Hat die «Arena» wirklich Rechtsdrall?

Die politische Diskussionssendung steht unter Beschuss von links. Unsere Auswertung zeigt, welche Themen, Parteien und Gäste am meisten präsent sind – und was hohe Quoten bringt.

Erfasst sind alle Arena-Sendungen seit November 2014. Die Gäste wurden aufgrund der Angaben auf den SRF-Sendungsseiten erhoben; die Einschaltquoten wurden vom SRF zur Verfügung gestellt.


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Unter Druck stand die «Arena» schon immer. Keine Partei und kein Verband, der nicht seine Themen und Vertreter in die wichtigste politische Diskussionssendung der Schweiz bringen will. Zuletzt kamen aber neue Herausforderungen hinzu: Die SRG steht unter Beschuss von SVP, Gewerbeverband, Verlegern und dem Nobillag-Initiativkomitee, soziale und Online-Medien verhelfen Einzelfällen wie jenem von zwei Schülern, die ihrer Lehrerin den Händedruck verweigern, zu enormer Aufmerksamkeit, und Zuschauer wollen bei der Themenwahl mitreden – eine Facebook-Gruppe fordert eine Sendung zu den Panama Papers.

Letzte Woche nun der schwere Vorwurf der SP: Mehrere Deutschschweizer Exponenten der Partei, darunter die Vizepräsidenten Beat Jans, Barbara Gysi, Cédric Wermuth und Fabian Molina, schrieben TV-Chefredaktor Tristan Brenn und «Arena»-Moderator und -Redaktionsleiter Jonas Projer einen bösen Brief. Seit Monaten würden in der «Arena» praktisch ausschliesslich Themen diskutiert, die auf der SVP-Agenda stünden. Zudem würden Titel wie «Der Notfallplan – müssen wir uns gegen die Flüchtlinge wehren?» mehr an ein Thesenpapier der SVP erinnern. Um die Vorwürfe zu verdeutlichen, publizierte Cédric Wermuth Auswertungen der politischen Ausrichtung der Themen und Fragestellungen der Sendungen.

Flüchtlinge, Islam, EU

Was ist an dem Vorwurf dran, dass die «Arena» einer rechten Agenda zudiene, während Themen wie die Panama Papers und die Unternehmenssteuerreform fehlten? Eine Auswertung der «Arena»-Sendungen zeigt, das in jüngster Zeit tatsächlich oft Themen diskutiert wurden, die von der SVP entweder aufgeworfen, von ihr bewirtschaftet oder zumindest als Reaktion auf die Politik der SVP diskutiert werden: Flüchtlinge, Islam, das Verhältnis zur EU, die Volksrechte. Über die ganze Amtszeit von Projer als Redaktionsleiter seit November 2014 hinweg ist das Themenfeld deutlich breiter. Doch auch insgesamt sind die Migration und die damit verbundenen Themen wie die Beziehungen zur EU und der Umgang mit dem Islam sehr präsent. Dies sind sie allerdings auch allgemein im politischen Diskurs – und die «Arena» sieht ihre Aufgabe gerade darin, die politische Aktualität abzubilden.

Im einzelnen Fall lässt sich ein Sendungsthema kaum sinnvoll einem politischen Lager zuordnen. So entspricht die Diskussion über die Grenzen der Macht des Volkes wohl nicht in erster Linie den Bedürfnissen der SVP – ganz abgesehen davon, dass die FDP eine andere Haltung dazu hat. Zudem werden die schriftlichen Sendungstitel in der Sendung selber nicht verwendet und geben deren Inhalt oft nur teilweise wieder: So drehte sich die Sendung «Brüssel greift an – wird die Schweiz nun entwaffnet?» nicht nur um den autonomen Nachvollzug von Waffenvorschriften, deren Erlass die EU nach den Terroranschlägen kurzzeitig erwog, sondern auch um häusliche Gewalt und Waffenexporte. Entscheidend ist zudem auch der Kontext der Sendungen: Kurz nach der Niederlage der SVP mit der Durchsetzungsinitiative erhält eine Diskussion über die Beziehungen zur EU einen ganz anderen Beigeschmack als kurz nach dem Wahlsieg der gleichen Partei.

Betrachtet man die Einschaltquoten der einzelnen Sendungen, fällt auf, dass einzelne Abstimmungssendungen (zur Durchsetzungsinitiative und zur zweiten Gotthardröhre) sowie eine Sendung zur Frankenstärke beim Publikum am meisten Zuspruch fanden (29,6 und 28,6 Prozent Marktanteil). Oft für hohe Quoten von über 20 Prozent sorgten aber auch die Themen Flüchtlinge, Islam und EU, während Sendungen zu Kinder- und Ausbildungszulagen, nicht mehr antretenden Parlamentariern und die Stipendien-Initiative Werte um die 10 Prozent erzielten. Am schlechtesten schnitt «Kampf auf der Baustelle – Sozialpartnerschaft auf der Kippe» mit gerade mal 7,9 Prozent Marktanteil ab – zur Zeit der Sendung wurden die Anschläge in Paris bekannt.

