Reportage

«Parteipräsident sein macht mehr Spass als Bundesrat»

Noch zehn Tage bis zur Wahl – Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat SP-Präsident Christian Levrat einen Abend lang im Wahlkampf begleitet.

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22.45 Uhr: Christian Levrat scheint kein bisschen müde zu sein. Er springt für ein letztes Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Videointerview rasch aus dem Restaurant. Ans Heimgehen denkt er nicht, nachher wird er sich unter die Leute mischen, die sich auf der Bühne versammelt haben. Es sei ein guter Tag gewesen, sagt er, die Nomination seines Weggefährten Alain Berset ist wichtig für ihn, die SP und Freiburg. Eigene Bundesratsambitionen habe er begraben, als er vor drei Jahren das Amt des Parteipräsidenten angenommen habe. «Deshalb habe ich damals auch lange mit mir gerungen. Aber ich bereue den Entscheid nicht, Parteipräsident macht mehr Spass, da kann man seine Meinung sagen.» Die Frage, was er im Fall einer Wahlniederlage machen werde, beantwortet Levrat nicht. «Wir werden nicht verlieren.»

22.15 Uhr: Die Veranstaltung ist zu Ende, Mick Jagger ertönt, Blumen werden verteilt, es gibt einen Apéro. Berset reagiert ungeduldig auf die Frage, ob Christian Levrat und er die wichtigen Ämter in der Partei untereinander aufgeteilt hätten. Er hört die Frage immer wieder, und die Journalisten glaubten oft, es sei alles inszeniert. «Es ist alles viel einfacher.»

22 Uhr: Das ist der Unterschied zwischen einem Parteipräsidenten und einem Bundesratskandidaten: Alain Berset spricht leise, bedächtig, staatsmännisch. Auch er nennt Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit. Spricht aber auch von den schwierigen Jahren, die bevorstünden mit der offenen Energiefrage, der schwierigen Situation in der Schweiz. Berset erhält Standing Ovations, als er nach fünf Minuten seine Ansprache schliesst.

21 Uhr: Alain Berset wird nominiert: «Gibt es weitere Interessierte für eine Bundesratskandidatur?», fragt David Bonny, Präsident der Kantonalpartei. Die Antwort ist Gelächter. «Das scheint nicht der Fall zu sein», fährt er fort. Verschiedene Redner preisen die Vorzüge des 39-jährigen Berset, unter anderem SP-Nationalrat Jean-François Steiert: «Alain kann mittlerweile sogar Schweizerdeutsch. Wobei ich nicht weiss, ob er die Fragen jeweils wirklich versteht oder nur ein guter Schauspieler ist.»

20.30 Uhr: Christian Levrat spricht am Mikrofon so laut, dass sich seine Stimme fast überschlägt. Er spricht von Fortschritt, Gerechtigkeit, Gleichheit. Vom Reichtum in der Schweiz, von der Zürcher Bahnhofstrasse, und wie ihn das motiviere, für Ausgleich zu kämpfen. Tosender Applaus, zufriedene Gesichter.

20 Uhr: Der Saal in der Auberge d’Ange in Attalens ist schon zum Bersten voll, als Bundesratskandidat Alain Berset ankommt, der Star des Abends. Seine Nomination durch die kantonale Partei sei wichtig für die Mobilisierung an den kantonalen Wahlen in drei Wochen, sagt Levrat. Schon länger anwesend ist dessen Mutter Solange Berset, selber aktive SP-Politikerin im Freiburger Kantonsparlament, das sie vergangenes Jahr präsidiert hat und ehemalige Gemeindepräsidentin von Belfaux. Zuvor hat sie den SP-Messestand betreut, jetzt sitzt sie im Saal. Solange Berset gibt sich offen und hilfsbereit, aber sie gibt keine Interviews. «Es sind zu viele Anfragen, wenn ich einmal Ja sage, muss ich nachher immer. Désolée.»

18.50 Uhr: Wir fragen Levrat nach Highlight und Tiefpunkt im Wahlkampf. Highlight war ein Bräteln auf dem Schwyzer Dorfplatz, der Kontakt mit der Bevölkerung, das sei toll gewesen. Der Moment der grössten Frustration? «Wahrscheinlich die Online-Berichte», sagt Levrat und lacht schallend. Nicht die kritischen Berichte über die SP nerven ihn, sondern , dass die Medien auf jede Regung der SVP reagieren würden.

