Pendlergraben und ein Killerargument

Mobility-Pricing: Wie gut kommt das bei unseren Lesern an? 3900 Personen haben ihre Meinung kundgetan. Die deutlichen Resultate.

Viele würden auch höhere Preise zu Stosszeiten in Kauf nehmen: Reisende beim Zürcher Bahnhof Stadelhofen. Bild: Urs Jaudas.

Viele würden auch höhere Preise zu Stosszeiten in Kauf nehmen: Reisende beim Zürcher Bahnhof Stadelhofen. Bild: Urs Jaudas.

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Gut möglich, dass wir in einiger Zeit darüber abstimmen werden, ob das Reisen mit Auto und Zug zu den Stosszeiten teurer werden soll. Darauf zumindest arbeitet der Bundesrat hin: Er will die verbrauchsbezogene Bepreisung von Strassen- und Schienenverkehr – das sogenannte Mobility-Pricing – vorantreiben und plant mit den Kantonen Pilotprojekte.

In einer nicht repräsentativen Umfrage haben wir unseren Lesern die Frage gestellt, was sie davon hielten, dass sie mehr bezahlen sollten, wenn sie in der Rushhour mit Zug oder Auto unterwegs seien. Das Ergebnis ist deutlich: 65 Prozent der Befragten lehnen dieses Modell ab. Nur 27 Prozent äussern sich positiv dazu, 8 Prozent sind unentschlossen. Rund 3900 Personen haben an unserer Umfrage teilgenommen.

Die Ja-Argumente sind vielfältig:

Viele Umfrageteilnehmer begründen ihre Zustimmung mit der Hoffnung, dass dadurch das Pendeln unattraktiver wird beziehungsweise weniger Leute weit entfernt von ihrem Arbeitsort wohnen. «Wer den ‹Föifer und s' Weggli› haben will, soll dafür bezahlen», schreibt ein Teilnehmer.

Ein gewichtiges Nein-Argument

Dagegen zeichnet sich bei den Gründen gegen Mobility-Pricing ein wahres Killerargument ab: Die Gegner fürchten, dass Pendler oder andere Vielfahrer unverhältnismässig benachteiligt werden. Bedenken um den Datenschutz oder dass dadurch das GA wertlos werde, sind hingegen schwach ausgeprägt.

In den Kommentaren bezweifeln viele Umfrageteilnehmer, dass die Arbeitszeit tatsächlich flexibilisiert würde, beziehungsweise geben an, dass sie an ihrem jetzigen Arbeitsplatz fixe Arbeitszeiten zu befolgen hätten.

Wenig überraschend stellen sich diejenigen eher gegen das Mobility-Pricing, die besonders davon betroffen sind. Etwa Leute mit langen Arbeitswegen: Von den Befragten mit mehr als eineinhalb Stunden Arbeitsweg lehnen 78 Prozent Mobility-Pricing ab, nur 17 Prozent sind dafür. Diejenigen mit einem kurzen Arbeitsweg (bis 30 Minuten) sind nur zu 55 Prozent dagegen, während 37 Prozent die Pläne des Bundesrates für angebracht halten.

Es tut sich zudem ein «Pendlergraben» auf: 70 Prozent aller Umfrageteilnehmer, die pendeln, wollen kein Mobility-Pricing. Wer nicht pendelt, kann dem Anliegen deutlich mehr abgewinnen.

Dieser Pendlergraben könnte sich bei einer Abstimmung möglicherweise zu einem Stadt-Land-Graben ausweiten, gaben doch von den Nichtpendlern 62 Prozent an, dass sie in der Stadt wohnen (und in derselben arbeiten). Die Pendler gaben am häufigsten (50 Prozent) an, auf dem Land oder in der Agglomeration zu leben und in der Stadt zu arbeiten. Weitere knapp 20 Prozent der Pendler sind ebenfalls Städter, die in einer anderen Stadt arbeiten, als sie wohnen.

Überraschende subjektive Wahrnehmung

Bemerkenswert ist, dass viele der Befragten gar keinen Handlungsbedarf erkennen. 56 Prozent geben zwar an, dass Staus und volle Züge ärgerlich seien, aber dass man sich damit zu arrangieren habe.

Die Pendler unter den Umfrageteilnehmern nehmen die Verkehrsprobleme übrigens weniger häufig als so störend wahr, dass die Politik eingreifen sollte – obwohl sie in ihrem Pendleralltag wahrscheinlich stärker davon betroffen sind als die Nichtpendler.

Die Absicht des Bundesrates ist es, mit der neuen Preisgestaltung Verkehrsspitzen zu brechen und die Strecken gleichmässiger auszulasten. Mit anderen Worten sollten Zug- und Autofahrer durch höhere Preise dazu gebracht werden, ihre Verkehrsgewohnheiten zu ändern und zu anderen Zeiten zu fahren. Würde dies gelingen? Überraschend viele Umfrageteilnehmer (61 Prozent) gaben an, sie würden – freiwillig oder gezwungenermassen – die höheren Preise in Kauf nehmen für ihren Arbeitsweg oder andere berufliche Reisen.

Sehen Sie hier die Resultate der gesamten Umfrage

* An der Umfrage haben rund 3900 Personen teilgenommen. Sie war in der vergangenen Woche online für die Leser von «Tages-Anzeiger», «Bund» und «Basler Zeitung» zugänglich.

Erstellt: 12.07.2016, 08:59 Uhr

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