich für eine schlechte Idee. Die aktuelle Quote von durchschnittlich 20 Prozent ist angemessen. Wir haben ein fein austariertes Bildungssystem mit einer qualitativ hochwertigen Maturität, einer starken Berufsbildung, der Berufsmatura und guten Quereinsteigermöglichkeiten in höhere Bildungsgänge. Das Problem, dass es in gewissen Studienrichtungen zu viele und in anderen zu wenige Studenten gibt, kann nicht mit einer zentralen Steuerung der Maturitätsquote gelöst werden. Stattdessen muss bei den Schülern das Interesse für diese Bereiche geweckt werden.

Fakt ist aber, dass die Maturitätsquote in den letzten 15 Jahren von 12 auf 20 Prozent gestiegen ist. Und Schneider-Ammann bringt höhere Quoten – zum Beispiel in der Romandie – mit einer höheren Jugendarbeitslosigkeit in Zusammenhang.
Die Quote ist vor etwas mehr als einem Jahrzehnt angestiegen und stagniert seit einigen Jahren auf dem gleichen Niveau. Der Anstieg war auf den Ausbau der Mittelschulen zurückzuführen. Das hat vor allem auf dem Land die Zugänglichkeit zum Gymnasium verbessert. Über eine systematische Wirkung auf die Jugendarbeitslosigkeit ist mir zu wenig bekannt.

Schneider-Ammanns Forderung ist nicht isoliert zu betrachten: Ihm geht es letztlich um die Stärkung der Berufslehre.
Ich sehe keinen Grund, warum sie geschwächt würde. Die immer wiederkehrende These einer zunehmenden Akademisierung wird ja durch die konstante Maturitätsquote widerlegt.

Geht es nach dem Bildungsminister, sollen schlechte Noten in Mathematik und Erstsprache nicht mehr mit guten in Musik oder Sport kompensiert werden dürfen. Ist das sinnvoll?
Nein, der Vorschlag ist nicht sinnvoll. Nur einem Teil des Stoffes in den Fächern Mathe und Deutsch sollte besonderes Gewicht gegeben werden – den basalen fachlichen Kompetenzen. Der restliche Inhalt dieser Fächer, zum Beispiel das Literaturwissen im Deutsch, sollte keine Sonderbehandlung haben, da er nicht in einer Vielzahl von Studiengängen unabdingbar vorausgesetzt wird.

Wie kann das in der Praxis umgesetzt werden?
Wir schlagen didaktische Massnahmen vor, damit die Maturanden die Ziele in den basalen Kompetenzen besser erreichen. So könnten zum Beispiel nach der Hälfte der Gymizeit Lernstandsprüfungen eingeführt werden. Schüler, die zu diesem Zeitpunkt ungenügende basale Kompetenzen in Deutsch und Mathe hätten, würden danach gezielt gefördert.

Das heisst, die Quote bliebe letztlich gleich, die Schüler müssten aber mehr büffeln.
Genau. Damit würden wir nicht selektionieren, sondern fördern. Das bedarf keiner Lehrplanumstellung, sondern setzt dort an, wo die Defizite bestehen: beim einzelnen Schüler.

Die Alternative wäre, dass die Hochschulen Aufnahmeprüfungen einführen würden.
Das wäre schlecht, denn der prüfungsfreie Zugang zu den Universitäten ist ein hohes Gut. Wenn die Maturanden diese Lücken nicht mehr mitbringen würden, wäre ein Hauptproblem gelöst. Darum müssen sie während des Gymis früher und gezielter gefördert werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2016, 14:49 Uhr

Franz Eberle ist Professor für Gymnasialpädagogik und Direktor der Abteilung Lehrerinnen- und Lehrerbildung Maturitätsschulen des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich und Mitglied der Schweizerischen Maturitätskommission. Er hat im Auftrag von Bund und Kantonen die Deutsch- und Mathematikkompetenzen der Maturanden untersucht (Evamar-II-Studie) und für die Erziehungsdirektorenkonferenz die grundlegenden Kompetenzen in Deutsch und Mathematik ermittelt, die Maturanden für ein Studium mitbringen müssen. (Zu den Studien.)

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