Papi-Zeit wird viermal teurer als erwartet

1,1 Milliarden statt 224 Millionen: Die wahren Kosten des Vaterschaftsurlaubs werden laut Seco deutlich höher ausfallen.

Ersatzlösungen und Überstunden verteuern gemäss dem Seco den Vaterschaftsurlaub. Foto: Keystone/Gaetan Bally

Ersatzlösungen und Überstunden verteuern gemäss dem Seco den Vaterschaftsurlaub. Foto: Keystone/Gaetan Bally

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Gehört ein staatlich finanzierter Vaterschaftsurlaub zu moderner Familienpolitik, oder ist er unnötiger Luxus? Darüber wird seit der Einreichung der Vaterschaftsurlaubsinitiative gestritten. Diese fordert eine bezahlte Auszeit von vier Wochen. Die Kosten von 420 Millionen Franken jährlich sind nach Ansicht des Bundesrats und der ständerätlichen Sozialkommission jedoch zu hoch. Letztere schlägt einen indirekten Gegenvorschlag mit zwei Wochen Urlaub vor. Nach Schätzungen des Bundesamts für Sozialversicherungen würden dafür rund 224 Millionen Franken jährlich benötigt.

Die wahren Kosten seien jedoch viel höher, heisst es nun aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Mit bis zu 1,1 Milliarden Franken sollen die zwei Wochen Urlaub demnach zu Buche schlagen. Das Seco weist bei dieser Schätzung auf die indirekten Kosten hin, die der Wirtschaft entstehen, wenn Väter am Arbeitsplatz fehlen.

Gewerbe lehnt Urlaub ab

Dazu gehörten zum Beispiel der Organisationsaufwand, die Kosten für eine Ersatzlösung und für Überstunden anderer Mitarbeiter, erklärt Pascal Muller, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Seco. Muller ist Sekretär des KMU-Forums, einer unabhängigen Kommission, die den Bundesrat mit dem Ziel einer gewerbefreundlichen Politik berät. Das Präsidium teilen sich Seco-Botschafter Eric Jakob und Gewerbeverbandspräsident und SVP-Nationalrat Jean-François Rime.

Das Forum lehnt einen staatlich geregelten Vaterschaftsurlaub ab, weil es die Kosten als zu hoch erachtet. Die Gewerbekommission empfiehlt Branchenlösungen in den Gesamtarbeitsverträgen. Diese würden den Bedürfnissen der Unternehmen besser Rechnung tragen. Die Flexibilität gehe bei einer einheitlichen Regelung verloren.

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Diese Haltung hat das Forum der Kommission im März in einem Brief mitgeteilt. Die indirekten Kosten hat es darin fett hervorgehoben. Diese Zahlen wurden jedoch in der ständerätlichen Sozialkommission nicht eingehend und in der Öffentlichkeit gar nicht diskutiert. Den Sozialpolitikern habe der Brief vorgelegen, sie hätten aber usanzgemäss nicht alle Vernehmlassungsantworten im Detail beraten, sagt Kommissionspräsident Joachim Eder (FDP). Auch die Stellungnahme des Bundesrats erwähnt die Zahlen nicht. Federführend ist das Departement von Alain Berset (SP), der vergeblich versucht hatte, den Bundesrat von einem Gegenvorschlag zu überzeugen. Das Seco hingegen gehört zum Departement von Guy Parmelin (SVP), einem Gegner des Vaterschaftsurlaubs.

Ein Nachteil für KMU?

Es stützt sich bei der Schätzung der indirekten Kosten auf eine Studie zu den Abwesenheiten von Eltern pflegebedürftiger Kinder. Der Bundesrat plant für sie einen Betreuungsurlaub. Das Beratungsbüro B.S.S. hat dessen Kostenfolgen geschätzt – im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit, das unter Bersets Führung steht. Die vor einem Jahr veröffentlichte Studie beruft sich auf Fachliteratur, wonach die indirekten Kosten von Abwesenheiten jeweils das Doppelte bis Vierfache der direkten Kosten betragen würden. Die direkten Kosten des Vaterschaftsurlaubs von 224 Millionen Franken beziffern den Betrag, der aus der Erwerbsersatzversicherung an Väter fliessen würde, analog der Mutterschaftsversicherung. Dafür wäre eine Erhöhung der Lohnbeiträge um 0,06 Prozent nötig, was je hälftig von Arbeitnehmern und -gebern zu zahlen wäre. Auf einen Monatslohn von 5000 Franken entfielen demnach für Angestellte zusätzliche Abgaben von rund 1.50 Franken. Höher würden die indirekten Kosten ausfallen. Gemäss Studie wären es total 672 bis 1,12 Milliarden Franken.

Als wenig stichhaltig beurteilt SP-Nationalrat Adrian Wüthrich, Präsident des Vereins «Vaterschaftsurlaub jetzt», die Seco-Zahlen. «Mit den indirekten Kosten argumentieren dieselben Kreise, die sagen, Väter könnten Ferien nehmen und selber für einen Urlaub sorgen. Da würden genau die gleichen indirekten Kosten entstehen», sagt Wüthrich.

Die Wirtschaft werde ohnehin laufend entlastet, weil Armeeangehörige weniger Diensttage leisten müssen. Für das Gewerbe sei ein staatlich verordneter Vaterschaftsurlaub sogar eine Entlastung, sagt er. «Viele Grossunternehmen bieten heute einen Urlaub und damit attraktive Arbeitsbedingungen, die Gewerbebetriebe nicht selbst finanzieren können.» KMU seien darum beim Buhlen um junge Talente benachteiligt.

Schwierig für kleine Firmen

Als realistisch bezeichnet hingegen FDP-Ständerat Josef Dittli die Seco-Schätzungen. «Je kleiner ein Unternehmen ist, desto schwieriger ist es, die Kosten einer Abwesenheit zu kompensieren», sagt der Urner. Dittli lehnt die Initiative ebenso ab wie den Gegenvorschlag. Indem zwei Wochen fix dem Vater zugeteilt würden, werde ein altes Rollenmodell zementiert. Der Urlaub verbessere zudem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nur geringfügig. «Dazu braucht es längerfristige Massnahmen wie einen kostendeckenden Steuerabzug für Fremdbetreuungskosten und eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten», sagt Dittli.

Trotz der Bedenken dürfte der Gegenvorschlag im Ständerat eine Mehrheit finden, schätzt Wüthrich. Zum Zug kommt er nur, falls die Initiative zurückgezogen oder an der Urne abgelehnt wird. Ersteres wird gemäss Wüthrich nicht eintreffen. Damit kommt die Initiative wohl nächstes Jahr an die Urne.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.06.2019, 21:58 Uhr

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