Per Rollband in den Zug

Der öffentliche Verkehr muss sich auf die steigende Zahl älterer Menschen einstellen. Geprüft werden längere Umsteigezeiten und bessere Orientierungshilfen in Bahnhöfen.

Die Zahl der über 65-jährigen ÖV-Kunden wird bis ins Jahr 2030 auf etwa 714'000 Personen anwachsen. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

Die Zahl der über 65-jährigen ÖV-Kunden wird bis ins Jahr 2030 auf etwa 714'000 Personen anwachsen. Foto: Martin Rütschi (Keystone)

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Die Alterung der Bevölkerung ist nicht nur für die Rentenversicherungen eine grosse Herausforderung, sondern auch für das Verkehrssystem der Schweiz. Denn in Zukunft werden Bahn, Bus und Tram von immer mehr Menschen benutzt, die nicht mehr so fit sind. Erstmals liegt nun eine Studie vor, in der die konkreten Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf den öffentlichen Verkehr (ÖV) untersucht werden.

Die Zahl der über 65-jährigen ÖV-Kunden wird demnach von 436'000 (2013) auf 714'000 Personen im Jahr 2030 anwachsen. Das entspricht einer Zunahme um 64 Prozent. Da sich ältere Passagiere weniger schnell durch Bahnhöfe bewegen, müssen beispielsweise die Umsteigezeiten angepasst werden. Verschärft wird das Problem noch dadurch, dass die Passagierzahlen in allen Alterskategorien weiteransteigen werden. Dadurch nehme «die gegenseitige Beeinträchtigung» in den Publikumsanlagen zu, heisst es in der vom Bundesamt für Verkehr (BAV) in Auftrag gegebenen Studie. Vom zunehmenden Gedränge seien Ältere besonders stark betroffen, weil sie in grossen Menschenmassen mehr Mühe hätten, sich zu bewegen, und weniger agil auf Störeinflüsse reagierten. «Mit der Zunahme des Verkehrsvolumens nehmen Umsteigezeiten für die oberen ­Altersklassen überproportional zu», schreiben die Autoren.

Reisende 30 Prozent langsamer

Für die Studie wurden die Gehgeschwindigkeiten und Umsteigesituationen in Bahnhöfen durchgespielt. Dabei kamen die Forscher zum Schluss, dass die Passagierströme künftig um bis zu 30 Prozent langsamer werden. Für die langsamsten ÖV-Benutzer müssten demnach die Umsteigezeiten um 30 bis 40 Prozent verlängert werden. Passagiere mittleren Alters (18 bis 44 Jahre) haben die kürzesten Umsteigezeiten. Minderjährige und Rentner sind deutlich langsamer. Allerdings hätte die «vollständige Entschleunigung» gravierende Folgen für das Gesamtverkehrssystem. Mit der Verlängerung der Umsteige- und Haltezeiten um 30 bis 40 Prozent würde das ÖV- System aus dem Gleichgewicht geraten. Das Knotensystem mit optimalen Anschlüssen wäre gefährdet. Ein grosser Teil der Fahrgäste müsste durch eine generelle Entschleunigung mit längeren Reisezeiten rechnen. S-Bahnen und Busse müssten mehr Rollmaterial einsetzen. Insgesamt wäre laut Studie mit hohen Betriebs- und Infrastrukturkosten zu rechnen.

Um viel längere Umsteige- und Haltezeiten zu vermeiden, listet die Studie eine Reihe anderer Massnahmen auf, um älteren Passagieren entgegenzukommen:

  • Die günstigste Variante wäre, wenn ältere Passagiere einfach längere Reisezeiten in Kauf nähmen, indem sie beim Umsteigen den späteren Zug nehmen.
  • Fahrgäste sollen sich künftig vor der Reise im Internet über Umsteigewege informieren können. In mittleren und grösseren Bahnhöfen könnte eine Navigation mit Smartphone den Umsteigevorgang begleiten und Personal zur Passagierlenkung eingesetzt werden.
  • Die Reizüberflutung in Bahnhöfen soll auf das Wesentliche beschränkt ­werden, sodass der Umsteigevorgang im Fokus steht. Verteilaktionen wären in Stosszeiten nicht mehr zu erlaubt.
  • Umsteigezeiten könnten ausserhalb der Stosszeiten verlängert werden. Ältere und Gehbehinderte hätten dann einen Anreiz, auf diese Zeiten auszuweichen.
  • Fussgänger im Bahnhof sollen sich an den Rechtsverkehr halten. Schnelle Umsteiger erhielten einen am Boden markierten Überholbereich. Lange Distanzen könnten durch Rollbänder überbrückt werden.
  • Nach Tageszeiten differenzierte Billettpreise könnten ältere Fahrgäste dazu bringen, ausserhalb der Stosszeiten zu reisen.
  • Eine teurere Massnahme wäre die Verdichtung des Angebots. Wenn mehr Züge fahren, bestehen mehr Möglichkeiten für die schnellen und für die langsamen Umsteiger. Allerdings ist eine Verdichtung nur in Gebieten mit hoher Nachfrage finanzierbar.

