Pfadi für Flüchtlingskinder

Die Jugendorganisation «Pfasyl» organisiert Anlässe für Flüchtlingskinder in Luzern. Eine Bereicherung für Kinder und Pfader.

Mit den Kleinsten wird gemalt, die grossen Buben brauchen dagegen viel Sport. Foto: Emma-Lou Herrmann

Mit den Kleinsten wird gemalt, die grossen Buben brauchen dagegen viel Sport. Foto: Emma-Lou Herrmann

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Im Kanton Luzern stossen neue Asylunterkünfte nicht immer auf ungeteilte Begeisterung. Als den Ruswilern dieses Jahr eröffnet wurde, dass bald 100 Männer aus Afghanistan, Syrien und dem Irak temporär in die unterirdische Zivilschutzanlage einziehen würden, gingen die Wogen hoch. Man warf dem Gemeindepräsidenten «Willkommenskultur» vor. «Mir reicht es mit dem Migrationsanteil. Irgendwann gibt es hier einen Chlapf», zitierte die «Luzerner Zeitung» einen der über 600 Anwesenden an der Gemeindeversammlung.

Vielleicht lag es am Umstand, dass die Erinnerungen an die Ereignisse von Köln noch frisch waren. Oder daran, dass man in der grössten Luzerner Bauerngemeinde so viele Fremde einfach nicht gewohnt ist. Jedenfalls geht es auch anders: Die Bewohner des Asylzentrums Hirschpark in der Stadt Luzern erleben nämlich gerade, was wahre Willkommenskultur heisst. Es handelt sich mit rund 200 Plätzen um eines der grössten kantonalen Asylunterkünfte und befindet sich im leer stehenden Gebäude der Alterspsychiatrie vis-à-vis dem St.-Karli-Schulhaus. Probleme gibt es offenbar keine, das stellten die Luzerner Regierung, der Stadtluzerner Sozialdirektor und der Quartierpolizist bei einer Zwischenbilanz fest. Von einer einzigen Reklamation aus der Bevölkerung war die Rede.

Mit ein Grund dafür dürfte das Engagement einiger junger Leute sein. Die 21-jährige Rosa-Lynn Rihs und acht weitere Personen, alles aktive oder ehemalige Pfader, haben im Frühling den Verein «Pfasyl» gegründet, eine Pfadi für Flüchtlingskinder. Ihr Kernanliegen: Kindern den Kontakt zu jungen Menschen im Gastland zu ermöglichen. So sollen sie die schweizerische Kultur und Sprache kennen lernen.

Die Vereinsleiter und ein Helferpool von 20 bis 25 Gleichgesinnten verbringen jeden zweiten Sonntag mit den Kindern und Jugendlichen aus dem Durchgangszentrum. Diese sind zwischen 2 und 14 Jahre alt und stammen hauptsächlich aus Syrien, dem Irak und Afghanistan, aber auch aus Eritrea und Somalia. Das Interesse sei hoch, sagen die Veranstalter. Manchmal seien es 15 Kinder, die mitmachen, ein andermal 30.

Zu Beginn und zur Auflockerung wird meistens ein sogenannter Hallo-Kreis gebildet, wo sich alle gegenseitig begrüssen. «Mit den Kleinsten malen wir, die grossen Buben mit ihrem enormen Bewegungsdrang brauchen viel Sport», sagt Rihs, die vor kurzem die Matura ­gemacht hat. «Alle haben mega Freude.» Anfang November führte «Pfasyl» einen Anlass nach dem Motto Asterix und Obelix durch. Mit Sackhüpfen, Hinkelstein, Lavaboden, Gewürzmemory und Steine­schleudern. «Die Umsetzung war schwieriger als gedacht. Doch trotzdem hatten wir einen Supernachmittag», erzählt Rosa-Lynn Rihs. Gestern Sonntag kam der Samichlaus zu Besuch.

Offene Türen in Luzern

Eine grosse Herausforderung ist die Verständigung. Mit den Kindern, die schon länger in der Schweiz sind, sprechen die Pfader Hochdeutsch, sie übersetzen dann für die anderen ins Arabische. «Schwierig sind auch die exotischen Vornamen, es ist unmöglich, sich alle zu merken», so Rihs.

In Ruswil richtete der Kanton Sperrzonen für Asylsuchende ein. Das mag auch damit zu tun haben, dass dort keine Familien untergebracht sind. Kinder verändern das Klima. So treffen sich die Pfader in Luzern mit den Flüchtlingskindern vor dem Primarschulhaus oder in der Turnhalle. Seit einigen Wochen dürfen sie den grossen Saal der ­naheliegenden katholischen Kirchgemeinde benutzen. Da die jungen Erwachsenen bis jetzt alles selber bezahlen, hoffen sie auf Sponsoren.

Offenbar leisten die Luzerner Pfadfinder schweizweit Pionierarbeit. «Nach meinem Wissen sind wir die Ersten, die solche Anlässe anbieten», sagt Rosa-Lynn Rihs. Deshalb hoffe sie, dass dank der Berichterstattung über ihre Aktivitäten auch andere Pfadis auf ähnliche Ideen kommen. «Wir alle haben unglaubliche Freude und mögen die Kinder sehr gerne.» Im Kanton Luzern hat «Pfasyl» bereits damit begonnen, ein Netzwerk aufzubauen. So werden Pfadis in Gemeinden, wo die Flüchtlinge definitiv untergebracht werden, über die Neuankömmlinge informiert.

Am Ende eines Anlasses ist es zur Tradition geworden, einen Tschüss-Kreis zu machen. «Ein kleines Mädchen hat dabei seine Arme zu mir heraufgestreckt, damit ich mich zu ihm hinunterbücke», erzählt Rihs gerührt. «Dann gab es mir einen Kuss und rannte weg.»

Erstellt: 04.12.2016, 20:37 Uhr

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