Zuordnung «schlicht falsch»

Die Kritik der SP weist Redaktionsleiter und Moderator Jonas Projer zurück. Die Redaktion entscheide jede Woche, welches Thema relevant und aktuell sei. Grundsätzlich komme jedes wichtige Thema für die Arena infrage – es sei denn, es werde in derselben Woche im «Club» oder bei «Schawinski» diskutiert. An den Parteien richte man sich aber nicht aus. «Ich mache keine Politik, weder in die eine noch in die andere Richtung», sagt er. Eine Sendung zum Thema Waffenbesitz, in der ein Hausarzt von einer mit dem Sturmgewehr erschossenen Frau erzähle, ernsthaft der SVP-Agenda zuzuordnen, sei schlicht falsch.

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Auch den manchmal geäusserten Vorwurf, zu stark die Quote im Auge zu haben, weist Projer zurück. «Die Antwort auf die Frage, ob wir die Themen mit Blick auf den Marktanteil wählen, ist ganz klar nein», sagt Projer. Sein bestes Argument dagegen: Er selber fällte den Entscheid, jeder Abstimmungsvorlage eine eigene Sendung zu widmen – ohne Rücksicht auf schlechte Quoten. «Wenn ich auf die Quote schielen würde, hätte ich dies bestimmt nicht beschlossen», sagt er.

Wieso aber zuletzt gleich zwei aufeinanderfolgende Sendungen, in denen es um den Islam geht? Projer sagt, die Integration und auch die Ängste, die die Anschläge von Paris und Brüssel auslösten, seien für ihn sehr wichtige Themen. Ausschlaggebend für die zweite Sendung war die Händedruck-Geschichte, die in der ersten Sendung publik wurde – nun sei es darum gegangen, diese breit diskutierte Frage aufzugreifen, aber auch darüber hinauszugehen, so Projer. «Die zweite Sendung war keine Sendung zum Islam mehr, sondern eine Sendung zum Zusammenleben verschiedener Religionen.»

Ausser bei der Themenwahl steht die «Arena»-Redaktion vor allem bei der Auswahl der Gäste unter Beobachtung. Die Auswertung der Sendungen seit November 2014 zeigt, dass rund ein Viertel der Gäste keine gewählten Politiker sind, sondern unter anderem Verbandsvertreter, Wissenschaftler und Schriftsteller. Bei der Auswahl der Parteivertreter orientiert sich die «Arena»-Redaktion seit dem per 17. April 2015 eingeführten neuen Sendekonzept an der Stärke der Parteien in National- und Ständerat – behält sich aber gewisse Abweichungen vor. Früher konnten in einer zweiten Reihe weitere Parteivertreter auftreten.

Nach der Auswertung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet verteilten sich die «Arena»-Auftritte wie folgt auf die Parteien:

Die «Arena» selber berechnet die Vertretung der Parteien in der Arena erst seit der Abschaffung der zweiten Reihe. Sowohl vorher wie nachher seien alle Parteien zu ihren garantierten Auftritten gekommen, betont Projer.

Ebenso erheben lässt sich das Geschlechterverhältnis. Dieses beträgt nach unserer Erhebung rund 2:1 zugunsten der Männer. Projer sagt, die Vertretung der Frauen sei der Redaktion ein grosses Anliegen, verweist aber auch auf den geringen Frauenanteil unter den Parteispitzen. «Auch in dieser Hinsicht ist es nicht unsere Aufgabe, Politik zu betreiben» Zudem erhalte die Redaktion von angefragten Frauen deutlich öfters Absagen als von Männern.

Oft Ja sagt hingegen die grüne Parteipräsidentin Regula Rytz: Sie war mit sieben Auftritten seit November 2014 der häufigste Gast in der «Arena». Dahinter folgt aber eine ganze Reihe von Männern: Adrian Amstutz (SVP) kommt auf sechs, Philipp Müller (FDP), Gerhard Pfister (CVP) und Toni Brunner (SVP) kommen auf je fünf Auftritte.

Und was bringt die Zukunft? Zuschauerfragen sind künftig ein festes Element aller Sendungen ausser den Abstimmungssendungen, abgeschafft wird der Prüfstand, auf dem einzelne Politiker befragt wurden. Zur Facebook-Gruppe, die eine Sendung zu den Panama Leaks fordert, will sich Projer weitere Gedanken machen: «Ich muss mir überlegen, wie wir solche Inputs sammeln und einfliessen lassen können». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.04.2016, 15:11 Uhr)

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