Daneben listet die Studie weitere Massnahmen auf, mit denen auf ein höheres Passagieraufkommen reagiert wird. So könnten Eingangsbereiche in Zügen breiter werden, damit stehende Passagiere und Kinderwagen den Personenfluss nicht behindern. Damit stellen sich älteren Passagieren weniger Hindernisse in den Weg. Weiter könnten ­separate Türen zum Ein- und zum Aussteigen bestimmt werden. Die heutigen Sektorangaben könnten deutlich verfeinert werden, indem Türpositionen am Boden markiert würden.

Das Bundesamt für Verkehr und die Verkehrsunternehmen wollen nun aufgrund der Studie prüfen, mit welchen Massnahmen sie auf die steigende Zahl älterer Passagiere reagieren.


Reisende erhalten mehr Umsteigezeit

Der öffentliche Verkehr ist auf Effizienz getrimmt. Zugleich werden die Passagiere im Durchschnitt immer älter. Daraus erwächst ein Zielkonflikt: Beschleunigung versus Entschleunigung. Zu diesem Schluss kommt nicht nur eine neue Studie des Bundesamts für Verkehr. ­«Ältere Menschen werden zunehmend Mühe haben, an Knotenpunkten ihre Anschlüsse zu erwischen», sagt Markus Hegglin, Leiter Region Zürich bei Postauto Schweiz. Bereits heute seien viele Umsteigezeiten an Bahnhöfen im Kanton Zürich zu knapp bemessen.

Postauto Schweiz reagiert nun: Mit dem Fahrplanwechsel Ende Jahr werden die Umsteigezeiten und Fahrzeiten teilweise deutlich verlängert, sodass jedes Postauto künftig mindestens fünf Minuten auf einen verspäteten Zug warten kann, «ohne dass ein Folgeproblem entsteht». Um das Angebot qualitativ gleich hoch zu halten wie heute, braucht es laut Hegglin künftig mehr Fahrzeuge. Dies sei mit Mehrkosten verbunden. Allein im Zürich Unterland seien dies rund 3 Millionen Franken pro Jahr. Auch andere Transportunternehmen arbeiten an Verbesserungen. Bernmobil etwa prüft Anpassungen bei den Anschlüssen auf die letzten Zugverbindungen ab Bern. Der wachsende Anteil älterer Passagiere, so ein Sprecher, sei allerdings «kein akutes Thema», weil ein verpasster Anschluss in der Stadt Bern aufgrund des dichten Fahrplans keine grösseren Probleme nach sich ziehe. Auf diese Feststellung legen auch alle anderen befragten Transportunternehmen wert. Treiber der Neuerungen seien vielmehr das Wachstum der Passagierzahlen, Bahnhofsgrössen und Zuglängen.

Der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) reagiert skeptisch auf die BAV-Studie. «Uns ist kein Fall bekannt, bei dem ein älterer Passagier stehen gelassen worden wäre», sagt Sprecher Stefan Kaufmann. Der ZVV sehe deshalb «keinen grossen Handlungsbedarf». Davon abgesehen, so Kaufmann, seien die Fahrzeiten namentlich im S-Bahn-Netz ausgereizt, die Haltezeiten im Sekundenbereich getaktet. Da bestehe kaum mehr Spielraum für weitere Anpassungen.» «Ansonsten gehe dies zulasten der Qualität des Angebots.» Gleichwohl überprüft der ZVV zusammen mit den SBB bis 2018 alle Linien. Auslöser ist auch beim ZVV das wachsende Gedränge während der Hauptverkehrszeiten. Als die S-Bahn 1989 in Betrieb ging, passierten rund 159'000 Personen die Zürcher Stadtgrenze, heute sind es 446'000 und damit fast dreimal mehr. Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember sollen die ersten Linien verlangsamt und damit pünktlicher werden, etwa die S5 und S6, um ein bis zwei Minuten während der Fahrt von der Endstation bis Zürich.

Auch die SBB erwägen Umstellungen. Für Pendler seien die Umsteigezeiten in aller Regel kein Problem, sagt Sprecherin Lea Meyer. «Doch Freizeit- und Gelegenheitsreisende in höherem Alter haben einen anderen Zeitbedarf.» Ansetzen wollen die SBB bei den seit Jahrzehnten einheitlichen Umsteigezeiten; im Zürcher Hauptbahnhof sind es 7 Minuten, in Bern 6, in Olten 5. «Wir wollen die Anschlusszeit pro Verbindung und nicht pro Bahnhof festlegen», sagt Meyer. Dabei wollen die SBB künftig zusätzliche Komponenten berücksichtigen – etwa die Wege von Zug zu Zug oder den Personenfluss. Noch unklar ist, ob sich die Fahrzeiten dadurch verlängern. Auch die laufende Umsetzung des ­Behindertengleichstellungsgesetzes erleichtert das Reisen. Die Hälfte der knapp 800?SBB-Bahnhöfe ist laut Sprecherin Meyer behindertengerecht, verfügt also über eine Rampe oder Lifte und erhöhte Perrons. Davon profitieren nicht nur, aber eben auch ältere Menschen. Stefan Häne

Erstellt: 10.07.2015, 21:11 Uhr

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