«So, wir müssen», sagt Levrat und kauft sich beim Rausgehen noch rasch ein Sandwich, das er im Auto isst. Es geht 50 Kilometer südwärts nach Attalens an die ausserordentliche Versammlung der SP Fribourg.

18.10 Uhr: Hier will Levrat Wähler gewinnen? Tatsächlich, und nicht nur das: «Neumitglieder», sagt er stolz , nachdem er zwei junge Männer am SP-Stand verabschiedet hat. Zwei Käser aus dem Kanton Freiburg. «Hier in Freiburg sind die Käser noch bei uns», sagt Levrat. Später bei einem Bier spricht er über die Unterschiede zwischen der Deutsch- und Westschweizer Sozialdemokratie: «In der Romandie ist die SP noch mehr eine Volkspartei, das werden sie nachher in Attalens sehen.» Er sagt auch, warum er keinen Aufruf zur Teilnahme an der heutigen Demonstration auf dem Paradeplatz in Zürich gemacht habe: «Man hätte vielleicht Wähler mobilisieren können, es könnte aber auch in die Hose gehen, bei Ausschreitungen beispielsweise.»

17.30 Uhr:« Jetzt bin ich zuhause», sagt Christian Levrat strahlend, als er nach Wahlkampf-Aktionen in der Deutschschweiz nach Freiburg zurückkehrt. Freuen sich auch die Freiburger über die Anwesenheit des national bekannten Politikers? Eine erste Umfrage zeigt vor allem das breit verankerte politische Desinteresse. Die meisten der angefragten Messebesucher haben mit Politik nichts am Hut, kennen keinen Levrat und wollen sich erst recht nicht über die SP äussern. Diejenigen, die es doch tun, loben Levrat als einen, der etwas in Bewegung bringt, und trotzdem ausgleichend agiere.

17 Uhr: Christian Levrat trifft auf dem Messegelände in Freiburg ein. Morgens hat er an einem Bahnhof Gipfeli verteilt, dann in Bern zum 10-Tage-Endspurt aufgerufen, jetzt wirde er ein paar Stunden am SP-Stand im «Forum Fribourg» Hände schütteln. Es gehe um viel heute für die SP Freiburg, sagt Levrat: Die Parteiversammlung am Abend in Attalens sei vor allem eine Mobilisierungsveranstaltung für die kantonalen Wahlen in drei Wochen. Die Kandidatur von Alain Berset wird die Wähler mobilisieren.

Der Wahlkampf geht in die Zielgerade, die Parteipräsidenten eilen von Termin zu Termin. Auch SP-Präsident Christian Levrat. Tagesanzeiger.ch/Newsnet begleitet ihn heute einen Abend lang im Wahlkampf. Nachdem Levrat heute Morgen in Bern mit der SP Schweiz nochmals potenzielle Wähler mobilisiert hat, treffen wir ihn am Nachmittag an der Messe Forum Fribourg, wo die SP mit einem Stand präsent ist. Später reisen wir mit Levrat in die Genferseeregion, nach Attalens bei Châtel-St-Denis. Dort trifft sich die SP Freiburg zum ausserordentlichen Parteitag, der Freiburger Ständerat Alain Berset soll zuhanden der Mutterpartei als Bundesratskandidat vorgeschlagen werden.

Als «Land der Schwergewichte» («Tages-Anzeiger») oder «Kanton der Titanen» («Aargauer Zeitung») wurde Freiburg jüngst in den Medien beschrieben. Dies wegen der ungewöhnlichen Anhäufung einflussreicher Freiburger Politiker auf dem eidgenössischen Parkett. Neben Levrat spielen auch CVP-Fraktionschef Urs Schwaller, SVP-Bundesratskandidat Jean-Francois Rime sowie SP-Ständerat und designierter Bundesratskandidat Alain Berset in der Berner Politik eine wichtige Rolle.

Wie erlebt Christian Levrat den Wahlkampf, seinen ersten als SP-Präsident? Was treibt ihn an, wie hält er durch, was sind seine persönlichen Ziele? Und wie erholt er sich nach dem Wahltag von den Strapazen? Wir fragen ihn.

Erstellt: 13.10.2011, 17:00 Uhr

Endspurt im Wahlkampf

Tagesanzeiger.ch/Newsnet begleitet die Parteipräsidenten auf ihrem Wahlkampf. Heute Christian Levrat (SP) im Kanton Freiburg, nächste Woche Fulvio Pelli (FDP) im Kanton Tessin.

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